Hausarbeit ist unsichtbar – und das soll so bleiben

Hausarbeit wird im Verborgenen gemacht – zumindest aus statistischer Sicht. Eine der wenigen Quellen darüber sind Zeitverwendungsstudien. Sie geben darüber Auskunft, wofür die Menschen ihre Lebenszeit verwenden. Eine hochpolitische Frage, welche vor allem die nach Geschlecht sehr unterschiedliche Arbeitsteilung in unserer Gesellschaft sichtbar macht. In den letzten zehn Jahren hat sich unsere Zeitnutzung radikal verändert, doch auf eine Zeitverwendungserhebung, die diese Umbrüche aufzeigt, werden wir in Österreich wohl vorerst leider verzichten müssen.

Erhebungswelle alle zehn Jahre

Circa alle zehn Jahre werden in den EU-Ländern Zeitverwendungsstudien gemacht, um in Erfahrung zu bringen, womit die Wohnbevölkerungen ihre Zeit verbringen. 2019/2020 wäre es laut diesen Zehnerschritten wieder soweit, eine neue Studie durchzuführen – doch daraus wird in Österreich leider nichts. Weder das Frauen- noch das Sozialministerium beabsichtigen, eine solche Studie in Auftrag zu geben, teilten die beiden Ressortchefinnen auf eine parlamentarische Anfrage der Grünen im Sommer 2018 mit.

Etwas nicht in Auftrag zu geben, löst meistens weniger Empörung hervor, als etwas Skandalöses zu erfahren. Das ist schade. Denn die Zeitverwendungsstudie, die bisher 1981, 1992 und 2008/09 von der Statistik Austria durchgeführt wurde, stellt sozialwissenschaftliche Grundlagenforschung dar, die in vielen Bereichen des öffentlichen Lebens Relevanz und Nutzen hat. Aktuelle Zeitverwendungsdaten von unterschiedlichen Gruppen dienen etwa als Datengrundlage zu Untersuchungen über bezahlte und unbezahlte Arbeit, Geschlecht, Bildung, Gesundheit, Mobilität, Umweltverhalten oder auch Freizeit. Künftig keine aktuellen Daten zur Zeitverwendung zu haben, stellt die Forschungsqualität in Österreich deutlich infrage.

Ergebnisse der bisherigen Zeitverwendungsstudien

Die bisher durchgeführten Studien zeigen eine deutliche Schieflage der unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen in der Frage, wofür Zeit verwendet wird oder verwendet werden muss. Die zentrale Aussage der 08/09-Studie war, dass trotz Verschiebungen die bezahlte und unbezahlte Arbeit zwischen den Geschlechtern noch immer sehr ungleich verteilt ist. Vor allem in der Altersphase zwischen 20 und 60 Jahren zeigt sich der Gap ganz deutlich:

Hausarbeit: Wie sieht das Tagesprofil von Frauen und Männern aus?

Ersichtlich wird, dass Frauen genau jene Stunden, die Männer länger erwerbstätig sind, zuhause mit unbezahlter Arbeit (spricht Hausarbeit, Kinderbetreuung, Organisatorisches usw.) verbringen. Zum Zeitpunkt der Erhebung 08/09 belief sich die Teilzeitquote von Frauen auf 41,5 Prozent. Inzwischen – zehn Jahre später – liegt sie bei 47,7 Prozent. Die Antwort auf die Frage, ob sich das Verhältnis von bezahlter und unbezahlter Arbeit zwischen Männern und Frauen dadurch verändert hat, wäre interessant zu wissen.

Beteiligung an der Hausarbeit

Gleichzeitig zeigte sich, dass Männer im Laufe der letzten 40 Jahre ihre Präsenz im Haushalt durchaus steigern konnten. War in den 1980er-Jahren nicht einmal ein Viertel aller Männer in der Hausarbeit aktiv, so steigerte sich dieser Anteil im Jahr 2008/09 auf 74 Prozent aller befragten Männer. Bei Frauen waren es immer noch deutlich mehr, nämlich 92 Prozent.

Der Zeitaufwand für Hausarbeit pro Tag ist bei Männern von den 1980er-Jahren zu 2008/09 interessanterweise ungefähr gleich geblieben: Männer wendeten 2008/09 durchschnittlich 2,5 Stunden für Hausarbeit auf, bei Frauen waren es durchschnittlich ganze vier Stunden pro Tag.

Freizeiträume

Eine unterschiedliche Zeitverteilung zwischen Männern und Frauen zeigte sich auch bei der Kategorie „Freizeit“. Dafür konnten 2008/09 Frauen unter der Woche im Schnitt pro Tag etwas über drei Stunden verwenden und Männer rund 3,5 Stunden. Am Wochenende waren es bei den Frauen 4,5 Stunden, bei den Männern 5,25 Stunden reine Freizeit pro Tag.

Was kostet Hausarbeit und andere unbezahlte Arbeit?

Mit den Daten von Zeitverwendungsstudien lassen sich jedoch nicht nur die Zeitbudgets und -ressourcen der Wohnbevölkerung darstellen, man kann durch sie auch den ökonomischen Wert von unbezahlter Arbeit und damit die Bruttowertschöpfung der Haushaltsproduktion berechnen. Solche sogenannten „Monetarisierungsstudien“, wie sie in unterschiedlichen Ländern Europas immer wieder gemacht werden, basieren auf den Angaben der Zeitverwendungsstudien zu unbezahlter Arbeit.

Wie wird Zeit zu Geld?

Bei Monetarisierungsstudien werden alle geleisteten unbezahlten Haushaltsarbeiten, wie Kinderbetreuung, Haushaltsreinigung, Wäsche, Essenszubereitung, Pflege von Alten und Kranken oder auch Gartenarbeit, zusammengezählt und mit Geld bewertet. Entscheidend ist das sogenannte „Dritt-Personen-Kriterium“, also ob die Tätigkeit – theoretisch – auch von einer dritten Person am freien Dienstleistungsmarkt zugekauft werden könnte.

Als nächstes wird ein Jahresvolumen an unbezahlter Hausarbeit hochgerechnet (durchschnittliche Zeit für unbezahlte Arbeit multipliziert mit Bevölkerungszahl ab einem bestimmten Alter). Als aufwändigster Schritt müssen anschließend die geleisteten Arbeiten finanziell bewertet werden. Dabei werden auch unterschiedliche Stundenlöhne für die Dritt-Personen, je nachdem ob es sich um Fachkräfte oder sogenannte GeneralistInnen (wie z. B. ein Hauswirtschafter/eine Hauswirtschafterin) handelt, berücksichtigt. Endergebnis sind verschiedene Szenarien, die sich aus den unterschiedlichen Stundenlöhnen ergeben.

Zuletzt erfolgt die Einpassung in die Logik des erweiterten Bruttoinlandsprodukts. Hier werden Abschreibungen (Waschmaschine, Staubsauger ersetzt) oder Vorleistungen wie Nahrungsmitteleinkäufe inklusive Wegzeiten und Mobilitätskosten einbezogen.

In Deutschland wurde 2016 eine Monetarisierungsstudie nach diesem Design durchgeführt. Sie kommt bei vorsichtiger Berechnung auf eine Bruttowertschöpfung der Haushaltsproduktion von 987 Milliarden Euro; das sind fast 40 Prozent des BIPs in Deutschland. Haushaltsproduktion in Deutschland könnte also durchaus als eigene Branche betrachtet werden.

Für Österreich liegen keine solchen aktuellen Studien vor. Eine neue Zeitverwendungserhebung wäre eine gute Basis, eine solche Monetarisierungsstudie durchzuführen.

Zeitumbrüche durch Digitalisierung

Die Verwendung von Zeit hat sich in den letzten zehn Jahren radikal verändert – Stichwort Digitalisierung. Wir alle besitzen heute Smartphones, auf denen wir Informationen suchen, Freizeit erleben, arbeiten und kommunizieren. Wir fahren heutzutage nicht einfach zur Arbeit: In derselben Zeit sind wir bereits berufstätig, indem wir Arbeitsmails abrufen oder familiäre Dinge per Handy organisieren.

Dringend nötig wäre also eine moderne Zeiterhebung, die nicht wie bisher nur eine Nebentätigkeit neben der Haupttätigkeit erfasst. Nur so könnte die Zeiterhebung den modernen Erwerbs- und Freizeitregimen gerecht werden. Auch bei der Kinderbetreuung wäre die Erfassung von Nebentätigkeiten von größter Bedeutung, denn diese geschieht häufig „nebenher“ und nicht als Haupttätigkeit.

Die Politik könnte mit aktuellen Zahlen zur Zeitverwendung viel anfangen: Sie könnte dadurch erfahren, welche neuen Belastungen und möglicherweise auch Freiräume für Frauen und Männer durch die Digitalisierung entstanden sind; sie könnte die allerorts gepriesene Partnerschaftlichkeit in der Familie und die Gleichstellung in der Arbeitswelt einem Realitätscheck unterziehen. Und sie hätte auf Basis dieser Daten die Möglichkeit, Maßnahmen zu setzen, welche die Zeitgerechtigkeit zwischen den Bevölkerungsgruppen erhöht.

Der Nutzen von Zeitverwendungsstudien ist also eindeutig. Der Wille zum Wissen aber leider nicht vorhanden.

Hintergründe zur aktuellen Zeitverwendungsforschung auf findet man hier: http://www.reflektive.at/category/schwerpunkte/zeit/

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