Wann läuten die Schulglocken in Europa?

Manchmal sehnen SchülerInnen und Lehrende das Läuten der Schulglocke herbei, manchmal werden sie dabei aus ihrer Konzentration gerissen. Wann am Morgen der Unterricht beginnt, wann er endet und wie er getaktet ist – das kündigen vielerorts Schulglocken an. In etlichen Schulen gibt es jedoch gar keine Schulglocken mehr. Schulzeiten sind in Europa ganz unterschiedlich geregelt. Bildungsinstitutionen sind geprägt von ihrer Pfadabhängigkeit. Das heißt, wie Schule und Schultage gestaltet sind, ist wesentlich bedingt durch die historischen, wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und politischen Ausverhandlungsprozesse eines Landes.

Während in Westeuropa die Schule oftmals als Ganztagsschule oder Schule mit geteiltem Unterricht am Vormittag und Nachmittag organisiert wird, ist in Osteuropa, wie auch in Deutschland und Österreich, die Halbtagsschule die Regel. In etlichen Ländern mit Halbtagsschule gibt es gut ausgebaute Nachmittagsbetreuungs- und Hortsysteme.

Beispielhaft werden in diesem Artikel drei Ganztagsschulmodelle, nämlich die Pflichtschulen in Frankreich, England und Schweden, beschrieben. Im Vergleich dazu wird auch über die verschiedenen Halbtagsschulmodelle Italien, Tschechien und Deutschland berichtet, welche Ganztagsschule oder Nachmittagsbetreuung optional anbieten. Dieser Vergleich soll einen Blick in die Entwicklungsgeschichte von Schulzeiten werfen und Einblick in unterschiedliche Regelungen von (ganztägiger) Schule und Betreuung ermöglichen.

FRANKREICH

Von den sechs genannten Ländern führte Frankreich 1882 als letztes die Bildungspflicht ein. Die damals geschaffenen Rahmenbedingungen für Schulzeiten gelten in ihren Grundzügen bis heute. Festgelegt wurden damals die explizit laizistisch-republikanische Ausrichtung des Bildungssystems und auch die Betreuungslücke am Mittwoch. Ein halber Tag wurde für konfessionelle Bildungstätigkeiten außerhalb der staatlichen Schule zur Verfügung gestellt. Seit den 1960er-Jahren ergänzen Mittagessen und zusätzliche Betreuungsangebote die obligatorischen Ganztagsschulen. Der Schultag beginnt zwischen acht und halb neun und dauert bis vier oder fünf Uhr, unterbrochen von der eineinhalb bis zwei Stunden langen Mittagspause. Der in allen Schulen verfügbare Mittagstisch ist kostenpflichtig, die Beiträge nach Familieneinkommen gestaffelt. Rund die Hälfte der SchülerInnen essen in der Schule. Zentraler Bestandteil der Schulen sind auch die vorwiegend von Lehrenden gestalteten extra-curricularen Angebote während der Mittagspause und nach der Schule sowie eine Art erweiterte Bibliothek, die Raum bietet für individuelle Lerntätigkeiten.

SCHWEDEN

Schweden gilt als prototypisches Beispiel eines sozialstaatlich-aktivierenden Ganztagsschulmodells. Die Zeitstrukturen im Bildungssystem korrespondieren auch hier mit (spezifischen) Arbeits- und Familienstrukturen. Schweden ist kulturell stärker von egalitären DoppelverdienerInnenhaushalten geprägt. Seit rund 100 Jahren ist Schule ganztägig. Die Organisation und Durchsetzung der Bildungspflicht war in dem dünn besiedelten Land auch geografisch eine Herausforderung. 1946 wurde das kostenfreie Mittagessen eingeführt. Der im 20. Jahrhundert geltende Leitgedanke „einer Schule für alle“ wurde durch die Autonomiepolitiken seit den 1990er-Jahren zunehmend konterkariert. Heute ist das Bildungswesen in vielen Bereichen relativ dezentral über Minimal- und Maximalstandards organisiert. Der Nationale Lehrplan schreibt eine Mindestschulstundenanzahl pro Fach für alle neun Schuljahre vor. Schulzeiten, Beginn und Ende von Schultagen und Semester legt die kommunale Behörde fest. Rhythmisierung und Arbeitszeit entscheidet die Schule. Typische Schulzeiten der Grundschule sind acht Uhr bis halb zwei inklusive Mittagessen. In der Sekundarstufe endet der Schultag zwischen zwei Uhr oder um halb vier. Schulen sind verpflichtet, Nachmittagsbetreuung anzubieten, welche meist bis halb sechs Uhr offen ist. Diese ist kostenpflichtig, wenngleich gegenüber privaten Angeboten sehr günstig. Beispielhaft ist das hohe Ausbildungsniveau der FreizeitpädagogInnen und die engen Kooperationsbeziehungen zwischen ihnen und den SchulpädagogInnen während des gesamten Schultags.

ENGLAND

Im Vergleich zu Schweden – und allen anderen Ländern dieses Samples – wurde in England Pflichtschulbildung immer in Kooperation von privaten (oft konfessionellen) und staatlichen Akteuren angeboten. Die zentralen Schulbehörden in England verfügen über relativ wenig Steuerungsmacht, so gibt es keine Vorgaben zu Mindestunterrichtszeiten oder Verteilung des Unterrichtspensums. Das Bildungssystem gilt als neoliberal-privatistisches Ganztagsschulmodell. Wie in Frankreich war Schule auch hier immer schon ganztägig. England führte 1876 – 100 Jahre nach Deutschland und Österreich – die Bildungspflicht ein. Die sozialen Folgen der Industrialisierung, etwa die dramatische Situation von in Fabriken arbeitenden Kindern, war zu diesem Zeitpunkt schon politisch handlungsrelevant. Schulpflicht war auch ein Instrument, um Kinder vor Fabrikarbeit zu schützen. Aus diesem Fürsorge- und Schutzanspruch heraus hat sich in England 1906 auch das erste Gesetz zu Schulmahlzeiten entwickelt. Heute ist das Mittagessen in den ersten Jahren kostenfrei, danach kostenpflichtig. Heute gehen Kinder in England meist von neun Uhr bis halb vier zur Schule. Rund zwei Drittel der Schulen bieten Breakfast- bzw. After-School-Clubs an. Die Politiken und Debatten rund um die schulischen Betreuungsangebote außerhalb des Unterrichts zeigen auch den Wandel von Familien- und Arbeitsmarktstrukturen. Wurden nach dem zweiten Weltkrieg bestehende Nachmittagsbetreuungsstrukturen noch aktiv rückgebaut, so wird in den letzten Jahren eine Ausweitung der Betreuungszeiten von verschiedenen Seiten propagiert und mit staatlichen Programmen angeregt. Dies entspricht der individuellen Workfare-Logik des englischen Wohlfahrtsmodells.

In Frankreich, Schweden und England sind alle Pflichtschulen ganztägige, wenngleich Schul- und Betreuungszeiten sich unterscheiden. In Italien, Deutschland und Tschechien sind Halbtagsschulen die Regel, gleichwohl finden sich auch hier verschiedene Ganztagsschul- bzw. Nachmittagsbetreuungsmodelle. Dabei zeigen sich nicht nur nationale, sondern auch regionale Differenzen.

ITALIEN

Die Volksschule dauert in Italien fünf Jahre. Sie kann in vier verschiedenen Schulzeitmodellen besucht werden. Je nach Modell sind 24, 27, 30 und 40 Stunden pro Woche an fünf bis sechs Tagen vorgesehen. Das 40-Stunden-Modell wurde als fünftägige Form inklusive Ganztagsschule in den 1970er-Jahren als Inkubator pädagogischer Innovation eingeführt. Die finanziellen Mittel – insbesondere im Personalbereich – wurden in den letzten 20 Jahren stark gekürzt. Zugang zu und Nutzung von Ganztagsschulen unterscheiden sich deutlich zwischen Stadt und Land sowie zwischen Norden und Süden. Während in Mailand Ganztagsschulen seit Jahrzehnten Usus sind, stellen sie in Neapel eher ein Unikum dar. Eltern können bei der Schulwahl Präferenzen für ein Schulzeitmodell abgeben. Die letztendliche Zuteilung findet durch die regionalen und kommunalen Bildungsbehörden statt. Ein Rechtsanspruch auf Besuch einer Ganztagsklasse besteht nicht. In der unteren Sekundarstufe bestehen ebenfalls verschiedene Schulzeitmodelle, u.a. ein additives/offenes Ganztagsschulmodell, eine verschränkte bzw. gebundene Ganztagsschule wie im Primarbereich gibt es allerdings nicht.

DEUTSCHLAND

In Deutschland ist Pflichtschule meist in “unzuverlässigen” Halbtagsschulen organisiert. Das heißt Unterricht findet vor allem vormittags statt und endet je nach Wochentag unterschiedlich. Preußen führte als erstes Land dieses Samples die Bildungspflicht ein. Die Schulen, in denen diese ab 1763 zu absolvieren war, waren – ebenso wie in Österreich ab 1974 – Ganztagsschulen. Der Vormittagsunterricht wurde in beiden Ländern erst 1919/1920 durchgesetzt. Nach dem zweiten Weltkrieg erlebte Deutschland zwei verschiedene Staats- und Bildungssysteme. Während man in der Bundesrepublik Deutschland (BRD) ganztägige Bildung, u.a. in Abgrenzung zu den nationalsozialistischen und kommunistischen absolutistischen Staatsformen, größtenteils vehement ablehnte, wurden in der Demokratischen Deutschen Republik (DDR) Tagessschulen angestrebt. Auch dort wurden allerdings vor allem Halbtagsschulen umgesetzt. Diese endeten täglich zur gleichen Zeit, man spricht hier von einem zuverlässigen Halbtagssystem, an das sich ein gut ausgebautes Hortsystem anschloss. In den 1980er-Jahren besuchten in der DDR neun von zehn Kindern die Tageserziehung (Schule und Hort). In der BRD war zur gleichen Zeit nur eins von 20 Kindern in Ganztagsangeboten. Im Zuge der Wiedervereinigung setzte sich vor allem das westdeutsche Prinzip durch. Seit 2003 steht der Ausbau von Ganztagsschulen unter Einbindung der Jugendhilfe mit dem Investitionsprogramm Zukunft, Bildung und Betreuung wieder auf der politischen Agenda. Gleichwohl: Bildung ist in Deutschland Ländersache und die nationalen Vorgaben, die voll gebundene, teilweise gebundene und offene Formen vorsehen, werden in den 16 Bundesländern sehr unterschiedlich umgesetzt. Dies gilt ebenso für den Zugang zu Ganztagsschulen. Ein Rechtsanspruch besteht nicht. Man spricht daher von einem heterogenen Ganztagsschulmodell.

TSCHECHIEN

Pflichtschule meint in Tschechien meist eine zuverlässige Halbtagsschule. Ganztagsschulmodelle spielen keine Rolle. Ein Großteil der PflichtschülerInnen isst allerdings in der Schule zu Mittag. Eltern tragen nur einen Teil der tatsächlichen Kosten. Schulen sind verpflichtet, Mittagstisch und andere ergänzende Leistungen wie Angebote interessensorientierter Bildung zu organisieren. Die jeweils eigenen Angebote für die Primar- bzw. die untere Sekundarstufe können von eigenständigen Organisationen in Anbindung an die Schule oder von dieser selbst umgesetzt werden und sind kostenpflichtig. Insgesamt nehmen 57 Prozent der VolksschülerInnen an den Lern- und Betreuungsangeboten am Nachmittag teil, in den ersten beiden Schuljahren sind es sogar 84 Prozent. Danach nimmt die Inanspruchnahme deutlich ab. Eine große Rolle spielen dabei auch die Angebote des nicht-öffentlichen Bildungsmarktes.

SCHULZEITEN IN EUROPA

Wann und ob Schulglocken in Europa läuten, unterscheidet sich stark je nach Staat, Stadt oder Land. Für die Entstehung und Entwicklung von Ganztagsschulen waren keineswegs immer pädagogische Fragestellungen entscheidend, vielmehr zeigt sich, dass die Organisation von Schulzeit stark von historischen Entwicklungen und gesellschaftlichen Aushandlungsprozessen geprägt ist. Die Schulorganisation unterscheidet sich zwischen den europäischen Schulsystemen deutlich mehr, als die Debatte um Halbtags- und Ganztagsschulen vermuten lässt. So zeigen sich große Unterschiede innerhalb der Halbtags- und Ganztagsschulen. Aktuell finden in vielen Ländern Diskussionen statt, wie die Schulzeit gestaltet wird, welche Freizeitangebote gemacht werden und wie Ferienregelungen gestaltet werden sollen. Einzig die Halbtagsschule, bei der die Glocke um zwölf Uhr läutet und die Kinder in die Feldarbeit am Bauernhof zu Hause entlässt, wird die kommenden Jahre im Geschichtsbuch verschwinden. In Zukunft wird es darum gehen, ganztägige schulische Angebote so zu gestalten, dass Kinder Zugang zu umfangreicher Bildung bekommen und Eltern sich darauf verlassen können, dass ihre Kinder gut betreut werden.

Creative-Commons-Lizenz CC BY-SA 4.0

Dieser Textbeitrag ist unter einer Creative-Commons-Lizenz vom Typ  Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 International zugänglich. Um eine Kopie dieser Lizenz einzusehen, konsultieren Sie http://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/ Weitere Informationen auch hier: https://awblog.at/ueberdiesenblog/open-access-zielsetzung-und-verwendung/

 

Themen
Arbeit & Wirtschaft Blog
MENÜ