Vermögensverteilung in Österreich: Neue Daten, beständige Ungleichheit

Das reichste Prozent der Haushalte in Österreich besitzt fast ein Viertel des Vermögens, die obersten 10 Prozent haben mehr als die restlichen 90 Prozent der Bevölkerung gemeinsam. Die Vermögensungleichheit bleibt damit seit Jahren auf konstant hohem Niveau und zählt zu den höchsten in ganz Europa. Das zeigt die heute veröffentlichte dritte Welle des Household Finance and Consumption Survey (HFCS 2017) der Oesterreichischen Nationalbank.

Seit 2010 erheben die ExpertInnen der Nationalbank sorgfältig die Vermögen von privaten Haushalten und haben damit handfeste Fakten in die zuvor von Mutmaßungen geprägte Diskussion über die Vermögensverteilung gebracht. Das Fazit dieser jahrelangen Forschung ist allerdings ernüchternd. Die Vermögensungleichheit ist viel höher als ursprünglich angenommen und die hohe Ungleichheit ändert sich über die Jahre hinweg kaum.

Der Anteil des reichsten Prozents am gesamten Vermögen bleibt bei fast einem Viertel konstant hoch, während sich die unteren 50 Prozent gemeinsam nicht einmal 4 Prozent des Vermögens teilen. Der bekannte Gini-Koeffizient, der Werte zwischen 0 (max. Gleichheit) und 1 (max. Ungleichheit) annimmt, steht für Vermögen bei 0,73 Punkten.

Einen spannenden Einblick liefert der HFCS 2017 auch beim mittleren Vermögen nach Berufsgruppen. Haushalte von UnternehmerInnen (Median: 254.000 €) und LandwirtInnen (896.500 €) haben deutlich höhere Vermögen als etwa Angestellte (82.400 €), ArbeiterInnen (34.400 €) oder Arbeitslose (3.100 €). Damit zeigen auch die neuen Daten, dass Arbeitslose privat nur auf die notwendigste materielle Absicherung zurückgreifen können.

Superreiche bleiben im Verborgenen

Die hohe Ungleichheit bei privaten Vermögen ist allerdings noch unterschätzt, denn superreiche Haushalte findet man in den HFCS-Daten keine. Diese kommen mit hoher Wahrscheinlichkeit gar nicht in die zufällig gezogene Stichprobe und haben auch eine höhere Tendenz der Teilnahmeverweigerung.

Für den HFCS 2010 und den HFCS 2014 haben ForscherInnen des Linzer ICAE deshalb Schätzungen angestellt, wie hoch die Ungleichheit wäre, wenn Superreiche aus Reichenlisten miteinbezogen werden. Die Berechnungen für 2014 ergaben, dass der Vermögensanteil des Top-1-Prozent von rund einem Viertel auf über 40 Prozent ansteigt.

Eine breite Mittelschicht sucht man in der Vermögensverteilung somit vergeblich. Das in Österreich von der Einkommensverteilung geprägte Bild einer Mittelschichtsgesellschaft entspricht mit Blick auf die Vermögen nicht den Tatsachen. Die reichsten 10 Prozent haben mehr als die restlichen 90 Prozent und die Hälfte der Bevölkerung hat weniger als 83.000 Euro Nettovermögen. Allerdings fühlen sich dennoch viele Menschen der Mittelschicht zugehörig und verorten sich selbst in die Mitte der Verteilung. Vor allem die Reichsten verschätzen sich massiv: Kein einziger Haushalt des reichsten Zehntels ordnet sich an der richtigen Stelle ein, im Durchschnitt schätzen sie sich ins 6. Zehntel ein.

Hohe Ungleichheit wird über Generationen vererbt

Die seit Jahren beständige Vermögenskonzentration hat vielseitige negative Konsequenzen für Wirtschaft und Gesellschaft. Wer viel Vermögen besitzt, kann sich politisch mehr Gehör verschaffen als andere und Vorteile auf Kosten der breiten Bevölkerung erlangen. Zahlreiche Studien haben die Auswirkungen von hoher Ungleichheit auf soziale Spannungen, Gesundheit, Kriminalität und Lebenszufriedenheit gezeigt. Große Vermögen in den Händen weniger widerspricht dem Wunsch vieler Menschen nach mehr Gerechtigkeit und gefährdet den gesellschaftlichen Zusammenhalt.

Hohe Vermögen ermöglichen einigen Wenigen erhebliche Startvorteile gegenüber der breiten Bevölkerung. Diese Vorteile werden über Generationen hinweg weitervererbt und einzementiert. Die neuen Ergebnisse des HFCS 2017 zeigen eindrücklich, dass Erbschaften noch deutlich ungleicher verteilt sind als Vermögen insgesamt. Nur etwa zwei Fünftel der Haushalte in Österreich haben (bisher) eine Erbschaft erhalten. Die meisten davon haben nichts Nennenswertes, einige wenige aber haben sehr viel Vermögen geerbt. Eine umfassende Darstellung gesellschaftlicher Folgen von hoher Vermögensungleichheit und möglicher Lösungsansätze bietet auch die aktuelle Verteilungsbroschüre der Arbeiterkammer.

Österreichs Vermögensungleichheit gehört zu den höchsten im Euroraum

Die Forschung des bekannten Verteilungsökonomen Thomas Piketty hat gezeigt, dass die Konzentration privater Vermögen in den Händen der reichsten 10 Prozent in Europa seit den 1980er-Jahren zunimmt. Die Vermögenden profitierten in allen Euroländern von der Deregulierung der Märkte, Privatisierungswellen, der Orientierung am Shareholder-Value sowie dem internationalen Steuerwettbewerb und von Steueroasen. Zusammen mit Deutschland gehört Österreich zu jenen Ländern im Euroraum mit der höchsten Vermögensungleichheit.

Das durchschnittliche Nettovermögen pro Haushalt liegt in Österreich und Deutschland gleichzeitig bspw. unter den Werten einiger südeuropäischer Länder. Dieser Ländervergleich hinkt jedoch, da in Österreich und Deutschland viele Personen (bis hinein in die Mitte der Bevölkerung) kein Wohnungseigentum besitzen und die Pensionssysteme überwiegend staatlich organisiert sind. ÖsterreicherInnen und Deutsche sind also nicht ärmer als SpanierInnen oder GriechInnen, sondern die Wohlfahrtsstaatssysteme sind höchst unterschiedlich ausgestaltet, insbesondere was das Wohnen oder das Pensions- und Gesundheitssystem betrifft.

Öffentliches Vermögen „verdoppelt“ das Privatvermögen der unteren 90 Prozent

Das heißt im Umkehrschluss aber auch, dass der gut ausgebaute Sozialstaat in Österreich ein wichtiges Vermögen für jene Haushalte darstellt, die ohne Erbschaften und hohe Einkommen auskommen müssen. Öffentliches Vermögen setzt sich aus öffentlicher Infrastruktur wie Schulen, Spitälern und anderen Gebäuden, Verkehrswegen, öffentlichen Transportmitteln, Grundstücken, Seen, Wäldern, Kunstgegenständen und vielem mehr zusammen. In absoluten Zahlen ausgedrückt verdoppelt das öffentliche Vermögen sogar das Privatvermögen der unteren 90 Prozent. Es ist daher besonders wichtig für all jene Menschen, die nicht ihr Geld für sich arbeiten lassen können.

Fazit

Vermögen ist auch in der dritten Welle des HFCS noch extrem ungleich verteilt und Österreich gehört mit Deutschland zu den ungleichsten Ländern des Euroraums. Große Erbschaften tragen dazu bei, diese Ungleichheit noch zu verstärken und verfestigen. Der Wohlfahrtsstaat sorgt hingegen mit einem breiten öffentlichen Vermögen für einen hohen Lebensstandard für alle Menschen, dementsprechend ist es wichtig, den Sozialstaat weiter auszubauen und im Sinne der sozialen Gerechtigkeit auch vermögensbezogene Steuern zur dessen Finanzierung heranzuziehen.

 

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