Digitalisierung als zweite große Transformation

Karl Polanyis Arbeiten stoßen auf wachsendes Interesse. Zu Recht. Denn Polanyis Analyse der Großen Transformation gehört nicht nur zu den Klassikern der Wirtschaftsgeschichte. Sie enthält auch ein erstaunliches Anregungspotenzial für die Analyse der Umbrüche im Gegenwartskapitalismus. Das gilt nicht zuletzt für die vieldiskutierte Digitalisierung.

Das selbstregulierende Marktsystem als katastrophale Utopie

Polanyi befasst sich in seinem Hauptwerk mit der Entstehung der liberalen Marktgesellschaften des 19. Jahrhunderts und ihrem Umkippen in faschistische Regime in der Mitte des 20. Jahrhunderts. Seine Argumentation läuft auf die These hinaus, „dass die Ursprünge der Katastrophe in dem utopischen Bemühen des Wirtschaftsliberalismus zur Errichtung eines selbstregulierenden Marktsystems lagen“.

Dabei argumentiert Polanyi wie folgt: Die Marktgesellschaften entstanden durch die Herauslösung der Märkte aus den gesellschaftlichen Verhältnissen. In ihnen wurde die Ordnung der Warenproduktion und -distribution komplett unregulierten Märkten überlassen. Auch Arbeit, Boden und Geld. Doch ihre Einbeziehung in die „Teufelsmühle des Marktes“ bedeutete, „die Gesellschaftssubstanz schlechthin den Gesetzen des Marktes unterzuordnen“. Denn Arbeit, Boden und Geld sind keine normalen, sondern fiktive Waren. Sie lassen sich nicht wie beliebige Waren behandeln, ohne in ihrer Substanz und in ihrer Funktion für die Gesellschaft Schaden zu nehmen.

Das wird etwa an der Arbeit deutlich. Sie kann nicht ohne den Menschen existieren. Und somit kann die Arbeit „nicht herumgeschoben, unterschiedslos eingesetzt oder auch nur ungenutzt gelassen werden, ohne damit den einzelnen, den Träger dieser spezifischen Ware, zu beinträchtigen“. Es verwundert daher nicht, dass sich die Gesellschaften alsbald zu einer Gegenbewegung und zu marktregulierenden Maßnahmen des Selbstschutzes in Form von Sozialgesetzen gezwungen sahen.

Entbettung des Wohlfahrtsstaates als Etappe zum Finanzmarktkapitalismus

Die sozialwissenschaftliche Forschung hat vielfach Analogien zwischen Polanyis Analyse und der Entwicklung des Gegenwartskapitalismus diagnostiziert. Auch im Übergang vom Wohlfahrtsstaats- zum Finanzmarktkapitalismus wird eine Entbettung kapitalistischer Märkte aus staatlichen Regulierungen beobachtet. Und wieder wirken die destruktiven Kräfte unregulierter Märkte sozial spaltend, sind Tendenzen gesellschaftlicher Zerrüttung offensichtlich und formieren sich postdemokratische Autoritarismen. Der Verweis auf die rechtspopulistischen Bewegungen als Reaktion auf soziale Spaltungen und kulturelle Verunsicherungen mag genügen.

Und jetzt auch noch die Digitalisierung. Sie befördert einen neuen Ökonomisierungs- und Rationalisierungsschub in der Gesellschaft. Dieser Schub treibt einen doppelten Strukturwandel an: die Transformation der Arbeit im Sinne einer umfassenden Restrukturierung von Arbeitsabläufen und Arbeitsorganisation und zugleich die Transformation des Settings sozialer Regulation, also von Schutzrechten, auf dem der erreichte Grad an Dekommodifizierung der Arbeit im Wohlfahrtsstaat beruhte.

Wo bleibt die Polanyi’sche Gegenbewegung zur Digitalisierung?

Als marktgetriebener Prozess, das lässt sich von Polanyi lernen, dürfte die Digitalisierung die Freisetzung der Arbeit aus den arbeits- und sozialrechtlichen Schutzregeln befördern. Die neoliberale Deregulierungs- und Privatisierungspolitik hat damit ja begonnen. Um den absehbaren Folgeschäden für die Gesellschaft entgegenzuwirken, wäre eine Polanyi’sche Gegenbewegung gefordert. Diese hätte der digitalen Rationalisierung von oben und dem Rückbau des Wohlfahrtsstaates entgegenzutreten und zwar durch eine arbeitspolitische Humanisierung von unten und den Neuaufbau arbeitsschützender Interventionsrechte.

Das ist leichter gesagt als getan. Die Digitalisierung folgt keinem technischen Zwangsgesetz. Über ihre Entwicklung wird in sozialen Konflikten, in Transformationskonflikten, entschieden. Ob sich die digitale Revolution als kapitalorientierte Rationalisierung vollzieht oder ob ihre technischen Potenziale für eine Humanisierung der Arbeit aktiviert werden können, entscheidet sich in solchen Konflikten.

Arbeit nach wie vor als zentrale Konfliktachse

Dabei lassen sich zentrale Konfliktachsen benennen. Etwa der Konflikt um den Sozialstatus der Arbeit. Kann auch die neue Wissensarbeit sozial geschützt werden oder entsteht ein Heer prekär arbeitender Solo-Selbstständiger?

Nicht minder bedeutsam ist der Konflikt um die Zeit. Können die Möglichkeiten digitaler Kommunikation in mehr Zeitsouveränität für die Beschäftigten überführt werden oder münden sie in entgrenzte Arbeitszeiten und permanente Rufbereitschaft? Und schließlich der Konflikt um die Qualifizierung. Gelingt die Gestaltung lernförderlicher Arbeitsbedingungen, in denen sich Beschäftigte auch soziale Kompetenzen und die Fähigkeit zu solidarischem Handeln aneignen können oder verkommt die betriebliche Aus- und Weiterbildung zur Vermittlung funktionaler Fertigkeiten, und werden die Menschen zu Humankapital degradiert?

Diese und weitere Konflikte entscheiden über die digitale Zukunft. Gewerkschaften und betriebliche Interessenvertretungen sind gefordert. Sie werden es nicht leicht haben. Die Unternehmen werden darauf drängen, die Digitalisierung zur Steigerung der Produktivität und zur Stabilisierung der betrieblichen Hierarchien zu nutzen. Sie werden auf den Konkurrenzdruck auf nationalen und globalen Märkten verweisen, der sich durch die Digitalisierung verschärft.

Demokratisierung als Voraussetzung für eine humane Digitalisierung

Absehbar ist: Soll die humanisierungspolitische Variante der Digitalisierung obsiegen, muss sie mit einer Demokratisierung der Arbeit verbunden werden. Es geht um institutionelle Einflusskanäle, über die betriebliche Interessenvertretungen, Gewerkschaften und andere humanisierungspolitisch Engagierte hinreichende Durchschlagskraft entfalten und die Interessen der Arbeit zur Geltung bringen können.

Doch mehr noch: Die Digitalisierung durchdringt nicht nur die Arbeitswelt, sie erfasst auch die Gesellschaft. Die sozialen Medien, die aus dem Alltagsleben von immer mehr Menschen kaum noch wegzudenken sind, stellen nur eine Facette der digitalen Durchdringung sozialer Beziehungen dar. Die Kommunikation zwischen den Menschen wird einfacher und schneller, aber sie ist auch leichter kontrollier- und manipulierbar. Auch hier werden die Entwicklungspfade umkämpft sein. Wird die Digitalisierung der Gesellschaft von den Verwertungs- und Machtinteressen transnationaler Mega-Konzerne wie Google oder Facebook dominiert? Oder können die neuen Möglichkeiten digitaler Kommunikation für partizipative und basisdemokratische Verständigungs- und Entscheidungsprozesse genutzt werden? Oder bieten sie mitunter externen, nicht legitimierten Akteuren die Möglichkeit, aus dem Schatten der öffentlichen Wahrnehmung und über kommunikative Interventionen das Wahlverhalten von Menschen zu beeinflussen?

Fragen dieser Art sind von hoher demokratiepolitischer Bedeutung. Sie stellen sich jedoch nicht nur den Gewerkschaften. Eine Polanyi’sche Gegenbewegung muss von breiten gesellschaftlichen Allianzen getragen werden. Dazu gehören politische Akteure und die kritische Wissenschaft. Ohne Einflussnahme auf den Lauf der Dinge dürfte eine humane und gesellschaftsverträgliche Digitalisierung im heutigen Kapitalismus eine schöne, aber ferne Vision bleiben. Auch das lässt sich von Polanyi lernen.

Dieser Beitrag erschien in ähnlicher Form in der Falter-Beilage „Transformation des Kapitalismus? Karl Polanyi – Wiederentdeckung eines Ökonomen“, die in der Reihe „Ökonomie – Eine kritische Handreichung“ erschienen und nun zur Gänze digital verfügbar ist (als Onlineheft und als PDF).

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