Start-ups! Sind Frauen schlechtere Unternehmensgründerinnen?

Kaum mehr als 12–15 % aller Gründer_innen von Start-ups sind weiblich. Männer sind, so hat es den Anschein, unternehmerischer und risikofreudiger als Frauen. Womöglich auch innovativer?

Die Ausgangssituation für Start-ups: Gibt es überhaupt genügend qualifizierte Frauen?

Seit knapp 100 Jahren dürfen Frauen in Österreich ein technisches Studium ergreifen. Otto Glöckel, der ersten Unterrichtsminister der Ersten Österreichischen Republik, leite das in die Wege. Mit seinem Erlass wurde am 7. April 1919 die Zulassung von Frauen zum ordentlichen Studium an den damaligen Technischen Hochschulen in Wien und Graz sowie an der BOKU ab dem WS 1919 ermöglicht. Allerdings nur, soweit sie „ohne Schädigung und Beeinträchtigung der männlichen Studierenden nach den vorhandenen räumlichen und wissenschaftlichen Einrichtungen der einzelnen Hochschulen Platz finden können“.

Fast 100 Jahre danach sind 28 % aller Studierenden der TU Wien Frauen – historisch gesehen ein Höchststand. Im Studienjahr 2017/2018 lag der Anteil der Studienbeginnerinnen sogar bei 32,7 %, von Null auf ein Drittel in 100 Jahren! Das klingt doch schon ganz gut. Schaut man sich die Zahlen im Detail an, so ergibt sich ein differenzierteres Bild:

Gerade in den klassischen „Ingenieurswissenschaften“ sowie in der Informatik liegt der Anteil der Studentinnen fast durchgehend unter 20 %, Schlusslicht ist die Elektrotechnik. Sehr hoch ist der Anteil der Frauen in der Architektur mit über 50 % sowie in der technischen Chemie mit knapp unter 40 %.

Sind technische Studien nach 100 Jahren immer noch „Männersache“?

Was bedeutet das für die Entwicklung unserer (digitalisierten) Zukunft? Frauen sind gerade in den Fachgebieten kaum vorhanden, die maßgeblich an der Digitalisierung und deren Weiterentwicklung forschen und arbeiten: Maschinenwesen, Bauingenieurwesen, Elektrotechnik und Informatik. Algorithmen, die unsere Apps steuern, Elektroautos, mit denen wir fahren (werden), Roboter, die unser Leben vereinfachen sollen, Städte, die „smart“ werden – all das wird maßgeblich von Männern geprägt und gestaltet.

Kaum ein Berufsbild ist so hartnäckig männlich konnotiert wie das österreichische Ingenieurswesen. Zahlreiche Initiativen zu „Mehr Frauen in die Technik“ haben offensichtlich noch nichts daran geändert, dass „der Ingenieur“ immer noch männlich ist.

Männliche Perspektiven und Sichtweisen gestalten unsere Zukunft

In diesem Sinne empfiehlt es sich, einen kritischen Blick auf die gehypte „Start-up-Szene“ zu werfen. In großer Majorität finden sich dort (junge) Männer als Gründer neuer, innovativer Unternehmen. Zwar gibt es (noch) keine verlässlichen Statistiken dazu, doch kann von einem Schnitt von nur rund 12–15 % Gründerinnen ausgegangen werden – europaweit.

Welche Erklärungen haben wir dafür und vor allem, was können wir tun, um das zu verändern? Wollen wir die Gestaltung der Zukunft ausschließlich jungen Männern überlassen? Und sind Frauen womöglich weniger innovativ als Männer?

Aus zahlreichen Studien wissen wir, dass sich Frauen anders bewerben als Männer. Erst dann, wenn jedes Details einer Ausschreibung zu passen scheint, bewerben sich Frauen für Jobs oder nehmen an Wettbewerben teil. Umso wichtiger ist es, Wettbewerbe und Projektausschreibungen hinsichtlich ihrer gendersensiblen Gestaltung zu überprüfen. Von INiTS, dem High-Tech-Inkubator der Universität Wien, technischen Universität Wien und Wirtschaftsagentur Wien, werden grundsätzlich alle Frauen eingeladen, die sich mit ihren Ideen bewerben. Zur Folge hat das einen Frauenanteil von rund 15 % an allen geförderten Projekten.

Oder, noch einfacher und immer wirkungsvoll, die Einführung von Geschlechterquoten insbesondere dann, wenn öffentliche Gelder im Spiel sind. Es ist nicht einzusehen, dass eine Bevölkerungsgruppe überdurchschnittlich gefördert wird. Und die Quote zeigt Wirkung, auch in Bereichen, in denen angeblich keine Frauen zu finden sind: Seit Jahren gibt es an der TU Wien eine 50-%-Geschlechterquote bei der Einrichtung von Doktoratskollegs, die zwingend erreicht werden muss. Das bedeutet in der Konsequenz, dass das Kolleg nicht mit wie üblich zehn Kollegiat_innen eingerichtet wird, sondern mit acht oder sechs. Bis jetzt konnten alle Kollegs mit der Gesamtzahl von zehn Kollegiat_innen eingerichtet werden. Jeweils mit fünf Frauen und fünf Männern.

Genderaspekte bei Start-ups diskutieren und konsequentes Gender-Budgeting umsetzen

Aber auch Fragen, wie „Genderaspekte einer Neugründung“, gehören diskutiert und als Wettbewerbskriterium eingeführt. Neugründungen und Entwicklungen, die öffentlich gefördert werden, sollten allen Menschen gleichermaßen zugutekommen. Dies umfasst auch Überlegungen, welche Themenbereiche überhaupt gefördert werden sollen. Konsequent umgesetztes Gender-Budgeting!

An der TU Wien unterstützen wir unsere Studierenden und Absolvent_innen bei Aus- und Neugründungen durch das I2C, das InnovationIncubationCenter. Und wir legen Wert darauf, insbesondere Frauen zu unterstützen. Seit der Gründung des I2C im Jahre 2016 wurden 17 Spin-offs gefördert, darunter 58 % mit (Co)Gründerinnen, insgesamt wurden 14 Gründerinnen und 34 Gründer gefördert.

Neudefinition von Ingenieurswesen

Gefordert ist offensives Handeln und gezieltes, auch schon frühes Fördern von Technikinteresse und Entrepreneurship von Mädchen und jungen Frauen. 100 Jahre nach der Zulassung von Frauen zu technischen Studien betrachten wir Technikerinnen immer noch als Ausnahmeerscheinungen. Es bedarf ausreichender Ressourcen, Mädchen und Frauen im Ingenieurwesen, in der Technik und Informatik bestmöglich auszubilden. Auf jeder Ebene unseres Bildungssystems, nicht nur an Universitäten und Fachhochschulen. Wir sind gefordert, über eine Neudefinition von „Ingenieurwesen“, von „Digitalisierung“ nachzudenken, in einem Maße, das sicherstellt, dass sich Frauen von diesen (Arbeits)feldern angesprochen fühlen.

Machen wir uns bewusst, dass scheinbar neutrale Begriffe wie „Start-up“ oder „Digitalisierung“ ein Geschlecht haben. Und das ist (noch) männlich, aber die Technik ist weiblich!

Creative-Commons-Lizenz CC BY-SA 4.0

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