337 Wiener Industriearbeiterinnen berichten

Arbeiterinnen arbeiten als Verpackerin in der Pharmaindustrie, Wäscherei- oder Maschinenarbeiterin, Mechatronikerin oder „direkt auf der Linie“. Das ist ein kleiner Ausschnitt der Tätigkeitsbereiche der 337 Wiener Frauen, die im Rahmen der Studie „So leben wir heute. Wiener Industriearbeiterinnen berichten über ihr Leben“ befragt wurden. Dabei zeigt sich: 85 Jahre nach der ersten Studie über Frauen, die in der Industrie beschäftigt sind, hat sich weniger verändert, als man annehmen würde.

Als Vorbild für die aktuelle Untersuchung diente keine geringere als jene von Käthe Leichter, der österreichischen Sozialwissenschafterin und ersten Leiterin des Frauenreferats der Arbeiterkammer Wien. Sie rückte erstmals 1932 mit ihrer bahnbrechenden Studie „So leben wir … 1320 Industriearbeiterinnen berichten über ihr Leben“ die Arbeiterinnen ins Zentrum der Forschung. Diese Erhebung bildet auch einen historischen Referenzpunkt, denn neben der aktuellen Lage der Arbeiterinnen werden auch die Veränderungen in diesen 85 Jahren in der Erwerbsarbeit und auch im Privaten dargestellt.

Große Unterschiede für die Arbeiterinnen nach Branchen

Im Vergleich zu Leichters Zeit mit rund 54.000 Arbeiterinnen ist die Anzahl der Wiener Industriearbeiterinnen heute gering: Aktuell sind circa 5.500 Frauen in Wiener Industriebetrieben beschäftigt, das sind rund 26 Prozent der insgesamt 21.500 dort beschäftigten Arbeiter und Arbeiterinnen. Die mit Abstand meisten Arbeiterinnen, mehr als die Hälfte, arbeiten in der Nahrungsmittelindustrie, gefolgt von „Herstellung sonstiger Waren“, wie z. B. Schmuck oder medizinische Apparate, dann Elektro-, Pharma- und Metallindustrie.

Die Arbeitsbedingungen sind je nach Branche und Tätigkeitsbereich sehr unterschiedlich. Wenige, gutverdienende Arbeiterinnen in männerdominierten Industriezweigen stehen einer Vielzahl von Arbeiterinnen mit sehr geringem Einkommen in frauendominierten Niedriglohnbranchen gegenüber. Während eine Arbeiterin berichtet, dass sie an „uralten“ Maschinen arbeitet und Angst hat, „dass sie zerbröseln“ sowie „mit Computern aus dem Beginn der Computer-Ära“, veranschaulicht eine andere eindrücklich den rasanten technologischen Wandel: „Wie ich angefangen habe, da waren wir auf jeder Maschine ein Mann. Heute bediene ich acht Maschinen alleine.“

Weniger Belastungen durch Schutzmaßnahmen

Im Vergleich mit den Ergebnissen der Studie von Käthe Leichter von 1932 zeigen sich viele positive Veränderungen, so scheint sich etwa die damals hohe Unfall- und Verletzungsgefahr heute, dank eines ausgebauten ArbeitnehmerInnenschutzes, deutlich reduziert zu haben. Weniger Bedeutung haben teilweise auch Dauerbelastungen aufgrund schwerer körperlicher Arbeit. Das wird auch in einer kurzfristigeren Perspektive von Arbeiterinnen selbst als positiv beschrieben: „Also bei wirklich schweren Arbeiten, wo man sich abgewechselt hat, was jetzt ein Roboter macht. Man muss ehrlich sagen, da ist auch eine körperliche Erleichterung dabei.“ Aktuelle Belastungsthemen, die in einzelnen Branchen nach wie vor bestehen, sind in erster Linie Hitze, Kälte, starke Temperaturschwankungen und (Fein-)Staubbelastung sowie einseitige körperliche Belastungen (beispielsweise langes Stehen). Sehr häufig klagen die Arbeiterinnen über großen Zeitdruck und konstanten Stress. „Der Takt wird von der Maschine vorgegeben“, so beschreiben und kritisieren viele Arbeiterinnen die Produktionsabläufe.

Hoher Zeitdruck – Arbeitszeitverkürzung statt 12-Stunden-Tag

Was die Arbeitszeit betrifft, schätzen rund die Hälfte der Befragten eine Arbeitszeitverkürzung mit Lohnausgleich positiv ein. Denn Arbeitsbelastungen und -dichte sind für viele Arbeiterinnen mit einer Vollzeitbeschäftigung bereits an oder über der Belastungsgrenze.

Ebenfalls rund die Hälfte der Arbeiterinnen fühlt sich durch Zeitdruck sehr belastet oder belastet, der Großteil davon ist „ständigem Arbeitsdruck ohne Zeit zu verschnaufen“ ausgesetzt. „Also wenn ein bisschen weniger Stress wäre und man nicht immer das Letzte aus sich herausholen müsste (…), ein bisschen herunterschrauben könnt man das schon. Es sind, wie gesagt, eben diese acht Stunden, und das fünfmal die Woche, und dann noch zusätzlich die Tage, an denen eingearbeitet wird.“ Ganz besonders schwer haben es jene Frauen, die neben der Erwerbsarbeit auch noch Betreuungspflichten zu schultern haben, insbesondere, weil über 80 Prozent der befragten Arbeiterinnen in Vollzeit beschäftigt sind.

Das Risiko eines Hochschraubens der Arbeitszeit durch die neuen gesetzlichen Möglichkeiten ist in Industriebranchen, in denen die Vollzeitnorm gilt – oft auch mit Schichtarbeit verbunden –, besonders nachteilig, insbesondere für Frauen mit Betreuungspflichten. Anders als in anderen Branchen ist die Elternteilzeit faktisch die einzige Möglichkeit für Frauen, die Arbeitszeit aufgrund von Betreuungspflichten zu reduzieren bzw. zu gestalten. Neben einer klaren Absage an den 12-Stunden-Tag braucht es auch weitere Anreize wie flexible Gestaltungsmöglichkeiten der Arbeitszeit für ArbeitnehmerInnen in Betrieben, wie etwa Gleitzeitregelungen, flexiblere Pausenmöglichkeiten oder auch die reale Möglichkeit, dass Arbeiterinnen Altersteilzeit in Anspruch nehmen können.

Arbeiterinnen wünschen sich Weiterbildung, bekommen sie aber kaum

Mehr als ausbaufähig wäre auch die betriebliche Weiterbildung. Vier von zehn Arbeiterinnen geben an, dass sie mit den Weiterbildungsmöglichkeiten unzufrieden sind. So berichtet der Großteil der Befragten, dass ihnen zumeist nur vor Ort gezeigt wird, was zu tun ist, eine Aus- oder Weiterbildung im eigentlichen Sinn wird nicht angeboten. „Da stehen wir dann mal dort, und es wird erklärt, das passiert schon, aber jetzt nicht in der Dimension wie die anderen[FacharbeiterInnen], die das gelernt haben.“

Das hängt auch damit zusammen, dass nur eine Minderheit der Arbeiterinnen in einer qualifizierten Position als Facharbeiterin, Vorarbeiterin, Meisterin oder Teamleiterin arbeitet, der Großteil der Industriearbeiterinnen, mehr als zwei Drittel, sind un- oder angelernt beschäftigt. Und das, obwohl rund 60 Prozent über eine weiterführende Ausbildung (vor allem Lehre) verfügen. Nur findet diese im konkreten Tätigkeitsbereich oft keine Anerkennung, weil sie beispielsweise in einem anderen Berufsfeld (z. B. Friseurin) oder im Ausland erworben wurde und hier nicht anerkannt ist. Es bleiben somit auch viele Qualifizierungspotenziale ungenützt.

Die Bedeutung von Weiterbildung für den Wandel unter dem Schlagwort Industrie 4.0 ist zwar in aller Munde, aber bei den Arbeiterinnen ist sie nur selten Realität. Die damit verbundenen Veränderungen der Arbeitsprozesse betreffen aber gerade auch Arbeiterinnen stark. Hier braucht es die aktive Einbindung von BetriebsrätInnen und allen Beschäftigten in Veränderungsprozesse – derzeit nehmen Arbeiterinnen hier kaum Mitgestaltungsmöglichkeiten wahr, wie die Studie zeigt.

Kaum ein Auskommen mit dem Einkommen

Auch beim Einkommen der Arbeiterinnen besteht Handlungsbedarf, wie die Ergebnisse der Studie deutlich machen. Fünf von zehn Frauen geben an, dass sie mit ihrem Einkommen gerade so auskommen. 10 Prozent der befragten Frauen geben an, dass es nicht reicht. Sechs von zehn Frauen wiederum geben an, Schulden zu haben.

Diese Ergebnisse verwundern nicht, denn die niedrigen Einkommen überwiegen deutlich: So verdienen 55 Prozent der befragten Arbeiterinnen trotz Vollzeit unter 1.500 Euro netto. Bei Arbeiterinnen, die nicht in Österreich geboren sind, beträgt dieser Anteil sogar 70 Prozent. Aber nur circa 11 Prozent der befragten Arbeiterinnen verdienen 2.000 Euro netto oder mehr. Das niedrige durchschnittliche Einkommensniveau hängt vor allem damit zusammen, dass sehr viele Arbeiterinnen in Niedriglohn-Industriebranchen arbeiten, mit teilweise – trotz Facharbeiterinnen-Niveau – sehr niedrigen Löhnen. Die Auswirkungen des Gender Pay Gaps bekommen somit Industriearbeiterinnen stark zu spüren.

Arbeiterinnen, auch das zeigt die Studie, fehlt es an entsprechender Anerkennung, wie das folgende Zitat verdeutlicht: „Ich habe das Gefühl, dass heute die Wertschätzung von Arbeitern sehr fehlt. Es wird immer nur auf die Wirtschaft geschaut, aber nie auf die, die die Wirtschaft am Leben erhalten, also die Arbeiter.“

Was würde Käthe Leichter, wäre sie noch unter uns, wohl zu den Ergebnissen dieser Studie sagen? Von der wirtschaftlichen und politischen Stabilität, wie wir sie heute im Vergleich zu damals erleben, wäre sie vermutlich beeindruckt, hätte sich wahrscheinlich aber doch mehr Gleichstellung für Frauen sowohl in der Arbeitswelt als auch im Privaten erhofft.

 

Die Studie „So leben wir heute. Wiener Industriearbeiterinnen berichten über ihr Leben. Auf den Spuren Käthe Leichters“, Wien 2018, wurde erstellt von IFES (Eva Zeglovits, Teresa Schaup) und L&R Sozialforschung (Claudia Sorger, Nadja Bergmann) im Auftrag von:

MA 23 – Wirtschaft, Arbeit und Statistik, MA 57 – Frauenservice Wien und AK Wien – Abteilung Frauen.

Die Studie ist kostenlos zu beziehen über die MA 57 oder die AK Wien: https://www.wien.gv.at/wienatshop/Gast_bestellservice/

Download unter: https://www.wien.gv.at/menschen/frauen/stichwort/arbeit/so-leben-wir.htmlhttps://wien.arbeiterkammer.at/service/studien/Frauen/So_leben_wir_heute.pdf

 

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