Zur Skandal­isierung schein­bar frei­williger Teilzeit­erwerbs­tätigkeit– eine Analyse in drei Teilen

11. April 2024

Der von konservativer und wirtschaftsliberaler Seite vorgebrachten Kritik an „freiwilliger“ Teilzeitarbeit setzen wir in drei Beiträgen eine differenziertere Auseinandersetzung mit den Gründen für Teilzeit bei Frauen entgegen. Dieser Beitrag hinterfragt die Unterscheidung zwischen freiwilliger und unfreiwilliger Teilzeit und analysiert, wie diese Unterscheidung politisch instrumentalisiert wird (Teil 1). Wir zeigen weiters, dass es neben Betreuungsverpflichtungen vor allem gesundheitliche Gründe sind, warum Frauen Teilzeit arbeiten (Teil 2). Entsprechend relevant ist Teilzeit auch für eine alternsgerechte Arbeitszeitgestaltung (Teil 3).

In der von der ÖVP begonnenen Skandalisierung von „freiwilliger“ Teilzeit stehen vor allem jene Personen im Mittelpunkt, die angeblich ohne triftigen Grund keiner Vollzeitarbeit nachgehen. So hat Bundeskanzler Karl Nehammer bei einer Parteiveranstaltung argumentiert, dass die Armut in Österreich nicht so groß sein könne, sonst würden doch mehr Frauen ohne Betreuungsverpflichtungen Vollzeit arbeiten.

Arbeitsminister Martin Kocher dachte wiederum darüber nach, Familien- und Sozialleistungen zu aliquotieren, wenn Personen „freiwillig“ weniger arbeiten. Dieser Angriff zielt auf Frauen ab, denn unter den weiblichen Beschäftigten stellt Teilzeitarbeit mittlerweile die dominante Beschäftigungsform dar (50,7 Prozent), bei Männern spielt sie eine untergeordnete Rolle (13,4 Prozent). Die Kritik daran fiel deutlich aus, schließlich werden hier Teilzeitbeschäftigte ohne Betreuungsverpflichtungen in die Nähe von Arbeitsunwilligkeit gerückt. 

Gründe für Teilzeit in der Arbeitskräfteerhebung 

In den wissenschaftlichen und politischen Debatten über die Gründe für Teilzeit bildet die Mikrozensus-Arbeitskräfteerhebung der Statistik Austria den zentralen Referenzpunkt. Regelmäßig werden repräsentativ ausgewählte Personen zu ihrer Erwerbssituation befragt. Geben sie an, in Teilzeit zu arbeiten, stehen folgende Gründe als Antwortmöglichkeit zur Auswahl: 1) Betreuung von Kindern oder pflegebedürftigen Angehörigen, 2) es wird keine Vollzeit gewünscht, 3) es gibt andere persönliche oder familiäre Gründe, 4) es wurde keine Vollzeit gefunden, 5) schulische oder berufliche Aus- oder Fortbildung, 6) Krankheit oder Behinderung oder 4) sonstige Gründe mit einer offenen Antwortmöglichkeit. 

Mit knapp 40 Prozent ist die Betreuung von Kindern oder Erwachsenen der häufigste Grund für Teilzeitbeschäftigung bei Frauen (siehe Abbildung 1). Dieser hohe Prozentsatz ist den nationalen politischen Rahmenbedingungen geschuldet: Österreich gehört mit Deutschland, Großbritannien und den Niederlanden zu jenen europäischen Staaten, in denen Teilzeitarbeit das vorherrschende Vereinbarkeitsmodell darstellt. Den zweitgrößten Anteil – nämlich 25 Prozent – macht jene Gruppe aus, die angibt, keine Vollzeit zu wünschen. Die übrigen Kategorien bleiben jeweils unter zehn Prozent (in den sonstigen Gründen ist auch die Kategorie „Erkrankung oder Behinderung“ enthalten, die rund drei Prozent ausmacht). 


© A&W Blog


Wer wünscht sich keine Vollzeit? 

Die Angriffe von konservativer bzw. wirtschaftsliberaler Seite zielen vor allem auf die Kategorie „keine Vollzeittätigkeit gewünscht“ ab. Aber kann man aus diesen Zahlen tatsächlich ableiten, dass ein Viertel der teilzeitbeschäftigten Frauen nicht Vollzeit arbeiten will, obwohl sie eigentlich könnten, weil sie ja scheinbar keine Betreuungsverpflichtungen haben?  

Hier lohnt wieder ein genauer Blick darauf, was und wie erhoben wird. Zunächst bedeutet die Angabe eines anderen Grundes für Teilzeitbeschäftigung nicht, dass keine Betreuungsverpflichtungen bestehen. Denn die Befragten müssen sich in der Arbeitskräfteerhebung für einen Grund – den Hauptgrund – entscheiden. Diese Entscheidung hängt wiederum davon ab, wie sie ihre aktuelle Situation deuten. Eine Frau, die sich beispielsweise um ihre pflegebedürftigen Eltern kümmert, gleichzeitig aber auch eine Erkrankung hat, die keine Vollzeit ermöglicht, muss sich bei der Befragung für einen Grund entscheiden, der dann in die Statistik einfließt. Der andere Grund fällt unter den Tisch.  

Darüber hinaus zeigt sich, dass der Anteil an Personen, die angeben, keine Vollzeit zu wünschen, ab 45 Jahren deutlich ansteigt (Abbildung 2). Ab 55 Jahren ist das der häufigste Grund – er wird von 46 Prozent genannt. In den jüngeren Altersgruppen spielt er hingegen kaum eine Rolle. Bei den 15 bis 29-jährigen Frauen ist jede zweite Frau aufgrund von Aus- und Weiterbildung in Teilzeitbeschäftigung, nur 12,4 Prozent geben an, keine Vollzeit zu wünschen. Das hat u. a. damit zu tun, dass in der Kategorie „möchte keine Vollzeitarbeit“ zwei sehr unterschiedliche Gründe zusammengefasst werden: nämlich sowohl der „Wunsch nach mehr Freizeit oder Zeit für eigene Interessen“ als auch Altersteilzeit und Teilzeitarbeit in der Pension. Hinzu kommt, dass sich mit zunehmendem Alter auch die Belastungsgrenzen verschieben. Viele können unter den gegebenen Arbeitsbedingungen nicht mehr und reduzieren präventiv Arbeitsstunden, um es bis zur Pension zu schaffen (siehe Blog Teil 2 und 3).  

Bei der Interpretation der Daten ist also Vorsicht geboten. Sie liefern uns nur ein begrenztes Bild der Realität. Hinzu kommt, dass die offiziellen Bezeichnungen und Kategorisierungen von statistischen Daten Einfluss darauf haben können, wie in der Öffentlichkeit Daten verstanden und interpretiert werden. Die „österreichische“ Antwortkategorie „keine Vollzeit gewünscht“ erzeugt ein anderes Bild als mit „Ich möchte Teilzeit arbeiten“ antworten zu können, wie das in der deutschen Arbeitskräfteerhebung der Fall ist.

© A&W Blog


Freiwilligkeit – ein relatives Konzept 

In der wissenschaftlichen und politischen Debatte hat sich die Einteilung dieser unterschiedlichen Gründe in „freiwillig“ und „unfreiwillig“ etabliert. Üblicherweise wird nur die Kategorie „keine Vollzeit gefunden“ als unfreiwillige Teilzeitarbeit klassifiziert. Welcher Logik folgt diese Einteilung aber?

Zunächst scheinen individuelle Motive das zentrale Kriterium zu sein. Auf den zweiten Blick ist das jedoch weniger eindeutig. Teilzeit aufgrund von Kinderbetreuungsverpflichtungen kann sowohl als selbstgewählt oder als fremdbestimmte Notwendigkeit erfahren werden, etwa wenn der Kindergarten um 13.00 Uhr schließt. Ebenso kann Altersteilzeit als „unfreiwillig“ erlebt werden, wenn belastende Arbeitsbedingungen ein längeres Arbeiten nicht mehr möglich machen, obwohl man das gerne gewollt hätte. Und schließlich können zunächst unfreiwillige Arrangements im Zeitverlauf als freiwillig empfunden werden, weil man sich in der Situation eingerichtet hat. Diese Klassifizierung basiert also nicht darauf, ob Befragte die Ursachen für Teilzeit als selbst gewählt oder fremdbestimmt deuten. Tatsächlich wird das in der Arbeitskräfteerhebung gar nicht erhoben. Geht es dann vielleicht eher um strukturelle Ursachen? Auch nicht so richtig, denn wenn bei der als unfreiwillig klassifizierten Kategorie „keinen Vollzeitjob gefunden“, die fehlenden Jobangebote „schuld“ sind, dann könnte man ebenso sagen, dass das Fehlen von Betreuungsplätzen oder auch nicht adäquate Arbeitsbedingungen im Falle einer Behinderung eine von Frauen gewünschte Vollzeit verunmöglichen.

Die nachträgliche Einteilung in freiwillige und unfreiwillige Teilzeitbeschäftigung ist irreführend und problematisch. Aus diesem Grund verweist auch die Europäische Kommission darauf, dass die Antworten auf diese Fragen nur mit großer Vorsicht interpretiert werden sollten: „...not wanting a full time job may have more to do with force of circumstances […] rather than with a genuine desire to work part-time.“ Suggeriert wird einerseits, dass von Gründen auf persönliche Motive rückgeschlossen werden kann, die in dieser Form jedoch nicht erhoben werden. Andererseits werden durch das Etikett „freiwillig“ strukturelle Ursachen unsichtbar gemacht.  

Politische Skandalisierung einer statistischen Kategorie 

In dieser von der ÖVP angezettelten Teilzeitdebatte geht es allerdings nur vordergründig darum, ob Teilzeitbeschäftigung selbstbestimmt ist oder nicht. Vielmehr geht es darum „freiwillige“ Teilzeit als Ablehnung von Vollzeitarbeit und damit Leistungsverweigerung zu deuten – und diese dann zu skandalisieren. Das gelingt mit einer geschickten Verknüpfung von an der männlichen Lebensrealität ausgerichteten Leistungsnorm mit autoritären Haltungen. Im Kern steht hier die Vorstellung, dass nur Erwerbsarbeit „wirkliche“ Arbeit sei und deshalb auch nur so ein legitimer Beitrag zu Gesellschaft geleistet würde. Die unbezahlte Haushalts- und (Ver)Sorge-Arbeit, die zu zwei Dritteln von Frauen verrichtet wird und ohne die eine Gesellschaft nicht funktionieren würde, zählt dabei wenig und kann allenfalls nur kurz als Grund für eine Erwerbsarbeits-„Auszeit“ dienen. Nur in so einem Weltbild ergibt der Begriff „Teilzeitarbeit“ überhaupt Sinn, denn für Frauen endet der Arbeitstag in der Regel nicht am Werkstor oder der Bürotür. Zu Hause beginnt dann die „zweite Schicht“. Andererseits enthält diese Skandalisierung aber auch autoritäre Züge, die charakteristisch für den „Radikalisierten Konservatismus“ bzw. eine Politik der „rohen Bürgerlichkeit“ ist, deren Spuren sich auch in Teilen der ÖVP wiederfinden. Gefordert wird eine Unterordnung der Beschäftigten unter die Erfordernisse der Wirtschaft. Keine Vollzeit zu wollen heißt, sich der Arbeit und damit der Gesellschaft zu verweigern und muss entsprechend sanktioniert werden, wie Bundesminister Kocher vorrechnet: „In Österreich wird wenig unterschieden bei Sozial- und Familienleistungen, ob jemand 20 oder 38 Stunden arbeitet. Wenn Menschen freiwillig weniger arbeiten, dann gibt es weniger Grund, Sozialleistungen zu zahlen“.  

Es braucht Lösungen für die strukturellen Ursachen von Teilzeit 

Der Beitrag hat gezeigt, dass statistische Erhebungen zur Teilzeit vielfach zu kurz greifen, weil sie komplexe Lebensrealitäten stark vereinfachen. Hier wäre eine Verbesserung der Datenlage zu begrüßen. Neben der gesonderten Erhebung der Altersteilzeit wäre auch eine zusätzliche Kategorie zu gesundheitlichen Belastungen wünschenswert, wie sie beispielsweise der schwedische Labour Force Survey bereits enthält („Die Arbeit ist psychisch und physisch anstrengend, daher wurde Teilzeit gewählt“). Doch geht es hier nicht nur um ein akademisches Problem, sondern darum, wie eine bestimmte Lesart von Daten dafür instrumentalisiert wird, bestimmte Teilzeitgründe als Leistungsverweigerung zu skandalisieren, anstatt die strukturellen Gründe politisch anzugehen, die Gleichberechtigung am Arbeitsmarkt forcieren und unbezahlte Haus- und Sorgearbeit verhindern. 

Daher braucht es: 


Creative-Commons-Lizenz CC BY-SA 4.0: Dieser Beitrag ist unter einer Creative-Commons-Lizenz vom Typ Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 International zugänglich. Um eine Kopie dieser Lizenz einzusehen, konsultieren Sie http://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/. Weitere Informationen https://awblog.at/ueberdiesenblog/open-access-zielsetzung-und-verwendung