Vermögensverteilung in Deutschland: neue Daten zu MillionärInnen

Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) hat jüngst neue Daten zu den MillionärInnen in Deutschland veröffentlicht. Der Anteil des Top-1 Prozent am gesamten Vermögen ist mit 29 Prozent höher als bisher angenommen (21,6 Prozent) und für die Top-0,1 Prozent sind es nun 12,8 Prozent (7,3 Prozent).

Die DIW-AutorInnen argumentieren gegen eine Vermögenssteuer. Dies mag überraschen: Die Reichen sind reicher als bislang ausgewiesen, aber doch zu arm für eine Vermögenssteuer?

Datenlücke bei sehr hohen Vermögen geschlossen“, verkündete das DIW stolz. Wer von einer Lücke spricht, muss das Ganze kennen. Doch genau dies ist bei der Vermögensverteilung weiterhin nicht der Fall. Fast nichts wissen wir zu MilliardärInnen, und ob wir zu MultimillionärInnen nun mehr als bislang wissen, ist fraglich. Um wie viel haben die Reichen nun tatsächlich mehr? Nimmt das DIW die Reichenliste des „Manager Magazins“ zur Berechnung hinzu, würde der Anteil des Top-1 Prozent bei 35 Prozent liegen.

Das DIW ging statistisch so vor: Es wurden zusätzlich Personen mit Unternehmensbeteiligungen aus dem obersten Perzentil der Verteilung der Unternehmensbeteiligungen befragt. Bei einem solchen Oversampling kommen mehr Vermögende in die Stichprobe. Dies verbessert die Stichprobenziehung und bringt eine höhere Präzision bei den Schätzern. Menschen mit Beteiligungen an Unternehmen sind im Durchschnitt vermögender als der Rest. Die Kontrolle über Non-response-Probleme (Antwortverweigerungen) wird erleichtert. In der Folge sind dann auch die erhobenen Nettovermögenswerte im Durchschnitt höher.

Die MillionärInnen in der DIW-Befragung geben ein Nettovermögen von durchschnittlich etwa 3 Mio. Euro an. Dies spricht dafür, dass die Überreichen mit einem Nettovermögen über 100 Mio. Euro auch in dieser Stichprobe deutlich unterrepräsentiert sind.

Keinesfalls erreichen ForscherInnen mit der Spezialstichprobe alle Vermögenden. Es sind nicht „die MillionärInnen“, sondern nur bestimmte MillionärInnen, nämlich UnternehmerInnen, die über die neue Oversampling-Methode identifiziert wurden, danach für die InterviewerInnen erreichbar waren, an der Befragung teilnahmen, ihre Vermögensverhältnisse kannten und schlussendlich wahrheitsgetreue Auskünfte gaben. Reichlich viele Voraussetzungen für das Schließen einer Lücke.

Der Armutsforscher Christoph Butterweg findet kritische Worte zur DIW-Studie, und auch der Soziologe Michael Hartmann ist skeptisch.

Nicht alle MillionärInnen unter dem Mikroskop

Wer MillionärInnen unter dem Mikroskop darstellt, wählt eine bestimmte Gruppe in der Vermögensverteilung aus. Doch ob MillionärInnen an sich bereits viele Gemeinsamkeiten haben, ist fragwürdig. Allein von der Vermögenshöhe her betrachtet, unterscheiden sie sich beträchtlich voneinander. Eine Vermögensdistanz von einstelligen Millionenbeträgen bis zu dreistelligen, wie in der DIW-Spezialstichprobe beinhaltet, ist doch enorm. MillionärInnen mit dreistelligen Millionenbeträgen sind den überreichen MilliardärInnen wohl ähnlicher, während die einstelligen MillionärInnen sich näher bei wohlhabenden ImmobilieneigentümerInnen befinden.

Unterscheidung nach Vermögensfunktionen notwendig

Besser wäre es, zwischen Vermögensfunktionen zu unterscheiden. Auf den ersten Blick wären so wenigstens zwei Gruppen innerhalb der MillionärInnen mit unterschiedlichen Vermögensfunktionen zu vermuten. Die einen haben Macht, die Gesellschaft nach ihren Ideen und Interessen zu gestalten, die anderen nutzen ihr Vermögen für Wohnzwecke oder um einen eher kleinen Teil ihres gesamten Einkommens daraus zu erzielen.

Zusammengehalten werden MillionärInnen wohl nur begrifflich und über kulturspezifische Narrative aus dem 19. Jahrhundert.

Eine Million ist, auch in einer harten Währung, eine problematische und willkürliche Grenzziehung. Im 19. Jahrhundert war die Gruppe der MillionärInnen klein und umriss die Reichsten in der Gesellschaft. Doch heute zählen zu ihr mehr als 24 Mio. Menschen in US-Dollar weltweit. Allein in den USA sind es über 16 Mio. Menschen.

Millionen von MillionärInnen deuten darauf hin, dass eine solche Gruppenauswahl wenig mit OligarchInnen, welche eine Demokratie zerstören, zu tun hat. Und Narrative von MillionärInnen leiten den Diskurs leicht und gerne ins Affirmative: In bildhaften Assoziationen der RezipientInnen geht es dann wieder um Leistung und Arbeitsplätze und nicht um Macht und Ausbeutung.

Probleme mit freiwilligen Auskünften von reichen Menschen

Wer vermag zu sagen, wie sehr sich die Reichen bei der Angabe ihrer Vermögenswerte an die Wahrheit halten? Auch das DIW vertraut auf freiwillige Selbstauskünfte von Menschen. Dabei kommt es zu einer deutlichen Unterschätzung im Vergleich zu den Aggregaten der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung (VGR). Und auch die VGR-Daten stellen vermutlich eine Unterschätzung dar, wenn Fragen der Steuerhinterziehung und Bewertungsproblematiken berücksichtigt werden.

Bei den freiwilligen Haushaltsbefragungen hängt alles weiterhin vom guten Willen der Reichen ab. Arthur Kennickell, der Vater der Vermögensforschung in den USA, sagte mir einmal, „wir Vermögensforscher benötigen Vermögende mit Gemeinschaftssinn. Diese nehmen sich Zeit zur Teilnahme und geben ihre Vermögenswerte wahrheitsgetreu an.“ Doch Gemeinschaftssinn ist nicht zu oktroyieren. Manche haben ihn, anderen wird er zeitlebens fehlen. Verzerrungen der Ergebnisse durch die freiwillige Befragung sind folglich unvermeidlich, da können die InterviewerInnen noch so gut geschult sein. Niemand kann zu einer Teilnahme an einer freiwilligen Erhebung oder zu einer korrekten Beantwortung von Fragen zum Vermögen gezwungen werden. Die Korrektur von Fehlangaben bleibt aber eine ungelöste statistische Herausforderung. Wie soll ich Fehlangaben korrigieren, wenn ich die Wirklichkeit nicht kenne? Und was weiß ich von SchlossbesitzerInnen und ErbInnen, die keine UnternehmerInnen sind? Viele reiche Menschen halten ihr Vermögen über verschachtelte Firmenkonstruktionen und Stiftungen im Ausland. In der Spezialstichprobe des DIW ist dies nicht enthalten.

Eingeständnis von Datenproblemen

Intellektuell redlich ist es, zu sagen, dass man auch heute noch zu wenig über die Vermögenskonzentration weiß. Ein offenes Eingeständnis des Nichtwissens zum privaten Vermögen sehr reicher Menschen würde die Notwendigkeit weiterer öffentlich finanzierter Forschung zur Vermögensverteilung hervorheben.

In der Forschung zur Vermögensverteilung werden Puzzlesteine ohne Bildvorlage, d. h. ohne Kenntnis des Ganzen, zusammengetragen. Da die Vermögensfunktion der Überreichen sich nicht in Nutzung oder Konsum erschöpft, sondern politische und ökonomische Macht bedeutet, wäre es wichtig, dies kenntlich zu machen. Gerade statistische Daten aus Haushaltsbefragungen enden nicht bei Nettovermögensangaben, sondern würden es erlauben, Formen des Vermögens (Komponenten des Finanz- und Sachvermögens) und Funktionen des Vermögens zu unterscheiden.

Fehlende öffentliche Debatten

Statistische Informationen zu den Anteilen diverser Perzentile am gesamten Vermögen bewirken wirtschaftspolitisch wenig, solange es keinen Zielwert für die Top-Anteile gibt. Die statistische Diagnose zum Anstieg oder Rückgang der Vermögensungleichheit ersetzt keine normative Debatte zur Frage, was gut oder schlecht an Vermögenskonzentration ist. Und erst das Ergebnis einer solchen öffentlichen Deliberation erlaubt Rückschlüsse zu einer Vermögenssteuer. Statistische Maßzahlen allein verändern gesellschaftlich nichts, wenn sie nicht gesellschaftskritisch verortet werden. Ein aktuelles Beispiel: Nach Pareto-Schätzungen geht etwa in Italien der Top-10-Prozent-Anteil am gesamten Vermögen von 42 Prozent auf fast 63 Prozent hinauf. Der Anteil der vermögendsten 10 Prozent ist damit um 50 Prozent (!) höher als in der Befragung der Banca d‘Italia. Ein gewaltiger Unterschied, aber wen kümmert dies, solange niemand erklärt, was dies für die Wirtschaft, die Politik und die Gesellschaft bedeutet?

Worauf es ankommt, ist ein gesellschaftlicher Befund. Dieser erstreckt sich von der Ärmsten bis zum Reichsten. Nur so kann eine Verteilungs- und eine Gerechtigkeitsdebatte rational fundiert werden. Ansonsten werden irgendwelche Personen miteinander verglichen, und es wird mal zur Mitte, mal zu den Armen und mal zu den MillionärInnen geredet. Doch diese Gruppen sind miteinander über soziale Verhältnisse verbunden. Bei gesellschaftlichen Verteilungsfragen ist eine relationale Sicht auf alle sozialen Klassen in der Gesellschaft unumgänglich. Es sind die einen, welche die anderen ausbeuten. Und es sind die Wenigen, welche Diskurse dominieren.

Harmlose Bilder zu Reichtum

Der entscheidende Nachteil der DIW-Studie ist, dass sie suggeriert, dass Reichtum über die Nettovermögensausstattung von MillionärInnen beschreibbar ist. Das schöne Bild zu Reichtum bleibt dann halt eine feine Villa in Strandnähe oder in einem exklusiven Stadtviertel. Die kann man sich leisten, weil man als UnternehmerIn eben durch Fleiß und das Schaffen von Arbeitsplätzen etwas leistet.

Nur ist es doch ein wenig vermessen, so zu tun, als könne Reichtum über ein durchschnittliches Nettovermögen von rund 3 Mio. Euro beschrieben werden. Dies ist eine Welt, welche jener der Mitte recht nah zu sein scheint und sogar eine integrative Aufgabe haben kann. Die MillionärInnen in der Spezialstichprobe des DIW sind wenig überraschend: älter, männlich, gebildet, zufrieden, risikofreudig, selbstständig tätig mit Mitarbeiterinnen. Die UnternehmerInnen arbeiten halt ein wenig länger als der Rest und sind ein bisschen zufriedener.

Wer so auf MillionärInnen schaut, verharmlost die gesellschaftliche Problematik, und ein echtes Ressourcenproblem wird zu einem vorgeblichen Bildungsthema: Mangelnde Finanzbildung sei für die unzureichende Vermögensakkumulation vieler Menschen verantwortlich. Ärmere Menschen veranlagen zu wenig in Aktien, lautet dann die Mär, welche Einkommensarmut geflissentlich übersieht. Denn in dieser Perspektive bleiben alle wichtigen Fragen wie dynastisches Vermögen, Erben, Schenkungen, Korruption, Kampagnenfinanzierung, Herabwürdigung der Armen usw. offen.

Überreiche

Ich verwende lieber den Begriff Überreiche von Platon, weil dies negative Konnotationen, welche mit einem exzessiven Vermögen einhergehen, vorab offenlegt. Superreiche hingegen wäre ein affirmativer Begriff. Leute, die super sind, weil sie sich vom Rest der Bevölkerung durch unternehmerische Innovationen, Schaffung von Arbeitsplätzen oder philanthropisches Engagement unterscheiden. Jenseits dieser Ideologie ginge es schlicht darum, welche Funktionen Privateigentum für die Gesellschaft erfüllen soll und tatsächlich erfüllt. Und bei extremer Konzentration dominieren Status-, Vererbungs- und Machtfunktionen. Deswegen ist ein normativer Diskurs zu einem Maximalvermögen wichtig.

Schwache Einwände gegen Vermögenssteuern

Die DIW-AutorInnen argumentieren gegen ein mögliches Comeback der Vermögenssteuer. Ihre Einwände sind leicht zu widerlegen:

Hoher administrativer Aufwand: Dies wird ins Treffen geführt, ohne irgendwelche Zahlenhinweise zu geben. In Frankreich brachte eine wahrlich nicht besonders erfolgreiche Vermögenssteuer 2018 vor der Reform etwa 0,3 Prozent des Nationaleinkommens, immerhin 5 Mrd. Euro. Logisch argumentiert, widerlegt bereits jeder Euro an Mehreinnahme über dem steuerlichen Erhebungsaufwand die Behauptung. Jenseits der Mär könnte ein automatischer Bankdatenaustausch in der EU (unter Einbeziehung der Schweiz) angestrebt werden.

Potenzielle Ausweichreaktionen: Sicher versuchen vermögende Menschen einer steuerlichen Belastung auszuweichen, und ihre Möglichkeiten, dabei erfolgreich zu sein, sind größer als beim Rest. Doch ob sie damit durchkommen, hängt vom politischen Willen und der Ernsthaftigkeit bei der Umsetzung ab. Die USA zeigen recht einfache Möglichkeiten zur Verbindung von Vermögensbesteuerung und Staatsbürgerschaft. Steuerflüchtlinge zahlen eine Exit Tax.

Betriebsvermögen: Der spezielle Charakter von Betriebsvermögen wird von GegnerInnen einer Vermögenssteuer gerne betont; Investitionen und Arbeitsplätze seien durch eine Besteuerung gefährdet. Doch warum? Vermögende können eine Vermögenssteuer über frei handelbare Anteile oder den Verkauf von Aktien finanzieren. Dies trägt zum breit akzeptierten Ziel einer Streuung von Vermögensbesitz bei. Wenn ein großer Teil des Reichtums in Familienunternehmen steckt und die Vermögenskonzentration extrem hoch ist, ist es irritierend, dass eine Vermögenssteuer von manchen ÖkonomInnen ex cathedra zurückgewiesen wird.

Fazit: normative gesellschaftspolitische Diskussionen notwendig

Mit anderen Worten: Viele Fragen in Zusammenhang mit einer Vermögensbesteuerung sind nicht nur offen, sondern bleiben auch unerwähnt. Wissenschaftlich sollte gelten, dass normative Schlussfolgerungen explizit begründet werden müssen. Denn aus Variablen wie dem Alter, der Bildung oder den Arbeitsstunden von MillionärInnen erschließt sich wahrlich keine Ablehnung einer Vermögenssteuer.

Wer Reichtum mit Macht konnotiert, muss neben statistischen Details auch wagen, über die eigenen normativen Überlegungen zu sprechen. Eine Revolution der Vermögensmessung ist notwendig, schreibt auch das United Nations Development Programme (UNDP) zu Recht. Die Forderung nach Transparenz zur Vermögensverteilung ist von eminenter Bedeutung. Dies ist aber weder erreichbar über den Gemeinsinn eines Teils der Vermögenden noch über statistische Methoden, wie etwa Pareto-Schätzungen.

Ein Oversampling, wie es das DIW zustande gebracht hat, um die Präzision der Schätzungen zur Vermögensungleichheit zu erhöhen, ist erfreulich. Aber der angemessene, weil bescheidenere Arbeitstitel der DIW-Studie wäre gewesen: Maßgebliche Datenprobleme ungelöst. ForscherInnen sollten auch einmal über ihre Angst bei der Forschung zu Privateigentum sprechen. Dann könnte die Öffentlichkeit die Perspektive der ForscherInnen leichter verstehen und vielleicht die demokratiegefährdende Macht der Überreichen erkennen.

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