Gender Pay Gap: Erklärt ist nicht gerecht

In jeder Diskussion um den Gender Pay Gap kommt zuverlässig der Versuch einer Erklärung, warum der Einkommensnachteil der Frauen gerechtfertigt ist. Schließlich würden Frauen oft in Teilzeit arbeiten, hätten die falschen Berufe und wären weniger karriereorientiert. Aber: Nur weil etwas erklärt werden kann, ist es deswegen noch lange nicht gerecht. Schließlich ist es auch eine Erklärung, dass Frauen weniger verdienen, weil sie keine Männer sind – eine gute Begründung ist es allerdings nicht.

Erklärter und unerklärter Unterschied

Schon über die Frage, welcher Einkommensunterschied der richtige ist, lässt sich trefflich streiten. Tatsächlich gibt es keinen richtigen oder falschen Pay Gap, sondern es lassen sich je nach Datenquelle und Berechnung unterschiedliche Aussagen machen. So ermöglicht etwa der EU-Indikator die Aussage, dass Österreich im EU-Vergleich einen besonders hohen Gender Pay Gap aufweist (19,9 Prozent, EU-28: 16,0 Prozent). Aber für Vergleiche zwischen den Bundesländern oder die relevanten Ursachen braucht es andere Daten.

Für Zweiteres hilft es, den Einkommensunterschied nach unterschiedlichsten Ursachen aufzudröseln. Zieht man die Berechnung der Statistik Austria auf Basis der Verdienststrukturerhebung heran, zeigt sich folgendes Bild: Der gesamte Gender Pay Gap beträgt 36,7 Prozent. Die unterschiedliche Arbeitszeit von Frauen und Männern erklärt davon 14,5 Prozentpunkte – also knapp die Hälfte dieses Unterschieds.

Bereinigt man den Gender Pay Gap um weitere „objektive“ Faktoren wie unterschiedliche Branchen („Männerbranchen“ sind meist höher entlohnt) oder Berufe (technische Berufe sind in der Regel gut bezahlt), verbleibt noch immer ein Rest von 13,6 Prozent, der durch keinen sachlichen Faktor erklärt werden kann.

Gender Pay Gap erklärt und unerklärt

Es kann also immerhin ein großer Teil des Einkommensunterschieds erklärt werden. Aber nur weil etwas erklärt werden kann, ist es noch lange nicht fair.

Frauen verdienen mehr als Männer

Diese Überschrift wirkt als Aussage paradox und als Forderung für viele wohl empörend. Nüchtern betrachtet, müssten nach einigen Faktoren aber Frauen tatsächlich mehr verdienen als Männer. Das zeigen die negativen Werte in der Grafik oben an. Bei drei Aspekten ist das der Fall:

Arbeitsvertrag: Bei den Lehrverträgen überwog der Anteil männlicher Lehrlinge. Das erklärt über einen Prozentpunkt der unterschiedlichen Einkommen – vergrößert aber die Kluft, weil Frauen demzufolge mehr verdienen müssten.

Bildung: Frauen haben in den letzten Jahrzehnten enorm bei den Bildungsabschlüssen aufgeholt und seit einigen Jahren die Männer hinter sich gelassen. So haben mittlerweile 864.000 Frauen Matura oder sogar einen akademischen Abschluss, das sind über hunderttausend mehr als bei den Männern (761.000). Auch nach diesem Kriterium müssten Frauen höhere Gehälter beziehen.

Das Versprechen, dass weibliche Erwerbstätige beim Einkommen mit den männlichen gleichziehen werden, wenn sie erst gleich gute Abschlüsse vorweisen, hat sich jedoch offensichtlich nicht erfüllt.

Unternehmensgröße: Sehr große Unternehmen zahlen in der Regel bessere Löhne und Gehälter. In Unternehmen mit 1.000 und mehr Beschäftigten waren 28,8 Prozent der Frauen, aber nur 24,0 Prozent der Männer tätig. Dieser Faktor macht allerdings nur 0,2 Prozentpunkte Unterschied.

Gender Pay Gap: Erklärt ist nicht gerecht

Gerne werden als „objektive“ Faktoren die unterschiedlichen Arbeitszeiten, aber auch die Wahl von Branche und Beruf als gute Gründe für geringere Einkommen angeführt. Doch bei näherer Betrachtung zeigt sich, dass auch in diesen Aspekten Ungerechtigkeiten zu finden sind, die Frauen häufig zum Nachteil gereichen.

Arbeitszeit: Fast die Hälfte der unselbstständig erwerbstätigen Frauen arbeitet in Teilzeit – und das oft nicht freiwillig: 55 Prozent geben an, aufgrund von Betreuungspflichten oder anderen familiären Gründen in Teilzeit zu arbeiten. Mangelnde Öffnungszeiten in der Kinderbetreuung und viel zu wenige Ganztagesschulen zwingen vor allem Mütter zu geringen Arbeitszeiten. In manchen Bereichen wie der Pflege oder dem Handel werden auch kaum Vollzeitstellen angeboten.

Branchen: Männerdominierte Branchen, vor allem in der Industrie, sind oft viel besser bezahlt als typische Frauenberufe, die oft im Dienstleistungsbereich angesiedelt sind. Ein Grund dafür ist, dass in der Industrie durch neue und bessere Maschinen immer weniger Menschen immer mehr produzieren können.

Im Bereich von Dienstleistungen ist das kaum möglich, denn wie sollten beispielsweise weniger Menschen mehr unterrichten, mehr Kranke pflegen oder auf mehr Köpfen die Haare schneiden? Zudem spiegelt die Produktivität keineswegs die Anforderungen am Arbeitsplatz wider. Eine gerechte Bezahlung müsste Können und Fertigkeiten in der Arbeitsbewertung ebenso berücksichtigen wie die mit der Tätigkeit verbundene Verantwortung und deren physische und psychische Anforderungen bzw. Belastungen.

Beruf: Jungen Frauen wird oft gesagt, sie sollen technische Berufe erlernen. Aber nicht immer lässt sich der Berufswunsch auch umsetzen. So sind nur ein Drittel aller Lehrstellen mit Mädchen besetzt. Mädchen wie Burschen, die sich für einen für ihr Geschlecht untypischen Beruf entscheiden, haben es oft extrem schwer, eine entsprechende Lehrstelle zu finden.

Aber auch hier gilt: Sollen nur mehr Menschen Maschinen bauen oder bedienen und niemand mehr in Lokalen die Getränke bringen, ältere Menschen betreuen oder einem schlicht ein Paar Schuhe verkaufen? Es kann nicht das Ziel sein, dass alle nur mehr gut bezahlte Berufe wählen, sondern Ziel muss sein, dass alle Berufe wählen können, die sie gerne machen und die wir brauchen. Dafür sollten sie dann angemessen bezahlt werden.

„Was wäre, wenn …“ nützt nichts

Auch andere Faktoren werden gerne ins Treffen geführt, etwa die geringere Karriereorientierung von Frauen im Vergleich zu Männern. Aber die gläserne Decke ist nach wie vor Realität und der Bewegungsspielraum von Frauen leider begrenzt, wie sich an zwei Faktoren illustrieren lässt:

Männerquoten: Führungspositionen sind noch immer weitgehend männlich dominiert. So finden sich in den Vorständen der börsennotierten Gesellschaften 2019 lediglich zehn Frauen (4,9 Prozent), das ist sogar ein leichter Rückgang gegenüber dem Vorjahr (5,1 Prozent). Tatsächlich gibt es in den Vorständen der ATX-Unternehmen mehr Männer, die Peter heißen, nämlich sieben, als Frauen. Das sind nur vier. Die Zuspitzung macht deutlich, dass kaum das geringere Interesse von Frauen als Begründung für ihre Seltenheit in Führungspositionen geltend gemacht werden kann.

Unbezahlte Arbeit: Frauen arbeiten insgesamt mehr als Männer, weil sie den Großteil der unbezahlten Arbeit leisten. Mit Erwerbstätigkeit, Hausarbeit und Kinderbetreuung kommen sie auf 65 Arbeitsstunden pro Woche – um zwei mehr als die Männer. Auch das erklärt, warum Frauen bei Führungspositionen kaum zum Zug kommen.

Hausarbeit ist unsichtbar, leider auch statistisch. Die letzten Daten dazu stammen aus dem Jahr 2009. Derzeit startet EU-weit eine neue Erhebungswelle zur Zeitverwendung, aber ob Österreich dabei sein wird, ist unklar. Immerhin hat sich Frauenministerin Stilling, die der aktuellen Übergangsregierung angehört, positiv dazu geäußert. Nun müsste noch die Finanzierung geklärt werden.

Egal wie man es dreht und wendet: Frauen haben in der Gesellschaft eine andere Position als Männer. Es nützt den Frauen nichts, ihnen zu sagen, dass, wenn sie ein Leben wie Männer führen würden, sie auch keinen Nachteil beim Einkommen hätten. Es müssen die gesellschaftlichen Realitäten verändert werden, um Gleichstellung zu verwirklichen.

Erklärt und rechtswidrig

Auch andere Aspekte werden ins Treffen geführt. So zeigen einzelne Studien, dass verheiratete Frauen weniger verdienen als unverheiratete. Allein: Der Familienstand darf keinen Unterschied bei der Bezahlung machen – das wäre ein Verstoß gegen das Gleichbehandlungsrecht.

Ebenso wird gerne das mangelnde Verhandlungsgeschick von Frauen als Argument herangezogen: Sie würden einfach weniger verlangen und bekämen daher auch weniger. Diese Argumentation ist gleich doppelt verfehlt. Zum Ersten ist die Unterstellung falsch: Eine Studie der britischen Universität Warwick zeigt, dass Frauen genauso oft nach einer Gehaltserhöhung fragen wie Männer – sie erhalten nur seltener eine. Die Wahrscheinlichkeit, dass Frauen die gewünschte Gehaltserhöhung bekommen, liegt um 25 Prozent niedriger als die Chance, dass Männer sich durchsetzen.

Zum Zweiten hat der Oberste Gerichtshof (OGH) klar entschieden: Wie viel jemand bezahlt bekommt, darf nicht vom Verhandlungsgeschick der ArbeitnehmerInnen abhängen. Es ist Aufgabe der Unternehmen, für gleichen Lohn bei gleicher Arbeit zu sorgen.

Und nicht zuletzt zeigt die Statistik, dass Beschäftigte in Teilzeit weniger Stundenlohn als jene in Vollzeit erhalten – und zwar auch dann, wenn sie eine vergleichbare Tätigkeit ausüben. Nachdem vier von fünf Teilzeitbeschäftigten weiblich sind, trifft das vor allem Frauen.

Allein dieser Umstand zeigt recht eindeutig, dass sich der Gender Pay Gap auch in Zukunft nicht einfach wegerklären lassen wird. Stattdessen braucht es eine engagierte Politik, die gleiche Chancen für Frauen und Männer bei der Ausbildung, am Arbeitsmarkt und bei den Einkommen sicherstellt.

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