Bildungsgerechtigkeit locked-down

Die Oberstufen sind seit heute wieder im Fernunterricht. Pflichtschulen sind weiterhin geöffnet – „vorerst“. Berufstätige Eltern und ihre Kinder sind im Schulalltag zurück, dennoch fehlt von Alltag jede Spur. Schulaufgaben und Lernen werden mit den durch COVID-19 veränderten Rahmenbedingungen zur Belastungsprobe für Familien. Neben der zentralen Frage, ob und welche Schulen geöffnet bleiben, sollen SchülerInnen auch jetzt die Lernziele erreichen und Lernstoff aus dem Vorjahr nachholen. Mittel und Maßnahmen, um Schulen und ihre SchülerInnen durch die Krise zu führen, sind ein halbes Jahr nach den ersten Schulschließungen noch nicht einmal geplant.

Lernrückstände und die aufgegangene „Bildungsschere“

Zwischen dem Beginn des ersten Lockdowns Mitte März und dem erneuten Schulbeginn Anfang September 2020 haben SchülerInnen in Österreich nur 15 Tage im Klassenzimmer und mehr als 40 Tage zu Hause mit Arbeitsblättern im Home-Schooling gelernt. Während manche Eltern die Möglichkeiten hatten, zu Hause Ersatz für die Schule zu organisieren, war es für andere Familien aufgrund fehlender Ressourcen (v. a. Geld, Zeit und schulisches Wissen) unmöglich, das schulische Lernen zu Hause zu ersetzen. Die Schulschließungen wirken daher gewissermaßen als Katalysator für Bildungsungleichheiten in Österreich. Diese These wird nun durch Ergebnisse einer aktuellen Sonderbefragung der Arbeiterkammer zu den Auswirkungen der Corona-Krise (Corona-Modul der AK-Schulkostenstudie, Oktober 2020) erhärtet: Heute, nach dem ersten „Corona-Semester“, kommt fast jedes zehnte Kind ziemlich oder sehr schlecht mit dem aktuellen Lernstoff zurecht. Während Lernschwierigkeiten im neuen Schuljahr für SchülerInnen mit viel Bildungsunterstützung von zu Hause weniger ein Problem sind (6 Prozent), treten sie überproportional häufig bei Kindern aus armutsgefährdeten Familien auf. Auch bei Kindern aus Familien, deren Eltern über maximal Pflichtschulabschluss verfügen, kommen Lernschwierigkeiten zweimal häufiger vor als im Durchschnitt (jedes fünfte Kind).

Die Ergebnisse unterstreichen die Tendenz einer aufgehenden Bildungsschere, die sich bereits in den Zwischenergebnissen der LehrerInnenbefragung des IHS im Mai 2020 andeutete. Dort gaben 40 Prozent der rund 2.300 befragten LehrerInnen an, dass sich das Leistungsniveau aller SchülerInnen durch die COVID-bedingten Schulschließungen verschlechtert hat. Vor allem haben aber drei von vier LehrerInnen (76 Prozent) Sorge, dass sich das Kompetenzniveau von benachteiligten SchülerInnen während der COVID-19-Phase verschlechtert. Das nachträgliche Schließen der aufgehenden Lernlücke wird zu einem langwierigen Prozess für SchülerInnen und Schulen. Ein Blick auf die Ergebnisse der österreichweiten Bildungsstandardüberprüfung zeigt, dass der Anteil an SchülerInnen, welche beispielsweise die Bildungsstandards in Mathematik am Ende der 4. Schulstufe nicht erreichten, in fünf Jahren (zwischen 2013 und 2018) lediglich um drei Prozentpunkte reduziert werden konnte.

Die OECD geht zudem davon aus, dass der Unterrichtsausfall wegen der Corona-Pandemie langfristige Folgen für die von den COVID-bedingten Schulschließungen betroffenen SchülerInnen haben wird. Durch die in der Corona-Krise entstandenen Lernverluste könnte diese „Corona-Generation“ bis zu drei Prozent beim Lebenseinkommen verlieren.

Worüber bisher fast niemand spricht: psychische Belastungen bei SchülerInnen

Die unmittelbaren Folgen der Corona-Pandemie werden allerdings schon jetzt sichtbar und beschränken sich nicht nur auf Lernrückstände. In den Ergebnissen der Corona-Sonderbefragung der Arbeiterkammer wird deutlich, dass sich die psychische Gesundheit bei fast jedem dritten Schüler bzw. jeder dritten Schülerin (31 Prozent) seit der Corona-Pandemie (subjektiv) verschlechtert hat. Laut den befragten Eltern zeigen ihre Kinder seitdem häufiger erhöhte Nervosität (28 Prozent), Gereiztheit (36 Prozent) oder Verängstigung (30 Prozent). Diese Muster sind konstant über alle Schultypen hinweg und unabhängig von der sozialen Stellung der Eltern beobachtbar.

Die daraus resultierenden Problemlagen werden zukünftig vor allem in Schulen zutage treten. Daher braucht es in der aktuellen Corona-Krise und der „Post-Home-Schooling-Phase“ dringend bessere Ausstattung der Schulstandorte mit pädagogischem Unterstützungspersonal (z. B. SchulsozialarbeiterInnen oder PsychologInnen). Schon vor der Corona-Pandemie kam in Österreich eine pädagogisch unterstützende Kraft auf 19 Lehrkräfte. Im EU-Schnitt ist das Verhältnis 8:1. Das Betreuungsverhältnis war demnach nicht nur schon vor der Corona-Pandemie unzureichend, sondern wird vor allem in der gegenwärtigen Situation nicht ausreichen, um den Sorgen, Ängsten und Bedürfnissen von SchülerInnen gerecht zu werden sowie Schulen und ihre Lehrkräfte zu entlasten.

Bildungsbudget 2021: kleine Schritte statt mutige Maßnahmen

Im aktuellen Bildungsbudget 2021 sind allerdings für das kommende Schuljahr keine weiteren Maßnahmen verankert, die auf den Lernrückstand durch die Schulschließungen oder auf die pädagogischen Herausforderungen im Zuge der Corona-Krise reagieren. Im Gegenteil: Die im Leitbild der Budgetunterlagen definierten Wirkungsziele sind (wörtlich) die gleichen wie in den Budgetunterlagen des letzten Jahres, die vor der Corona-Pandemie und dem folgenden Lockdown veröffentlicht wurden. Zusätzliches Personal, um intensive Förderung und Unterricht trotz Corona-Einschränkungen sicherzustellen, ist im Budget beispielsweise nicht zu finden. Budgetiert sind – neben Desinfektionsmittel und Mund-Nasen-Schutz – lediglich das bereits vor der Pandemie geplante Projekt „100 Schulen“ sowie der „8-Punkte-Plan für den digitalen Unterricht“.

100 Schulen sind zu wenig

Schon im Regierungsübereinkommen hat sich die Bundesregierung auf ein Chancen-Index-Pilotprojekt verständigt, bei dem 100 Schulen mit besonderen Herausforderungen zusätzliche Mittel erhalten sollen, um mehr LehrerInnen, FreizeitpädagogInnen oder SozialarbeiterInnen an den Schulstandorten einsetzen zu können. Das Pilotprojekt ist nun einmalig mit 15 Mio. Euro dotiert und liegt deutlich unterhalb des Bedarfs, welcher – basierend auf dem AK-Chancen-Index-Modell – für diese 100 Schulen auf ca. 45 bis 60 Mio. Euro pro Jahr geschätzt wird. Neben der Tatsache, dass dieses Projekt bisher nur einmalig dotiert und in der konkreten Ausgestaltung noch offen ist, muss die Zahl der teilnehmenden Schulen nach den Schulschließungen durch die Corona-Pandemie deutlich aufgestockt werden. Bereits vor der Corona-Krise bestanden schon bei ca. 430 Volksschulen in Österreich große bis sehr große Herausforderungen. Eine Ausweitung des Chancen-Index-Programms auf mindestens 500 Pilotschulen erscheint als Reaktion auf die Corona-Pandemie deshalb dringend notwendig. Hinzu kommt, dass das 100-Schulen-Pilotprojekt erst Ende 2021 – und damit rund eineinhalb Jahre nach den Corona-bedingten Schulschließungen – startet. Bildungsungerechtigkeiten, die sich durch die Corona-Pandemie noch stärker verfestigt haben, können so kaum zeitnah abgebaut werden.

Es braucht nicht nur „Hardware“

Für den 8-Punkte-Plan eines digitalen Unterrichts sind in den Budgetunterlagen rund 235 Mio. Euro als Teil des Konjunkturpakets vorgesehen. Der Großteil (87 Prozent) ist zur Anschaffung von Endgeräten für SchülerInnen der 5. und 6. Schulstufe eingeplant. Neben der Frage, warum nicht auch ältere SchülerInnen mit Lerngeräten ausgestattet werden, ist beispielsweise ebenfalls ungeklärt, wie die schrittweise Ausstattung mit Endgeräten jeder neuen Klasse der 5. Schulstufe nach 2021 finanziert wird oder wie regelmäßige IT-Serviceleistungen und Applikationsbetreuungen an Schulstandorten sichergestellt werden. Außerdem sollten alle LehrerInnen dringend mit einem bedarfsorientierten Home-Schooling-Set ausgestattet werden, um im Fall von Quarantäne oder Schulschließungen zeitweise auf Distance-Learning umstellen zu können. Letztlich ist es aber nicht die technische Ausstattung, die langfristig Bildungsungerechtigkeiten ausgleicht, sondern eine neue, viel stärker individualisierende Pädagogik, die sich neuer Technologien bedient. Genau dafür – für Weiterbildungen von PädagogInnen – sieht das Budget des 8-Punkte-Plans allerdings momentan kaum Mittel vor.

Schule als wichtigsten Lernort stärken und nicht schließen

Corona-bedingt waren die Schulen im Frühjahr neun Wochen so gut wie geschlossen. Viele Familien haben auch im Herbst durch Quarantänemaßnahmen bereits weitere Wochen Home-Schooling erlebt; nun kommen durch den zweiten Lockdown zumindest für Eltern mit Kindern in der Oberstufe nochmal vorerst vier Wochen hinzu (und die langfristige Situation an den Pflichtschulen scheint noch offen). Die Erfahrungen aus dem ersten Lockdown haben bereits die grundlegenden Probleme der österreichischen Schule besonders deutlich gemacht: Wenn Eltern selbst ErsatzlehrerInnen sein müssen, geht die Lernschere trotz aller Bemühungen zwischen den Kindern weiter auf. Das führt dazu, dass viele Kinder aktuell aufgrund von Lernrückständen große Schwierigkeiten haben, den neuen Unterrichtsstoff gut zu erfassen. Neben pandemiebedingten Quarantänen und nun erneuten Schulschließungen haben Kinder und Eltern seit dem Lockdown im Frühjahr 2020 auch mit der Verschlechterung ihrer psychischen Gesundheit zu kämpfen. Und von Stabilität und Schulalltag kann aktuell keine Rede sein. Konkrete kompensatorische Maßnahmen und Programme, die auf den Lernrückstand oder auf die pädagogischen Herausforderungen durch die Corona-Krise reagieren, sind bisher kaum auf den Weg gebracht worden. Die zwei im Bildungsbudget 2021 definierten Schwerpunktprojekte – „100 Schulen“ und „8-Punkte-Plan“ – sind, gemessen an den derzeitigen Herausforderungen, deutlich zu wenig. Dabei müssten Schulen gerade jetzt als wichtige Lernorte gestärkt werden, damit Bildungsgerechtigkeit in Österreich nicht langfristig im Lockdown stecken bleibt.

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