Österreichs Indus­trie: Wie es nach jahrzehnte­langer Erfolgs­story zur Rezession kam

19. Februar 2025

Österreichs Industrie legt seit Jahrzehnten eine beeindruckende Erfolgsstory hin. Doch seit Anfang 2023 ist sie abgerissen. Die hartnäckige Rezession hat vielfältige Ursachen, von hohen Energiepreisen über weltweite Investitionszurückhaltung, gestiegene Zinssätze bis zum Fehlen der Pharmaunternehmen und zu hohen Gewinnausschüttungen. Eine aktive Industriepolitik kann Österreich wieder auf die Überholspur bringen.

Industrieentwicklung: faktenbasierte Analyse statt Ideologie

Österreichs Industrie befindet sich in einer langen Rezession. Die Industrieproduktion geht seit Anfang 2023 zurück, damit handelt es sich um die längste Industrierezession der letzten Jahrzehnte. Sie trifft fast ganz Europa. Doch in der Öffentlichkeit heißt es, Österreich hätte sich durch zu hohe Kostensteigerungen aus den Weltmärkten hinausgepreist und befinde sich auf dem Weg der Deindustrialisierung. Dahinter verbirgt sich oft kaum versteckt politische Absicht: Die Industriellen und ihre Lobbys drängen auf drastische Kostensenkungen und haben dafür den Sozialstaat und den Klimaschutz im Visier, also die Voraussetzungen für ein gutes Leben der Menschen.

Eine faktenbasierte Analyse der Industrieentwicklung muss den Problemen auf Basis von harten Daten und nicht von ideologisch bedingten Vorurteilen nachgehen. Darauf muss eine aktive Industriepolitik aufbauen. Die ist wichtig für Wirtschaft und Wohlstand. Die Industrieproduktion macht in Österreich knapp ein Fünftel der gesamtwirtschaftlichen Wertschöpfung aus, das ist ähnlich viel wie in Dänemark, der Schweiz oder Deutschland. Gleichzeitig bietet sie Arbeitsplätze mit relativ guten Einkommen und Arbeitsbedingungen für etwa 600.000 Menschen. Auch die Beschäftigten und ihre Interessenvertretungen haben großes Interesse an einer erfolgreichen Industrie.

Starkes Wachstum der Industrieproduktion von 2000 bis Anfang 2023

Österreichs Industrieproduktion hat seit dem Jahr 2000 um fast 70 Prozent zugenommen. Das ist beeindruckend, wenn man es mit Deutschland (+8 Prozent), aber auch Dänemark vergleicht, das zuletzt oft als Vorbild genannt wird (+43 Prozent).


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Diese Erfolgsstory ist den auf den Weltmärkten sehr erfolgreichen und hochspezialisierten Unternehmen des Maschinenbaus, der Metallerzeugung und -bearbeitung oder der Elektroindustrie zu verdanken. Die Kfz-Industrie hingegen gehört heute gar nicht mehr zu den wichtigsten Industriebranchen des Landes (im Unterschied zu ihrer nach wie vor großen Bedeutung in Deutschland). Der große Erfolg der heimischen Industrie beruht auf dem spezialisierten Know-how der Betriebe, auf gut ausgebildeten Fachkräften, guter Infrastruktur, erfolgreicher Forschungsförderung und einer erwartungsstabilisierenden Kollektivvertragspolitik.

Doch warum ist die Erfolgsstory der österreichischen Industrie ab Anfang 2023 schlagartig abgerissen? Die Produktion in der heimischen Industrie war seither ähnlich jener in anderen europäischen Ländern. Sie befindet sich also in einer allgemeinen konjunkturellen Krise. Doch im Detail gibt es erhebliche strukturelle Unterschiede zwischen den Branchen und damit auch zwischen den Ländern.

Sehr unterschiedliche Gründe für die Rezession in den Industriezweigen

  • Der Anstieg der Energiepreise hat die Industriezweige mit hohen Energiekosten hart getroffen, etwa die Erzeugung von Papier, chemischen Produkten, Kunststoffen oder Glas.
  • Teuerungskrise, Krieg, Trump-Zölle führen zu Verunsicherung. Bei Unsicherheit werden Investitionsprojekte aufgeschoben. Die weltweite Investitionszurückhaltung trifft Österreichs Paradeindustriezweig hart, den Maschinenbau (15 Prozent der Industrie), zudem die Metall- und Elektroindustrie.
  • Die hohen EZB-Zinssätze haben ab 2022 den langen Boom der Baukonjunktur abgewürgt. Die Baurezession trifft jene Industriezweige, die Vorprodukte liefern: Glaserzeugung, Holz, Verarbeitung von Steinen und Erden, Metallerzeugung.
  • Von der Krise der deutschen Automobilindustrie ist auch die österreichische Zulieferindustrie betroffen. Jedoch viel weniger, als das vor zwei, drei Jahrzehnten der Fall gewesen wäre. Österreich ist kein Autoland mehr, die Kfz-Erzeugung macht noch 6 Prozent der Industriewertschöpfung aus (Deutschland 15 Prozent).
  • Negativ wirkt zudem das Fehlen eines Industriezweigs: der Pharmaindustrie. Dänemark ist der Industrierezession entkommen, weil der Anteil der boomenden Pharmaindustrie an der industriellen Wertschöpfung 20 Prozent beträgt (Novo Nordisk) (Schweiz 29 Prozent), in Österreich und Deutschland liegt dieser hingegen nur bei 3 Prozent. Bereinigt um den Pharmasektor läuft die Industrieproduktion in Dänemark und der Schweiz ähnlich zu jener bei uns.

In der Teuerungskrise hat die Wirtschaftspolitik versagt, etwa weil sie nicht gezielt in Preise eingegriffen hat. Das hat schließlich auch die Lohnkosten nach oben getrieben. Trotz dieser Vielfachkrisen macht der Großteil der heimischen Industrieunternehmen weiterhin – wenn auch geringere – Gewinne. Die Widerstandsfähigkeit der Unternehmen wäre in der hartnäckigen Rezession deutlich höher, wenn sie in den letzten Jahren nicht einen derart großen Teil der Gewinne an die Eigentümer:innen ausgeschüttet hätten. Die Ausschüttungsquote lag über viele Jahre bei 80 Prozent und mehr.

Dringend: Industriepolitische Strategie

Österreich braucht dringend eine industriepolitische Strategie. Diese muss auf drei zentralen Pfeilern ruhen: Erstens, Unterstützung für Unternehmen, um in der grünen Transformation langfristige Marktchancen zu nutzen und sich in neu entstehende Wertschöpfungsketten zu integrieren. Österreich hat im Bereich grüner Technologien Hidden Champions ebenso wie innovative Leitbetriebe, von der Produktion von Schienenfahrzeugen bis zur Umstellung auf grünen Stahl. Sie verdienen zielgerichtete Unterstützung auch durch die öffentliche Beschaffung oder eine Innovationsstrategie, im Rahmen derer Unternehmen, Universitäten, Verwaltung und Förderinstitutionen gut kooperieren.

Zweitens, aktive Beschäftigungs- und Qualifizierungspolitik sowie einen verlässlichen Sozialstaat, der die Transformation aktiv begleitet. Kurzfristig helfen Kurzarbeit und Schulungsmaßnahmen. Vor allem geht es aber um eine aktive Arbeitsmarktpolitik, die erfolgreichen Industriebetrieben, die gute Arbeitsplätze anbieten, verlässlich gut qualifizierte Arbeitskräfte vermittelt und bei Weiterbildung und Höherqualifizierung von Beschäftigten unterstützt. Das ist unverzichtbarer Bestandteil einer erfolgreichen Produktivitätsstrategie. Eine wesentliche Voraussetzung für erfolgreichen Strukturwandel bildet der Abbau von Ängsten durch gute Sozialstandards, weil diese Sicherheit und Hoffnung geben sowie Innovation ermöglichen. Drittens, Investitionen in gute Infrastruktur in den Bereichen Digitalisierung, Mobilität und Energieversorgung sowie ganz wichtig: niedrige Strompreise durch Ausbau erneuerbarer Energieerzeugung, von Speicher(kraftwerken) und Energienetzen.

Österreich ist ein starker Industriestandort. Daran haben Beschäftigte, Unternehmen und Gesamtwirtschaft hohes Interesse. Wir brauchen eine aktive Industriepolitik, damit das so bleibt.

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