Österreichs Arbeitsmarkt in Europa – Wo liegen seine Stärken? Wo befinden sich Schwächen?

21. Juli 2020

Ein Blick auf die Ergebnisse des aktuellen Arbeitsmarktmonitors zeigt: Österreich hat im europäischen Vergleich nicht nur Stärken auf seinem Arbeitsmarkt. In zwei von fünf Bereichen des Arbeitsmarktes liegt Österreich im europäischen Spitzenfeld. Dieses Bild stören die hohen Ausgrenzungsrisiken: (Kinder-)Betreuung, Gesundheit, Bildung, Teilzeitarbeit können in Österreich rasch und dauerhaft zum Ausschluss vom Arbeitsmarkt führen. Das zeigen die Daten bereits seit vielen Jahren – und das ohne aktuelle Krise.

Was der Arbeitsmarktmonitor 2019 zeigt

Den Vergleich der europäischen Arbeitsmärkte führt der Arbeitsmarktmonitor der Arbeiterkammer Wien und des WIFO seit 10 Jahren jährlich durch. Aktuell verortet er Österreichs Arbeitsmarkt innerhalb der EU-28 ganz klar (Daten aus 2018):

In zwei von fünf Arbeitsmarktbereichen liegt Österreich im europäischen Spitzenfeld: Österreichs Sozialstaat verteilt überdurchschnittlich um, und die Menschen nehmen in hohem Maß an der Erwerbsarbeit teil. Die Leistungskraft des Arbeitsmarktes wird als gut und stabil eingeschätzt. Erwerbseinkommen sind gut verteilt, allerdings nimmt Ungleichheit zu – es herrscht die Tendenz, die gute Platzierung zu verlieren.

Doch seit vielen Jahren zeichnet sich der österreichische Arbeitsmarkt durch hohe Ausgrenzungsrisiken aus: (Kinder-)Betreuung, Gesundheit, Bildung, Teilzeitarbeit können in Österreich rasch und dauerhaft zum Ausschluss vom Arbeitsmarkt führen. Auch das zeigt der aktuelle Arbeitsmarktmonitor.

Österreichs Stärken am Arbeitsmarkt im europäischen Vergleich

Österreichs Sozialstaat verteilt überdurchschnittlich um. Das zeigen die Sozialschutzleistungen, die 28,6 Prozent des BIP ausmachen und über dem EU-Wert (26,8 Prozent) liegen. Sie wirken deutlich und reduzieren die Armutsgefährdungsquote um 10,9 Prozentpunkte. Insgesamt liegt die Armutsgefährdungsquote nach Sozialleistungen deutlich unter dem EU-28-Durchschnitt. In Österreich liegt die Armutsgefährdung bei 14,3 Prozent, in der EU bei 17,1 Prozent.

Noch besser schneiden in diesem Bereich Dänemark und Finnland ab, nämlich an erster und zweiter Stelle. Frankreich, Schweden, Belgien, Österreich, Deutschland und Niederlande allerdings folgen danach.

Dekoratives Bild © A&W Blog
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Auch die Leistungskraft des Arbeitsmarktes zeigt sich klar: Österreich ist innerhalb Europas ein reiches und überdurchschnittlich produktives Land. Das reale BIP pro Kopf und die sehr hohe Arbeitsproduktivität sind bemerkenswert. Die Arbeitsproduktivität der Beschäftigten in Österreich liegt in Europa an vierter Stelle.

Österreichs Erwerbsteilnahme liegt im europäischen Spitzenfeld. Der Bereich der „Erwerbsteilnahme“ zeigt, wie es dem Arbeits- und Beschäftigungssystem gelingt, unterschiedliche Personengruppen in die Erwerbsarbeit zu integrieren. Österreichs Platz im Spitzenfeld zeichnet aus:

  • die niedrige Langzeitarbeitslosenquote und die niedrige Arbeitslosenquote junger Erwachsener
  • ein geringer Anteil unfreiwilliger Befristungen
  • ein geringes geschlechtsspezifisches Beschäftigungsgefälle der 25- bis 44-Jährigen
  • hohe Ausgaben für aktive Arbeitsmarktpolitik

(Noch) verteilen sich die Erwerbseinkommen in Österreich gut. Es besteht in diesem Arbeitsmarktbereich eine Tendenz, die gute Platzierung im oberen Mittelfeld innerhalb Europas zu verlieren. Aber was zeichnet Österreich hier aus? Seine hohe nominale Entlohnung, seine hohen Entgelte der ArbeitnehmerInnen und seine vergleichsweise geringe Einkommensungleichheit.

Die europäischen Spitzenländer (Belgien, Luxemburg, Dänemark, Frankreich, Finnland, Slowenien) zeigen in diesem Bereich:

  • eine unterdurchschnittliche Einkommensungleichheit
  • einen unterdurchschnittlichen Anteil an „Working Poor“ (Menschen, die trotz Lohnarbeit von Armut bedroht sind)
  • Einkommenshöhen über dem Durchschnitt
  • einen unterdurchschnittlichen Anteil von Niedriglohnbeschäftigten

Zusätzlich hat Österreich eine geringe Anzahl an NEETS. Das bedeutet im EU-Vergleich, dass relativ wenige 18- bis 24-Jährige frühzeitig von der Schule abgehen oder vorzeitig aus einer Ausbildung ausscheiden. Das ist auf das erfolgreiche Modell der überbetrieblichen Lehrausbildung zurückzuführen. Durch die aktuelle Krise ist die Jugendarbeitslosigkeit jedoch stark angestiegen, der Lehrstellenmarkt ist dramatisch eingebrochen, und es fehlt an entschiedenen politischen Maßnahmen – insbesondere an der ausreichenden Finanzierung der überbetrieblichen Lehrausbildung –, um die Gefahr einer verlorenen Generation abzuwenden.

Erfreulich ist der unterdurchschnittliche Bevölkerungsanteil in Österreich, der maximal einen Bildungsabschluss in Höhe der Sekundarstufe hat (= 5. u. 6. Schulstufe).

Österreichs Arbeitsmarktschwächen

Welche Chancen jemand am Arbeitsmarkt in Österreich hat, bestimmen wesentlich Bildung, Exklusion, Gesundheit (inkl. Arbeitsunfälle) und individuelle Kinderbetreuung. Sie sind die prägendsten individuellen Elemente auf Österreichs Arbeitsmarkt. Österreich befindet sich in diesem Bereich bedauerlicherweise im unteren Mittelfeld in Europa – mit Tendenz zum Abstieg. Tschechien, Litauen, Österreich, Griechenland, Polen bilden diese Ländergruppe.

Eine bedeutende Schwäche ist Österreichs hoher Anteil an Teilzeitbeschäftigung. Das Teilzeitausmaß senkt die Beschäftigungsquote deutlich ab. Besonders herausragend ist die gegenüber dem EU-Durchschnitt doppelt so hohe Teilzeitbeschäftigung wegen Betreuungspflichten. Mit seiner Kinderbetreuungsquote liegt Österreich sogar im EU-Schlussfeld. Nur 20 Prozent der Kinder unter drei Jahren besuchen in Österreich eine formale Kinderbetreuung – in den gesamten EU-28 sind es 35,1 Prozent. Die Quote sinkt sogar auf 7,1 Prozent, wird die Betreuungszeit von mindestens 30 Stunden pro Woche berücksichtigt – in den EU-28 liegt sie bei 18,9 Prozent.

Dekoratives Bild © A&W Blog
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Die Beschäftigung Älterer. Aufholbedarf hat Österreich bei der Beschäftigungsintegration Älterer: Die Beschäftigungsquote der 55- bis 64-Jährigen beträgt 54 Prozent im Vergleich zu 58,7 Prozent in den EU-28.

Die Beschäftigungsquoten von Frauen und Männern. Die Beschäftigungsquoten der Frauen und der Männer in Österreich liegen unter dem EU-Durchschnitt.

Schwer negativ wirkt, dass Österreich den fünfthöchsten Gender Pay Gap unter den EU-28-Ländern hat. Frauen verdienen im Durchschnitt 19,9 Prozent weniger als Männer – gemessen am Bruttoverdienst.

Die Gesundheit. Die erwartbaren gesunden Lebensjahre ab der Geburt von Frauen und Männern sind in Österreich unter dem europäischen Durchschnitt.

Die tödlichen Arbeitsunfälle. Österreich liegt im Schlussfeld der EU bei der Inzidenzrate tödlicher Arbeitsunfälle (2,5 pro 100.000 Beschäftigte, EU-28: 1,7) (Daten aus 2018).

Eine auffällige Schwäche von Österreich sind die öffentlichen Bildungsausgaben. Mit 4,8 Prozent des BIP sind sie nur knapp über dem europäischen Durchschnitt, der bei 4,6 Prozent liegt.

FAZIT

Angesichts der aktuellen Ereignisse ist von großen Veränderungen auf den europäischen Arbeitsmärkten auszugehen. Ob Österreichs Platzierungen im europäischen Spitzenfeld im Bereich der Verteilungswirkung seines Sozialstaates noch lange bestehen wird, werden die Entwicklungen zeigen. Ebenso im Falle der bisher hohen Erwerbsteilnahme.

Jedenfalls sind massive arbeitsmarktpolitische Interventionen notwendig, um die Erwerbsteilnahme auf diesem hohen Niveau zu halten. Eine zentrale Rolle spielen:

  • Kurzarbeit
  • ausgezeichnete Arbeitsvermittlung
  • massive Beschäftigungs- und Ausbildungsförderungen sowohl für junge als auch ältere ArbeitnehmerInnen

Auch die Leistungskraft des Arbeitsmarktes hängt von der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung in Österreich und Europa ab. Von einer guten und stabilen Performanz in diesem Bereich, wie im aktuellen Arbeitsmarktmonitor ausgewiesen, wird sich Österreich ohne eine entschiedene konjunkturstabilisierende Politik entfernen.

Wie stark sich die aktuelle Krise auf die Verteilung der Erwerbseinkommen in Österreich auswirken wird, wird sich ebenfalls zeigen. Österreich könnte die bereits jetzt schon bestehende Tendenz zum Abstieg in diesem Bereich realisieren.

Sicherlich nicht von Verbesserungen kann im Bereich der ohnehin schon seit Jahren bestehenden hohen Ausgrenzungsrisiken in Österreich durch (Kinder-)Betreuung, Gesundheit (inkl. Arbeitsunfällen), Bildung, Teilzeitarbeit ausgegangen werden. Sie können jetzt schon in Österreich rasch und dauerhaft zum Ausschluss vom Arbeitsmarkt führen. Das zeigen die Daten bereits seit vielen Jahren auch ohne aktuelle Krise.

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