Wie steht es um die Verteilung des österreichischen Nationaleinkommens?

Der massive Rückgang des gesamtwirtschaftlichen Einkommens durch die Corona-Krise wird die Frage der Einkommensverteilung in Zukunft noch mehr in den Mittelpunkt des wirtschaftspolitischen Interesses rücken. Die Datenbasis spielt für die Debatte eine wesentliche Rolle. Es ist wichtig, individuelle und gesamtwirtschaftliche Daten gemeinsam zu betrachten. So lassen sich die Folgen wirtschaftspolitischer Maßnahmen genauer abschätzen – etwa die Verteilungswirkungen des Sozialstaats; oder konkreter: die negativen Folgen einer Kürzung bei sozialen Sachtransfers wie beispielsweise Gesundheitsleistungen.

Bessere Datenlage als Basis für Verteilungsfragen notwendig

Es liegen bereits mehr als zwei Jahrzehnte hinter uns, seit Sir Tony Atkinson auf die Wichtigkeit und Dringlichkeit des Themas Ungleichheit aufmerksam machte. Seitdem gewinnen Diskussionen um die Folgen von Ungleichheit in Wissenschaft und Öffentlichkeit an Momentum.

Um Einkommens- und Vermögensungleichheit empirisch erfassen zu können, werden verschiedene Datenquellen herangezogen, die sich teilweise sehr voneinander unterscheiden. Eine übliche Datenquelle zur Messung der Ungleichheit zwischen Personen in einer Volkswirtschaft sind Befragungsdaten. Solche Datenquellen sehen sich jedoch typischerweise mit dem Problem von Messfehlern und der Untererfassung von reicheren Individuen konfrontiert. Berechnungen auf Basis von Befragungsdaten unterschätzen somit tendenziell die Ungleichheit.

Ein verbesserter Zugang zu administrativen Daten hat in den letzten Jahren dazu geführt, dass auch verstärkt Steuerdaten zur Erfassung von Ungleichheiten verwendet werden. Obwohl diese Daten Informationen für den Großteil der Bevölkerung liefern, lässt sich mit Steuerdaten nicht das gesamte Einkommen von Personen abbilden. Beispielsweise werden Vermögenseinkommen in der Regel direkt an der Quelle besteuert und scheinen daher in den Steuerdaten nicht auf. Folglich ergeben sich sowohl in den Befragungsdaten als auch bei Steuerdaten Lücken im Vergleich zum Gesamteinkommen einer Volkswirtschaft, das in der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung (VGR) ausgewiesen wird.

Distributional National Accounts: eine umfassende Darstellung der Ungleichheit

Um unter anderem die Lücken in Befragungs- und Steuerdaten zu schließen, wurde das Konzept der „Distributional National Accounts“ (DINA) entwickelt. Gemeinsam mit anderen Forschern hat Thomas Piketty Pionierarbeit geleistet, indem sie Befragungs- und Steuerdaten für die USA kombinierten und mit Informationen aus der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung verbanden.

Dies ermöglicht es, das gesamte Nationaleinkommen auf die Wohnbevölkerung aufzuteilen. Diese Vorgehensweise basiert auf dem Argument, dass schlussendlich das gesamte Nationaleinkommen (auch beispielsweise jenes aus dem Unternehmenssektor) bei inländischen Haushalten und Personen landet. Dadurch ist es möglich, ein umfassendes Bild der Einkommensungleichheit in den USA darzustellen und beispielsweise genau sagen zu können, welche Bevölkerungsgruppen vom Wirtschaftswachstum in welchem Ausmaß profitieren konnten.

Österreichs Einkommensungleichheit aus verschiedenen Perspektiven

Wir haben dieses Konzept nun erstmalig für Österreich im Zeitraum von 2004 bis 2016 angewandt. Dadurch konnten wir das gesamte Nationaleinkommen auf einzelne Personen herunterbrechen, um die Einkommensverteilung aus verschiedenen Perspektiven zu analysieren.

Die erste Abbildung stellt die Anteile am Nationaleinkommen vor Steuern nach Einkommensgruppen über die Periode 2004–2016 gegenüber. Dabei unterscheiden wir zwischen drei Einkommensgruppen: die unteren 50 Prozent (1. bis 50. Perzentil der Verteilung), die mittleren 40 Prozent (51. bis 90. Perzentil) und die oberen 10 Prozent (91. bis 100. Perzentil).

Für die unteren 50 Prozent zeigt sich generell ein relativ stabiler Einkommensanteil zwischen 20 und 25 Prozent über die Zeit. Nach 2006 lässt sich jedoch ein kontinuierlicher Anstieg bis 2012 feststellen. Dieses Muster kann auch bei den mittleren 40 Prozent beobachtet werden, wobei der Verlauf ein wenig stärker ausgeprägt ist. Seit 2012 haben sich die Anteile der unteren 90 Prozent stabilisiert und sind auch wieder gesunken. Demzufolge ist der Anteil der oberen 10 Prozent zwischen 2006 und 2012 schrittweise gesunken und ab 2013 wieder gestiegen.

In diesem Zusammenhang konnten wir im Zuge unserer Untersuchung weitere interessante Einblicke gewinnen:

  • Ungleiche Verteilung der Einkommenswachstumsraten: In der Vorkrisenperiode lag die Wachstumsrate der Einkommen der oberen 15 Prozent im Gegensatz zum restlichen Bereich der Verteilung tendenziell über der durchschnittlichen Wachstumsrate; wohingegen sich in der Nachkrisenperiode für die oberen 10 Prozent negative Wachstumsraten zeigten und für den restlichen Bereich der Verteilung die Einkommen stagnierten.
  • Starke Konzentration der Kapitaleinkommen: Während bei den unteren 90 Prozent der Verteilung Kapitaleinkommen (Vermögenseinkommen, wie beispielsweise Dividenden oder Zinserträge, und thesaurierte/einbehaltene Gewinne) lediglich 10 Prozent der Gesamteinkommen ausmachten, lag der Anteil innerhalb der Gruppe der oberen 10 Prozent zwischen 30 Prozent und 55 Prozent.
  • Dynamische Entwicklung der Kapitaleinkommen: Während Kapitaleinkommen in der Vorkrisenperiode bei den oberen 10 Prozent der Verteilung zulegten, kam es aufgrund der Wirtschafts- und Finanzkrise zu einem Rückgang, der bis 2012 andauerte.

Umverteilungseffekte entlang der Verteilung

Des Weiteren ermöglichen es die Daten, den Umverteilungsprozess des österreichischen Staates zu analysieren. Wichtig ist dabei, dass auch Sachtransfers (Schulen, Kindergärten, Pflegeheime etc.) und Kollektivkonsum (Landesverteidigung etc.) in der Analyse berücksichtigt wurden, die aufgrund fehlender Verteilungsinformation gleichmäßig pro Kopf aufgeteilt wurden. Dies entspricht in etwa den Ergebnissen einer Studie des Wirtschaftsforschungsinstituts (WIFO), die feststellt, dass Sachtransfers in Österreich tendenziell absolut gleich verteilt sind.

Um einen detaillierten Einblick zu erhalten, haben wir uns die Umverteilungseffekte entlang der Einkommensverteilung für die Jahre 2004, 2010 und 2016 angesehen. Durch den Vergleich des Einkommens vor und nach Steuern konnten wir herausfinden, welche Einkommensgruppen in welchem Ausmaß durch die staatliche Umverteilung profitieren. Eine Ratio über (unter) eins bedeutet, dass das Einkommen durch staatliche Umverteilungswirkungen erhöht (verringert) wurde.

Die Ergebnisse können wie folgt zusammengefasst werden:

  • Relativ robustes Umverteilungsmuster über die Zeit: Die Umverteilungseffekte für die drei Jahre haben einen sehr ähnlichen Verlauf.
  • Rund zwei Drittel profitieren von staatlicher Umverteilung: Mit Ausnahme des unteren Bereichs der Verteilung zeigt sich ein kontinuierlicher linearer Rückgang in den Umverteilungseffekten. Der Großteil (ca. 70 Prozent) der österreichischen Bevölkerung profitiert von der staatlichen Umverteilung in Form eines höheren verfügbaren Einkommens im Vergleich zu den Markteinkommen vor Steuern.
  • Sachtransfers tragen wesentlich zur Umverteilung bei: Weitere Ergebnisse unserer Analyse zeigen, dass sowohl Sachtransfers als auch der Kollektivkonsum eine wesentliche Rolle bei der staatlichen Umverteilung, insbesondere im unteren Bereich der Verteilung, spielen.

Fazit

Das von ForscherInnen rund um Thomas Piketty entwickelte DINA-Konzept erlaubt es, Verteilungsfragen im Kontext der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnungen zu analysieren. Es ist dadurch auch besonders geeignet, wirtschaftspolitische Maßnahmen und die Folgen für die Ungleichheit zu analysieren. Die Ergebnisse für Österreich zeigen, dass konstant etwa zwei Drittel der Bevölkerung von der Umverteilung des Sozialstaates profitieren. Einschnitte bei Sachtransfers haben gemäß unseren Ergebnissen erhebliche negative Folgen auf die Umverteilungswirkungen und würden jedenfalls einen Anstieg der Ungleichheit und deutlich schlechtere Lebensbedingungen für viele zur Folge haben. Einschränkend ist jedoch festzuhalten, dass die Aussagekraft der Ergebnisse an Stärke gewinnen würde, wenn beispielsweise die Verteilung der Sachtransfers genauer bestimmt werden könnte.

Dieser Beitrag basiert auf der Studie “Distributional national accounts (DINA) for Austria 2004-2016”, die sowohl als WU INEQ Working Paper 15 wie auch in der MWuG Working Paper-Reihe der AK Wien erschienen ist.

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