Stummer Frühling 4.0

Pflanzenschutzmittel sind heute aus der industrialisierten Landwirtschaft nicht wegzudenken. Doch die Schäden, die sie an der Biodiversität anrichten, sind enorm. Wenn daran etwas geändert werden soll, muss das heutige System der industrialisierten Landwirtschaft infrage gestellt werden.

Kaum achtzig Jahre ist es her, dass die chemische Industrie die ersten Insektenvernichtungsmittel auf den Markt brachte, bald gefolgt von den ersten Unkrautvernichtungsmitteln. Doch rasch wurde klar, dass der Einsatz von Pflanzenschutzmitteln auch unerwartete, negative Folgen hatte. 1962 sorgte das Buch „Silent Spring“ für Aufsehen, in dem die US-amerikanische Biologin Rachel Carson ein düsteres Bild dieser Schäden an der Umwelt zeichnete. Der Titel des Buches bezog sich auf den dramatischen Rückgang der Vogelbestände infolge der Pestizidanwendung und den dadurch „stummen Frühling“. Seither wurden – meist nach langen Jahren der Diskussion – viele der ursprünglich gefeierten Chemikalien wegen ihrer Umweltgefährlichkeit oder ihrer Gefahren für die menschliche Gesundheit verboten. Doch an ihre Stelle treten laufend neue Substanzen, die vor allem in der Landwirtschaft als Pestizide – beschönigend auch „Pflanzenschutzmittel“ genannt – eine Rolle spielen.

Selbstverständlich werden diese Mittel nicht ohne Grund eingesetzt. Die Landwirte in Österreich gaben 2017 für Pflanzenschutzmittel 133 Millionen Euro aus, wie im „Grünen Bericht“ zu lesen ist. Gemeinsam mit industriell hergestellten Düngemitteln und Saatgut sowie einem immer höheren Grad der Mechanisierung sind Pflanzenschutzmittel somit ein Element einer industrialisierten Landwirtschaft. Dies führte zu einer dramatischen Steigerung der Erträge im konventionellen Landbau in den letzten Jahrzehnten. Auf der gleichen Fläche wird heute dreimal so viel Weizen geerntet wie 1950. Bei Mais ist die Steigerung noch größer.

Diese Ertragssteigerungen durch die Technisierung der Landwirtschaft werden freilich mit schwerwiegenden Umweltschäden erkauft. Vor allem geht die Biodiversität – der Reichtum an Arten von Tieren und Pflanzen sowie an Lebensräumen – zurück. Zwar hat der Ackerbau seit Jahrtausenden das Ziel, die Biodiversität zu verringern: Im Idealfall wächst beispielsweise auf einem Mais-Acker eben nur Mais, auf einem Rapsfeld nur Raps. Bis zum Aufkommen der industrialisierten Landwirtschaft war diese Verringerung der Biodiversität aber im Wesentlichen auf das Feld beschränkt. Daneben konnte meist weiterhin eine reiche Vielfalt an Pflanzen und Tieren gedeihen. Heute führt der Einsatz von Pflanzenschutzmitteln aber auch abseits des Feldes zu einem Rückgang der Biodiversität in bisher ungeahntem Ausmaß.

So gerieten 2008 – nur drei Jahre nach der ersten Zulassung in der EU – Insektenvernichtungsmittel aus der Gruppe der Neonicotinoide in Verdacht, weitreichende Schäden an der Population von Bienen und anderen bestäubenden Insekten zu verursachen. Nach einer Risikobewertung durch die Europäische Lebensmittelsicherheitsbehörde (EFSA) wurden drei dieser Stoffe (Thiamethoxam, Imidacloprid, Clothianidin) im Jahr 2013 von der EU-Kommission weitgehend verboten.

Ähnlich weitreichende Wirkungen hat das Herbizid Glyphosat. Es stand in den letzten Jahren besonders im Licht der Öffentlichkeit, weil in Diskussion ist, ob es bei Menschen Krebs auslösen kann. Aber auch seine Umweltwirkungen haben besonderes Gewicht, weil praktisch in allen Staaten Glyphosat das am meisten eingesetzte Herbizid ist. Daher hat es auch besonders hohen Anteil am Rückgang an pflanzlicher Vielfalt. Als Folge des Verschwindens bestimmter Blütenpflanzen wegen des Herbizideinsatzes gehen auch Populationen bestimmter Insekten zurück. Pestizide sind damit einer der wichtigsten Faktoren beim Rückgang der Gesamtmenge an fliegenden Insekten.

Wenn es Fortschritte gibt, so meist bei der Bewertung einzelner Mittel. Doch sie sind häufig Ergebnisse aufreibender Auseinandersetzungen mit mächtigen Lobby-Interessen. Angesichts einer weltweit agierenden, immer stärker konzentrierten Pflanzenschutzmittelindustrie ist der Kampf für eine transparente Bewertung der Wirkstoffe und für die Unabhängigkeit der Behörden immer schwieriger. Hier ist der Europäischen Bürgerinitiative „Stop Glyphosat“ ein großer Erfolg gelungen. Nicht nur konnte sie über 1,3 Millionen Unterschriften sammeln, sie konnte auch erreichen, dass in Zukunft sämtliche Herstellerstudien beim Zulassungsverfahren von Pestiziden offengelegt werden müssen.

Auch wenn es durch solche Initiativen zur Beschränkung einzelner, besonders gefährlicher Pflanzenschutzmittel kommt, sind keine Fortschritte bei der Reduktion der eingesetzten Gesamtmenge an Pestiziden zu sehen. Denn dem Verbot oder der Beschränkung eines Mittels folgt bald der Antrag auf Zulassung neuer Wirkstoffe, und der Kreislauf „Neuentwicklung – Erfolgsgeschichte – Entdeckung von Schäden – Verbot des Mittels und Ersatz durch ein anderes“ beginnt von vorne.

Diesem Problem sollte sich eine eigene EU-Richtlinie über den nachhaltigen Einsatz von Pestiziden widmen (Richtlinie 2009/128/EG). Sie soll unter anderem den „integrierten Pflanzenschutz“ unterstützen, vorzugsweise nicht chemische Alternativen fördern, den Einsatz von Pestiziden in schutzwürdigen Gebieten zurückdrängen und zur Einrichtung von Pufferzonen beitragen. Doch sie leistet nicht, was sie verspricht, kritisiert die Umwelt-NGO PAN-Europe (Pesticide Action Network).

Die Frage ist letztlich, ob es überhaupt einen nachhaltigen Einsatz von Pflanzenschutzmitteln geben kann. Die mangelnde Zielgenauigkeit der Mittel und die Herausbildung von Resistenzen berechtigen zum Zweifel. Im nicht landwirtschaftlichen Bereich ist es vergleichsweise einfach: Pflanzenschutzmittel haben im Haushalt und im Garten, auf Spielplätzen und auf Verkehrsflächen nichts verloren. Doch die meisten Mittel werden in der Landwirtschaft eingesetzt. Dort braucht es weiterhin eine möglichst informierte Auseinandersetzung zwischen BefürworterInnen und GegnerInnen einer Landwirtschaft, die unter dem Druck steht, immer mehr immer billiger zu produzieren.

Der Rückgang der Biodiversität stellt heute neben dem Klimawandel eine der dramatischsten Beeinträchtigungen der Umwelt dar. In dieser Situation kann die Bedeutung einer grundlegenden Änderung der industrialisierten Landwirtschaft gar nicht hoch genug eingeschätzt werden.

 

Eine Langfassung dieses Beitrags wurde in der Zeitschrift „Wirtschaft und Umwelt“ 1/2019 im Rahmen des Schwerpunkts „Pestizide“ veröffentlicht. Im zweiten Beitrag wirft Helmut Burtscher-Schaden von der Umweltschutzorganisation Global 2000 einen kritischen Blick auf das EU-Zulassungssystem von Pestiziden und beschreibt den kürzlich erzielten Erfolg für mehr Transparenz bei der Zulassung. Der dritte Beitrag von Iris Strutzmann (AK Wien) gibt Einblick, wie es um Pestizidrückstände in Lebensmitteln und Wasser aussieht und wo Verbesserungen notwendig sind. Im Schwerpunktinterview beschreibt die deutsche Bundesministerin Svenja Schulze ihre Vorhaben für mehr Insektenschutz in Deutschland und der EU.

 

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