Psychische Auswirkungen der Arbeitslosigkeit in der Corona-Krise

Dieser Blog-Beitrag wurde von Bernhard Kittel, Fabian Kalleitner, Thomas Resch und David W. Schiestl verfasst.

Auf Basis der Daten des Austrian Corona Panel Projects (ACPP) untersucht dieser Beitrag die Erwerbsverläufe und das psychische Wohlbefinden in Österreich seit Ende Februar. Personen, die in der Krise ihren Job verloren haben, weisen ein niedrigeres psychisches Wohlbefinden auf als jene Personen, die weiterhin ihrer Arbeit nachgehen konnten. Für diejenigen, die in Kurzarbeit gehen mussten, hatte die Krise keinen signifikanten negativen Einfluss auf ihr psychisches Wohlbefinden. Die Kurzarbeit konnte damit möglicherweise nicht nur Krisenauswirkungen in Bezug auf die Einkommens- und Berufssituation lindern, sondern wirkte auch hinsichtlich des psychischen Wohlbefindens stabilisierend. Menschen, die in der Krise ihren Job verloren haben, weisen ein niedrigeres psychisches Wohlbefinden auf als jene Menschen, die in Kurzarbeit waren. Für diejenigen, die schon vor der Krise arbeitslos waren, hat die Krise das psychische Befinden nochmals verschlechtert.

Die Bekämpfung der SARS-CoV-2-Pandemie erfolgte unter anderem durch einen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Lockdown, wodurch insbesondere Handel, Tourismus, Kultur und Sport per 16. März 2020 zum Erliegen kamen. Infolgedessen stiegen die Arbeitslosenzahlen (inklusive AMS-Schulungen) laut WIFO von rund 400.000 im Februar 2020 auf etwa 563.000 Ende März. Mit den schrittweisen Lockerungen der Maßnahmen ab Mitte April 2020 sank die Arbeitslosigkeit nach Daten des AMS bis Ende Juni wieder auf etwa 463.000 Personen, bleibt aber mit +43 Prozent deutlich über dem Niveau vom Juni 2019.

Der Lockdown hat vielfältige gesellschaftliche und individuelle Folgen gezeitigt, die im Rahmen des Austrian Corona Panel Projects (ACPP) der Universität Wien untersucht werden. In diesem A&W Blogbeitrag gehen wir der Frage nach, inwiefern die Krise am Arbeitsmarkt Auswirkungen auf das psychische Wohlbefinden von betroffenen Personen hatte.

Wie Julia Hofmann und Georg Hubmann vor einem halben Jahr an dieser Stelle in Erinnerung gerufen haben, ist Erwerbsarbeit ein zentrales Element der Sinngebung und der sozialen Integration von Menschen. Der Entzug dieser immateriellen Werte von Arbeit wurde von der Sozialpsychologin Marie Jahoda als „latente Deprivation“ bezeichnet. Diese kann sich etwa darin äußern, dass Personen häufiger negative Gefühle verspüren, was sich in manchen Fällen bis hin zu Depressionen entwickeln kann. Bereits zwei Wochen nach Beginn des Lockdowns konnten Fabian Kalleitner und David Schiestl zeigen, dass dieser These entsprechend Arbeitslose im Vergleich zu Erwerbstätigen eine deutlich erhöhte Depressionsgefährdung aufwiesen.

Hier untersuchen wir, wie sich Erwerbsverläufe während des Lockdowns darstellen und wie stark sich welche Wechsel zwischen Arbeitslosigkeit, Erwerbstätigkeit, Nicht-Erwerbstätigkeit und Kurzarbeit auf die Depressionsneigung auswirken.

Effekt des Lockdowns auf die Beschäftigung

Im Februar 2020 waren etwa 60 Prozent der Befragten des ACPP erwerbstätig und 8,0 Prozent arbeitslos. Im Wesentlichen hatten Unternehmen infolge des Lockdowns zwei Möglichkeiten, sich gegenüber Mitarbeiter*innen zu verhalten, die sie nicht mehr beschäftigen konnten: die Nutzung der von den Sozialpartnern ausgehandelten Kurzarbeitsregelung oder eine betriebsbedingte Kündigung.

Diese Abbildung zeigt den Verlauf der Erwerbstätigkeit jener 629 Befragten im ACPP, die an allen Befragungswellen teilgenommen haben. Es zeigt sich, dass sowohl Kurzarbeit als auch Arbeitslosigkeit zu Beginn des Lockdowns stark anstiegen. Die sukzessive Rückkehr zur wirtschaftlichen Normalität lässt sich am Rückgang der Kurzarbeit (weniger gelbe Felder) und dem Anstieg der Beschäftigung (Verbreiterung grün eingefärbter Felder) in den späteren Wellen deutlich erkennen.

Von den Befragten waren etwa 70 Prozent der im Februar Erwerbstätigen auch zwischen Anfang März und Ende Juni beschäftigt (durchgehend grün eingefärbt). Etwa 30 Prozent erlebten mindestens einen Wechsel des Erwerbsstatus. Der Großteil – knapp fünf von sechs – der von Veränderungen betroffenen Beschäftigten wurde in Kurzarbeit geschickt, fast jeder sechste wurde arbeitslos, ein kleiner Teil verließ den Arbeitsmarkt. Für diejenigen, die im Februar arbeitslos waren, bedeutete die Krise de facto eine Verstetigung ihrer Lage – etwa 90 Prozent von ihnen waren auch Ende Juni arbeitslos. Ebenso hat sich bei denjenigen, die aufgrund von Ausbildung, Karenz oder Pension dem Arbeitsmarkt nicht zur Verfügung stehen, während der Krise wenig verändert.

Effekt von Kurzarbeit und Arbeitslosigkeit während des Lockdowns auf das psychische Wohlbefinden

Sowohl Kurzarbeit als auch Arbeitslosigkeit signalisieren für die Betroffenen, dass ihre Beschäftigung während des Lockdowns weniger gebraucht wird oder gar obsolet geworden ist. Beides wird daher von vielen als Bedrohung der eigenen Stellung in der Gesellschaft wahrgenommen. Der allgemeine Lockdown impliziert, dass ein Wechsel des Arbeitsplatzes oder ein Wiedereinstieg in den Arbeitsmarkt wesentlich weniger wahrscheinlich ist als in krisenlosen Zeiten. Diese Bedrohung wirkt sich negativ auf das psychische Wohlbefinden aus.

Menschen in Kurzarbeit erleben ihren Arbeitsplatz als prekär, aber sie sind weiterhin beschäftigt. Hingegen heißt Arbeitslosigkeit, dass sich genau dieser befürchtete Verlust realisiert hat. Zudem sind auch die materiellen Einbußen im Falle der Arbeitslosigkeit oftmals bedeutend höher. Folglich sollte das psychische Wohlbefinden von arbeitslosen Menschen schlechter sein als jenes derer, die in Kurzarbeit geschickt wurden.

Die Befragung zeigt, dass sich die Depressionsneigung von Erwerbstätigen und Personen in Kurzarbeit sowie Nicht-Erwerbstätigen kaum unterscheidet. Menschen, die während des Lockdowns arbeitslos waren oder durch den Lockdown arbeitslos wurden, weisen hingegen höhere Werte auf.

Tabelle 1. Depressionsneigung nach Erwerbstätigkeit und Befragungswelle

 Nicht erwerbstätigErwerbstätigKurzarbeitArbeitslos
 DNDNDNDN
27. – 30. März25,751026,349028,615832,1145
17. – 21. April23,653524,552025,417734,1110
29. Mai – 3. Juni22,652725,155523,715135,8113
26. Juni – 1. Juli22,752623,860424,312633,9106

D = Indexwerte der kumulierten Depressionsneigung, Skala 0–100; n = Anzahl der Fälle. Daten des Austrian Corona Panel; gewichtet nach Befragungswelle

Verlust des Arbeitsplatzes ging mit Anstieg der Depressionsneigung einher

Da der gefundene Unterschied jedoch auch auf andere Faktoren zurückgeführt werden könnte, in denen sich Personen in Arbeitslosigkeit von denjenigen in Kurzarbeit und in Erwerbstätigkeit unterscheiden, gehen wir im Folgenden der Frage nach, ob der gefundene Effekt des Wechsels des Erwerbsstatus auf das psychische Wohlbefinden auch unter Kontrolle anderer wichtiger Faktoren erhalten bleibt.

Unsere Resultate zeigen, dass der Verlust des Arbeitsplatzes zwischen Februar und Mitte April sowie zwischen Februar und Ende Juni einen statistisch signifikanten Anstieg der Depressionsneigung um etwa 6 Punkte im Vergleich zu Personen, die weiterhin beschäftigt waren, bedeutete. Dieser Effekt war Ende Mai nur halb so stark und statistisch nicht signifikant. Ein Wechsel von der Erwerbstätigkeit zur Kurzarbeit hatte im Gegensatz zum Verlust des Arbeitsplatzes keine höhere oder niedrigere Depressionsneigung zur Folge.

Doch diejenigen, die schon vor der Krise arbeitslos waren und dies während des Lockdowns blieben, weisen eine um 10 Punkte höhere Depressionsneigung als durchgehend Beschäftigte auf. Zudem zeigen die Berechnungen, dass bei den wenigen Befragten, die während der Krise eine Arbeit gefunden haben, die Depressionsneigung im Zuge dessen stark gesunken ist.

Diese Zusammenhänge zwischen Erwerbsstatus und psychischem Wohlbefinden bleiben auch unter Berücksichtigung anderer Bestimmungsfaktoren bestehen. Hinsichtlich dieser Faktoren zeigt sich, dass Frauen, Menschen mit Migrationshintergrund sowie jüngere Menschen höhere Werte auf der Skala aufweisen und somit mit einem geringeren psychischen Wohlbefinden konfrontiert sind.

Interpretation und Schlussfolgerungen

Der krisenbedingte Lockdown hatte zur Folge, dass etwa 30 Prozent der Befragten im ACPP gänzlich oder teilweise ihre Beschäftigung verloren. Der Großteil dieser Menschen wurde durch die zwischen den Sozialpartnern ausgehandelte Kurzarbeitsregelung aufgefangen. Dies hatte im Vergleich zu einer möglichen Arbeitslosigkeit nicht nur deutliche materielle Vorteile für die betroffenen Personen, sondern hat diese Menschen auch vor erhöhten psychischen Belastungen bewahrt. Dass 5 von 6 Beschäftigten, die während des Lockdowns nicht weiterarbeiten konnten, die Kurzarbeit nutzen konnten, zeigt die Dimension der vor einer Kündigung schützenden Wirkung der Kurzarbeitsregelung. Die Arbeitslosigkeit wäre vermutlich um ein Vielfaches mehr gestiegen, hätten sich die Sozialpartner nicht geeinigt. Die psychischen Folgen dessen lassen sich an den Effekten der Veränderungen des Beschäftigungsstatus während der Krise deutlich beobachten. Diejenigen, die trotz aller Maßnahmen während der Krise arbeitslos geworden sind, weisen ein substanzielles Absinken des psychischen Wohlbefindens auf, während bei den wenigen, die während dieser Phase Arbeit gefunden haben, ein starker Anstieg dieses Indikators festzustellen ist.

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