Österreich: Beim materiellen Wohlstand an der Spitze der EU

Österreichs Wirtschaftsleistung je EinwohnerIn übertraf 2019 den EU-Durchschnitt um 27 Prozent. Dies belegt die Qualität des heimischen Wirtschaftsstandorts. Für die Messung des Wohlstands müssen zusätzliche Indikatoren wie das verfügbare Einkommen in der Mitte der Haushalte herangezogen werden: Auch hier liegt Österreich an der Spitze der EU. Um hohen Wohlstand auch in Zukunft zu gewährleisten, sind weitere Anstrengungen geboten: Investitionen in die öffentliche Infrastruktur insbesondere zur Bekämpfung der Klimakrise, weitere Verbesserungen im Sozialstaat und eine gerechte Verteilung des Wohlstandes und der COVID-19-Krisenkosten.

Österreichs Wirtschaftsleistung an fünfter Stelle der EU-28

Das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf zu Kaufkraftstandards wird als gebräuchlichster Indikator für den internationalen Vergleich der Wirtschaftsleistung eines Landes verwendet. Für Österreich betrug es 2019 etwa 40.400 Euro (kaufkraftstandardbereinigt; entspricht nominell 44.920 Euro), was den fünfthöchsten Wert der EU darstellt (2018: vierthöchsten). Klar vor uns liegen Luxemburg (Finanzzentrum mit Umland), Irland (statistisch hohe Produktion wegen Steuerbegünstigungen für Multis, die sich nicht im Einkommen der IrInnen spiegelt) und nur knapp Dänemark und die Niederlande. Hinter Österreich folgen Deutschland und Schweden. Einmal mehr zeigen die vorliegenden Produktionsdaten, dass dem notorischen Jammern über die mangelnde Wettbewerbsfähigkeit des heimischen Wirtschaftsstandorts die sachliche Fundierung fehlt. Es ist rein interessenpolitisch motiviert. Vielmehr sind Standortqualität und ein gut ausgebauter Sozialstaat zwei Seiten einer Medaille.

Wirtschaftliche Rahmenbedingungen wesentlich für die mittelfristige BIP-Entwicklung

Für hochentwickelte Volkswirtschaften wie die österreichische spielen das Bildungs-, Forschungs- und Innovationssystem, die wirtschaftliche und soziale Infrastruktur, das Institutionensystem und die Steuerung der gesamtwirtschaftlichen Nachfrage eine entscheidende Rolle. Alle diese Faktoren gilt es von hohem Niveau ausgehend weiterzuentwickeln.

Die Entwicklung des BIP pro Kopf seit Beginn der von Banken und Finanzmärkten ausgelösten Wirtschaftskrise zeigt die günstigere Entwicklung der Wirtschaftsleistung in den besser ausgebauten Wohlfahrtsstaaten in Relation zu den unter der Austeritätspolitik leidenden Volkswirtschaften. Zudem holen die osteuropäischen Länder mit geringerer Wirtschaftsleistung auf, sodass das Niveau der produktiveren Staaten relativ zum EU-Durchschnitt sinkt. In Italien liegt die Produktion pro Kopf mittlerweile merklich unter dem EU-Durchschnitt, Polen hat mittlerweile Griechenland beim BIP pro Kopf überholt. In der COVID-19-Krise droht nun eine neuerliche Zunahme der Divergenz zwischen den EU-Ländern.

BIP: ein eingeschränkt brauchbares Wohlstandsmaß

Das Bruttoinlandsprodukt ist ein nur eingeschränkt brauchbares Maß als Wohlstandsindikator. Es …

  • berücksichtigt nicht, wie viel Arbeitszeit für die Produktion von Gütern und Dienstleistungen aufgewendet werden muss,
  • erfasst Qualitätsänderungen zu wenig,
  • bewertet die immer wichtiger werdenden sozialen Dienstleistungen nur nach den bei ihrer Herstellung entstehenden Kosten und nicht nach ihrem Nutzen für die Gesellschaft,
  • negiert wichtige Bestandsgrößen wie Vermögen, Ressourcen und Wissen,
  • berücksichtigt den mit der Produktion verbundenen Material- und Ressourcenverbrauch nicht,
  • spiegelt die Verteilung von Einkommen und Vermögen nicht,
  • ist zu stark auf die Messung von Produktion zu den auf den Märkten erzielten Preisen und zu wenig an den tatsächlichen Konsummöglichkeiten ausgerichtet.

Verfügbares Einkommen in der Mitte der Haushalte: Österreich an der Spitze

Deshalb ist es notwendig, auch andere Indikatoren zur Wohlstandsmessung heranzuziehen. In unserem Wohlstandsbericht 2019 haben wir einen solchen Versuch unternommen. Dort wird die Wohlstandsentwicklung anhand von 30 Indikatoren in fünf breiten Bereichen analysiert: fair verteilter materieller Wohlstand, Vollbeschäftigung und gute Arbeit, Lebensqualität, intakte Umwelt und ökonomische Stabilität.

Zur Bewertung des materiellen Lebensstandards der Menschen in der Mitte einer Gesellschaft ist das real verfügbare Einkommen der geeignetere Indikator als das BIP. Das mediane Äquivalenznettoeinkommen zu Kaufkraftstandards zeigt das verfügbare Haushaltseinkommen pro Kopf nach Abzug der Abgaben und Hinzurechnung von Transfers in der Mitte der Verteilung – bereinigt um unterschiedliche Preisniveaus, um die tatsächliche Kaufkraft vergleichen zu können.

Österreich wies 2018 mit 23.200 Euro (kaufkraftstandardbereinigt) den höchsten materiellen Lebensstandard in der Mitte der Haushalte in der gesamten EU auf, wenn man vom Sonderfall Luxemburg absieht. Der Vorsprung gegenüber Deutschland und der Eurozone ist hier deutlich größer als etwa bei der durchschnittlichen Pro-Kopf-Produktivität. Das ist auf den deutlich besser ausgebauten Sozialstaat (vor allem durch monetäre Transfers) und die relativ egalitäre Einkommensverteilung zurückzuführen. Durch die COVID-19-Krise drohen hier nun Rückschritte in allen Staaten, da die Krisenlasten ungleich zulasten wirtschaftlich schwächerer Gruppen verteilt sind.

Wirtschaftspolitische Schlussfolgerungen

Unmittelbar muss auf die ökonomischen und sozialen Kosten der COVID-19-Krise reagiert werden. Das BIP pro Kopf wird 2020 deutlich gegenüber 2019 sinken. Die Lasten der Krise sind allerdings sehr ungleich verteilt. Die größten Einkommensverluste erleiden Arbeitslose und kleine Selbstständige, langfristig auch Kinder und Jugendliche mit bildungsfernem Hintergrund. Geeignete Maßnahmen müssen am Arbeitsmarkt ansetzen, für Arbeitslose neue Ausbildungs- und Finanzierungsplätze sowie gemeinnützige Beschäftigung anbieten und die soziale Absicherung der Betroffenen verbessern.

Eine wohlstandsorientierte Wirtschaftspolitik muss auf die Herausforderungen der Klimakrise reagieren. Vor allem öffentliche Investitionen müssen rasch umgesetzt werden: öffentlicher Nah- und Fernverkehr, Energieerzeugung und Energienetze, Infrastruktur für Elektromobilität, thermische Sanierung, Umrüstung von Öl- und Gasheizungen, Klimaforschung. Die in Ballungszentren rasch wachsende Bevölkerung benötigt zudem Wohnungen, Kindergärten, Schulen, Pflegeeinrichtungen, Parks und öffentliche Räume. Alle diese Investitionen haben hohe gesellschaftliche Erträge und erhöhen den langfristigen Wohlstand.

Die Lebensbedingungen in der Mitte der Gesellschaft spielen eine wichtige Rolle in der Messung des materiellen Wohlstandes. Sie werden auch von den sozialen Transfers und sozialen Dienstleistungen des Wohlfahrtsstaates entscheidend geprägt. Vor allem die neoliberalen Forderungen nach dauerhaften Steuersenkungen sind politisch darauf ausgerichtet, den Wohlfahrtsstaat und damit die wirtschaftlichen und sozialen Interessen der breiten Mittelschicht zu schwächen.

Österreich gehört zu den wirtschaftlich und sozial erfolgreichsten Ländern der EU und der Welt. Damit das so bleibt, brauchen wir folgende Maßnahmen:

  • Jugendarbeitslosigkeit bekämpfen: sofortige Ausweitung der Ausbildungsplätze in überbetrieblichen Lehrwerkstätten, weiterführenden Schulen, Fachhochschulen und Universitäten.
    • AMS-Ausbau: Arbeitslose aus Branchen mit schlechten Jobaussichten wie dem Tourismus in Zukunftsbranchen (Pflege, Bildung, Technik, Klima etc.) qualifizieren, Beschäftigungsgarantie für Langzeitarbeitslose und intensivere AMS-Betreuung.
    • Ausbau sozialer Dienstleistungen: Sie kommen allen zugute und ermöglichen mehr und bessere Arbeit, vor allem in den Bereichen Kinderbetreuung, Ganztagsschulen, Bildungsangeboten, Sozialarbeit und Pflege.
    • Ausweitung öffentlicher Investitionen: vor allem in den Bereichen sozialer Wohnbau, Energienetze, Forschung und öffentlicher Verkehr, die für hohe Lebensqualität, ökonomische Stabilität, Vollbeschäftigung und den Kampf gegen die Klimakrise unabdingbar sind.
    • Innovative Verkürzung der geleisteten Arbeitszeit: 4-Tage-Woche, 6. Urlaubswoche und anderes bringen mehr Arbeits- und Lebensqualität.
    • Österreichisches Institutionensystem weiterentwickeln: Vom Sozialstaat bis zu den Kollektivvertragsverhandlungen stellen die heimischen Institutionen die ökonomische Stabilität und fair verteilten Wohlstand sicher.
    • Globale Verankerung hoher Sozial- und Umweltstandards: Sie helfen, die globalen Klimaziele zu erreichen und Wohlstand weltweit zu verbessern – sie erleichtern damit auch die Zielerreichung in Österreich.

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