Covid-19: Das österreichische Gesundheits- und Pflegeystem am Limit

Das österreichische Gesundheits- und Pflegesystem hat die Herausforderungen der COVID-19-Pandemie besser gemeistert als viele andere (europäische) Länder. Vom ehemaligen Musterland in der Krisenbewältigung ist wenig übrig geblieben. Es bedarf nun großer Anstrengungen vor allem der Beschäftigten, um einen Kollaps der Intensivstationen und nötige Triagierungen zu verhindern. Inzwischen sind auch in Österreich fast 40 Prozent aller Todesfälle in den Alten- und Pflegeheimen zu verzeichnen. Zeit für eine Aufarbeitung, wo und warum Österreich seine Vorreiterrolle seit der ersten Welle verspielt hat.

Österreich insgesamt stärker betroffen als andere Länder

Während der ersten Welle hat Österreich weniger Infektionen je 100.000 Einwohner/-innen verzeichnet als viele andere Länder. In der zweiten Welle mit Beginn Oktober 2020 zeichnet sich ein völllig anderes Bild ab. Österreich zählte im November zu den Ländern mit den höchsten Infektionsraten pro 100.000 Einwohner/-innen. Die hohen allgemeinen Infektionszahlen bewirken eine hohe Belastung in den Krankenhäusern und bilden sich auch in der Langzeitpflege ab, insbesondere in Alten- und Pflegeheimen (APH), wie aus Tabelle 1 hervorgeht. Wenn man bedenkt, dass nur etwa 0,8 Prozent der Bevölkerung in APH leben, aber über zwei Drittel der Todesfälle in APH zu beklagen sind, wird deutlich, wie dramatisch der „Hotspot Heim“ zu beurteilen ist. Zudem wurden in APH bislang auch über 6.000 Mitarbeiter/-innen positiv getestet (gesamtbeschäftigte Pflegekräfte APH, Stand 2017: 47.100). Dies ist im Einklang mit internationalen Entwicklungen, denn die Verbreitung des Virus in der allgemeinen Bevölkerung korreliert stark mit der Prävalenz von SARS-CoV-2 in Alten- und Pflegeheimen.

Tabelle 1: Zahl der COVID-19-Fälle in Alten- und Pflegeheimen (APH) und in der Gesamtbevölkerung in Österreich, kumuliert, Juni und November 2020

DatumFälle in APHFälle pro 1.000 Bewohner-/innen in APHGesamt pro 100.000 Ew.Fälle insgesamtTodesfälle gesamtTodesfälle in APH
22/6/20 EMS (1)92312,7195,417.380690260
18/11/20
(BMI)
5.11873,41.293,8164.8662.018728
9/12/20 (BMI)10.790154,13.494,4311.0024.2601.550

Quellen: BMI, BMSGPK, AGES; (1) EMS = Epidemiologisches Meldesystem; BMI = Bundesministerium für Inneres; die Vergleichbarkeit der Daten ist eingeschränkt.

Intensivstationen und Krankenhäuser vor dem Kollaps

Aktuell (Stand: 21.12.2020) sind in Österreich 489 Intensivbetten belegt (Höchststand Ende November über 700). Während die Zahl der Intensivbetten nach und nach aufgestockt wurde, wurde das Personal knapp. Die Arbeit in Intensivstationen bringt besondere Anforderungen mit sich. Pflegekräfte auf Intensivstationen haben zusätzlich zur Pflegeausbildung meist eine einjährige Spezialausbildung, die im Gesundheits- und Krankenpflegegesetz geregelt ist. Wie viel Personal in welcher Qualifikation einzusetzen ist, ist über diverse Rahmenvorgaben geregelt. Bereits im Frühling wurde die Notwendigkeit der verbindlichen Sonderausbildung kurzfristig außer Kraft gesetzt. Eine Schnellschulung für dieses hochspezialisierte Feld (egal, für welchen Gesundheitsberuf) wäre über den Sommer nicht möglich gewesen. Auch eine Aufschulung von Kollegen/-innen aus anderen Bereichen und Fachdisziplinen, um die jetzigen Anforderungen zu meistern, wäre nicht ausreichend. Solche Kräfte könnten die Intensivprofis zwar unterstützen, aber keinesfalls ersetzen – zu intensiv ist hier, neben der Zeit für die Spezialisierung, die Einarbeitungszeit. Bereits vor der Pandemie war deutlich, dass es für den Intensivbereich zu wenig ausgebildete Kollegen/-innen gab. Jetzt bestätigen Experten/-innen, dass die gesetzlichen Personalvorgaben für Intensivstationen derzeit nicht ausreichend sind, zumal in vielen Fällen eine Eins-zu-eins-Pflege notwendig ist.

Altenheime als Hotspots der zweiten Welle

Bereits während der ersten Welle gab es eine Häufung von erkrankten Bewohnern/-innen in den österreichischen Alten- und Pflegeheimen. Während damals allerdings nur einzelne Heime betroffen waren, die Todesfälle zu keiner Übersterblichkeit führten und nur relativ wenige Beschäftigte erkrankten, so zeigt sich mittlerweile ein gänzlich anderes Bild. Kaum ein Heim in Österreich ist in den letzten Wochen unbeschadet geblieben, mehrere Cluster sind entstanden und zuletzt mussten Betreuungsaufgaben aufgrund von Totalausfällen bei den Kollegen/-innen vorübergehend durch das Bundesheer übernommen werden. Die Lage ist in vielen Bereichen ernst. Mittlerweile wurde auch deutlich, dass es in Österreich im November eine starke Übersterblichkeit gab, nicht zuletzt bei Bewohnern/-innen der Alten- und Pflegeheime. Während noch im Frühjahr die Frage im Vordergrund stand, ob Bewohner/-innen in den Heimen zu sehr isoliert werden, ist es derzeit vor allem die Frage, wie die Bewohner/-innen besser geschützt werden können – und was im Sommer an Präventionsmaßnahmen verabsäumt wurde. Erklärungsversuche, warum die Heime gerade jetzt so stark betroffen sind, gibt es viele. Ein kompletter Lockdown der Heime ist derzeit nicht möglich. Auch der Aufnahmestopp für Heime wurde außer Kraft gesetzt – bis Mitte November gab es keine verbindliche Testung bei Neueinzügen in Heimen. Aufgrund der Überlastung entlassen die Krankenhäuser ihre COVID-19-Patient/-innen wieder schneller – auch und gerade in die Heime, obwohl ein Teil dieser Personen immer noch erkrankt bzw. SARS-CoV-2 positiv ist. Zudem berichten Kolleg/-innen, dass die Kommunikation dazu nicht immer klar ist. Gesetzlich verbindliche wöchentliche Screenings ergeben nach wie vor lediglich eine Momentaufnahme, schon beim nächsten Dienst kann ein Beschäftigter bzw. eine Beschäftigte positiv sein. Deutlich werden auch die besonderen Anforderungen für Menschen mit Demenz. Für viele ist es schwierig, im eigenen Wohnbereich zu verweilen und sich an Hygienestandards zu halten, eine Verbreitung des Virus im gesamten Heim ist so kaum vermeidbar. Auch gibt es kaum Isolierbereiche in den Heimen, sodass erkrankte Bewohner/-innen Tür an Tür mit gesunden leben. Anders als im Krankenhaus ist die Isolierung inkl. Personal daher um vieles schwieriger.

Die rechtlichen Grundlagen – wie letztens die 3. COVID-Schutzmaßnahmenverordnung – sehen Sicherheitsvorkehrungen vor, wie z. B. Testung der Beschäftigten zwei Mal pro Woche, Besuchsbeschränkungen und die verbindliche Erstellung von Präventivkonzepten. Auf Landesebene gibt es meist zusätzliche Vorkehrungen, wie Stufenpläne oder auch striktere Besuchsregelungen wie etwa im November in Oberösterreich. Die rechtlichen Vorgaben werden innerhalb kürzester Zeit immer wieder angepasst. Derzeit sorgt vor allem die Weihnachtsregelung für viel Kritik in den Bundesländern. Nicht zuletzt werden mit der nationalen Impfstrategie die Bewohner/-innen und Beschäftigten in den Alten- und Pflegeheimen als erste Zielgruppe definiert. Die ersten Impfungen sollen schon kurz nach Weihnachten starten.

Mobile Dienste und 24-Stunden-Betreuung kaum im Fokus

Während in der österreichischen Langzeitpflege-Politik – nicht zuletzt im Regierungsprogramm – der Leitsatz „Mobil vor stationär“ festgeschrieben wurde, wird auch in der zweiten Welle der Pandemie gerade dieser Bereich vernachlässigt. Weder in den Medien noch in den veröffentlichten Zahlen der Regierung wird auf dieses Betreuungsfeld eingegangen. Kollegen/-innen schildern, dass bei der Erstellung von Handlungsempfehlungen, aber auch bei der Ausstattung mit Schutzausrüstung, Screenings etc. lange auf dieses Setting vergessen wurde. So ist es nicht verwunderlich, dass auch die Testungen und Screenings, die für Heime schon ab April geplant waren, im mobilen Bereich meist sehr viel später begonnen wurden, wie z. B. in Oberösterreich im Oktober.

Die 24-Stunden-Betreuung, die während der ersten Welle noch im Mittelpunkt der medialen Berichterstattung gestanden war, ist derzeit weniger im Fokus. Dabei hat sich die Situation nicht verbessert. Klienten/-innen, Angehörige und nicht zuletzt die Betreuer/-innen fühlen sich immer noch im Stich gelassen.Die strenge Einreiseverordnung ab 19. Dezember bringt Ausnahmen mit sich: 24-Stunden-Betreuer/-innen brauchen bei der Einreise ein ärztliches Zeugnis. Wie diese Möglichkeit genützt wird, bleibt weiter abzuwarten. Pflegende Angehörige, die sich häufig allein gelassen fühlen, bleiben mit ihren Problemen in den eigenen vier Wänden.

Vorkehrungen wurden nicht getroffen

Die Maßnahmen sahen unterschiedliche Vorkehrungen vor. Neben umfangreichen Empfehlungen auf Bundesebene wurden vor allem auf Krankenhausebene Kooperationen angestrebt, um die drohende zweite Welle zu bewältigen. Das sommerliche Aufatmen, verbunden mit niedrigen Fallzahlen, hat aber auch dazu geführt, dass viele wesentliche Vorkehrungen nicht getroffen wurden. So wurden teils alle Besuchsregelungen inkl. Hygienevorgaben in den Heimen aufgehoben, Masken waren in vielen Bereichen nicht mehr verbindlich. Zudem wurden teils die Beschäftigten angehalten, möglichst wenig Schutzausrüstung zu verbrauchen. Vor allem im Heimbereich werden Hygienekonzepte und -schulungen noch sehr unterschiedlich ausgelegt, was sich teils in Clusterbildungen niederschlägt, wie z. B. unlängst in der Steiermark. Hier laufen gerade aktuelle Ermittlungen der Staatsanwaltschaft, um eventuelle Missstände aufzuklären.

Beschäftigte enorm belastet

Die Anforderungen der letzten Monate haben massive Auswirkungen auf das physische und psychische Wohlbefinden der Beschäftigten in Gesundheits- und Pflegeberufen. Das durchgehende Tragen von FFP2-Masken, die anstrengende Arbeit in Schutzausrüstungen in COVID-Bereichen und der zusätzliche Arbeitsanfall belasten die Beschäftigten immer noch stark. Das Arbeitsvolumen wurde massiv erhöht. Es zeigte sich, dass die alten Vorgaben zur Personalberechnung in keiner Weise den Arbeitsanfall durch COVID-19 in allen Bereichen abdeckt. Neben den besonderen Anforderungen durch spezielle Hygienekonzepte sind es aber vor allem auch sich laufend ändernde Vorgaben und Richtlinien, eine Unplanbarkeit des Privatlebens und die eigene Betroffenheit durch ein erhöhtes Risiko, selbst zu erkranken bzw. das Virus mit zu Familien und Angehörigen zu schleppen. Zu Beginn der Pandemie wurden Beschäftigte in Gesundheits- und Pflegeberufen als systemrelevante (versorgungskritische) Berufe aus den allgemeinen Regelungen für Risikogruppen ausgenommen. Eine Verlängerung der Risikogruppenregelung ist offen. Lange Zeit gab es keine speziellen Regelungen für Schwangere. Die Unklarheit bzw. teils auch Schlechterstellung im Vergleich zu anderen Berufen stellte die Beschäftigten selbst, aber auch Betriebsratskollegen/-innen vor große (psychische) Herausforderungen. Erst nach und nach wurden die Beschäftigten in Gesundheitsberufen allen anderen Berufsgruppen gleichgestellt. Für Schwangere kommt nach intensivem Einwirken der Arbeiterkammer und der Gewerkschaften eine Verbesserung mit Dezember 2020 (öffentlicher Bereich derzeit ausgenommen). Sonderregelungen für Schlüsselpersonal im Gesundheitsbereich, wie z. B. Verkehrsbeschränkungen anstelle von Quarantänen, die Möglichkeit, unter bestimmten Bedingungen auch COVID-positiv arbeiten zu können/müssen, verstärken die Unzufriedenheit vieler Pflegekräfte.

Die beschriebenen Anforderungen zeigen sich auch in den Belastungen. Knapp zwei Drittel der Beschäftigten litten in der ersten Welle unter „mäßigem“ bis „enormem“ Stress, so eine aktuelle Studie der Medizinischen Universität Graz. Am meisten belastet waren dabei jene Pflegekräfte, die über 40 Stunden pro Woche gearbeitet haben. Deutlich auch die Zahlen im aktuellen Arbeitsklima-Index der Arbeiterkammer Oberösterreich.

Knapp die Hälfte der Beschäftigten – und somit fast viermal mehr als in anderen Berufen – nennt die eigene Arbeit psychisch (sehr) belastend, ein Drittel beklagt Zeitdruck, ein Viertel ständigen Arbeitsdruck und wechselnde Arbeitsabläufe. Ein Drittel der Pflegekräfte musste neue Aufgaben übernehmen, ein Viertel Überstunden machen. Viele Pflegekräfte erwarten sich für ihren Einsatz eine echte Anerkennung auf vielen Ebenen.

Zeit für echte Reformen

Die Pandemie hat die bereits vorher bestehenden Herausforderungen des österreichischen Gesundheits- und Langzeitpflegesystems noch verschärft. Waren die Arbeitsbedingungen schon bisher wenig attraktiv, so haben die Beschäftigten seit März teils über ihre persönlichen Belastungsgrenzen hinaus gearbeitet. Deutlich wurden auch bereits bekannte Nahtstellenproblematiken zwischen den Bereichen Gesundheit und Pflege, die massive Überlastung von pflegenden Angehörigen und das fragile System der 24-Stunden-Betreuung. Neben Sofortmaßnahmen zur Entlastung, aber auch Wertschätzung der Beschäftigten, wie Corona-Tausender und vermehrtem Einsatz von Unterstützungspersonal, braucht es langfristig krisentaugliche Pandemiepläne, neue Formen der Personalbemessung, die auch Sonderaufgaben wie z. B. COVID-19 besser abbilden, und zugehörige arbeitsmarktpolitische Maßnahmen zur Bewältigung des Personalmangels, eine adäquate Entlohnung und eine Gesamtschau auf eine integrierte Versorgung in Österreich. Die derzeit laufende Pflegereform ist hier ein erster notwendiger Schritt für viele nötige Reformschritte.

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