Corona macht Lehrstellen zur Mangelware

Die duale Ausbildung in Form der Lehre ist eine wesentliche Säule des österreichischen Bildungssystems. Sie erleichtert Jugendlichen den Einstieg ins Erwerbsleben und hat wesentlich dazu beigetragen, dass in Österreich die Jugendarbeitslosigkeit in den letzten Jahren deutlich unter dem EU-Durchschnitt lag. Doch die Corona-Krise hat auch in der Lehrlingsausbildung ihre Spuren hinterlassen. Besonders deutlich machen dies die AMS-Zahlen für Lehrstellensuchende und verfügbare Lehrstellen.

Mit dem Lockdown mussten viele Betriebe schließen, was erhebliche Folgen für den Lehrlingssektor nach sich zog: Zwar wurde schnell die Kurzarbeitsregelung erweitert, sodass auch Lehrlinge seit März in Kurzarbeit gehen können. Dies konnte allerdings nicht verhindern, dass dennoch in den letzten Monaten Tausende Lehrlinge ihren Arbeitsplatz verloren. Im Mai 2020 waren fast 4.000 Lehrlinge mehr beim AMS als lehrstellensuchend gemeldet als noch im Mai 2019. Mit Juni 2020 entspannte sich die Situation zwar leicht, aber immer noch sind aktuell fast 2.000 Lehrlinge mehr auf Lehrstellensuche als noch im Vorjahr. Das ist ein Anstieg von +34,3 Prozent. Zugleich ging die Anzahl der dem AMS gemeldeten, sofort verfügbaren Lehrstellen um über 800 oder -12,8 Prozent gegenüber dem Vorjahresmonat zurück.

Einziger Lichtblick angesichts dieser dramatischen Entwicklung ist, dass die Anzahl an nicht sofort verfügbaren Lehrstellen sich ungefähr auf dem Niveau des Vorjahres befand. Dabei handelt es sich um Lehrstellen, welche Unternehmen zwar schon jetzt dem AMS gemeldet haben, die allerdings erst später zu besetzen sein werden. Dies ist somit ein Indikator, dass Unternehmen Lehrstellen, welche beispielsweise erst im September oder Oktober zur Verfügung stehen werden, derzeit noch nicht streichen – d. h. hier besteht bei manchen Unternehmen zumindest noch ein vorsichtiger Optimismus, im Herbst wieder zum regulären Geschäftsbetrieb zurückkehren zu können. Allerdings gibt es bereits Stimmen, vor allem aus dem Tourismus- und Gastronomiebereich, die davon sprechen, dass die Lehrlingsaufnahmen im Herbst großflächig gestrichen werden.

Fremdenverkehr, Metall- und Elektroberufe sowie Büroberufe besonders betroffen

Besonders hart getroffen hat es, wenig überraschend, den Fremdenverkehr. Dort machte im Juni der Anstieg der Lehrstellensuchenden gegenüber dem Vorjahresmonat +22,5 Prozent aus. Zugleich ging die Anzahl an offenen, sofort verfügbaren Lehrstellen um -33,3 Prozent zurück. Die verordneten Schließungen von Gastronomiebetrieben im März, April und Mai sowie die Nachfrageausfälle im Tourismus haben leider dazu geführt, dass besonders in dieser Branche viele Lehrverhältnisse aufgelöst wurden. Zwar wurde stellenweise von der Möglichkeit der Kurzarbeit für Lehrlinge Gebrauch gemacht, allerdings nicht in jenem Ausmaß, das ein massives Auseinanderklaffen der Lehrstellenlücke verhindert hätte. Dass sich die Lage im Juni noch nicht stärker entspannt hat, dürfte mit dem allgemein pessimistischen Ausblick für den Fremdenverkehr und der Unsicherheit betreffend Reisebeschränkungen zusammenhängen.

Dennoch darf dabei nicht vergessen werden, dass die jetzt nicht ausgebildeten Lehrlinge die fehlenden Fachkräfte von morgen sind. Gerade in den Fremdenverkehrs-Lehrberufen wird von Unternehmensseite immer der Mangel an Lehrlingen und Fachkräften beklagt.

Bei den Metall- und Elektroberufen war der Rückgang an offenen Lehrstellen mit -10,9 Prozent ähnlich drastisch. Demgegenüber stand ein Anstieg an Lehrstellensuchenden von +36,7 Prozent. Hier liegt die Vermutung nahe, dass besonders kleine und mittlere Unternehmen mit nur wenigen Lehrlingen aufgrund des Geschäftsrückgangs in den letzten Monaten sowie der immer noch vorhandenen Unsicherheit über die künftige wirtschaftliche Entwicklung noch nicht im selben Ausmaß Lehrlinge ausbilden wie vor der Krise.

Aber auch Lehrlinge, die eine Lehre in einem Büroberuf ergreifen wollen, geraten unter Druck – dort lag die Anzahl der Suchenden im Juni um +48,6 Prozent höher als im Vorjahresmonat, während die offenen Lehrstellen um -20,9 Prozent zurückgingen. Da Homeoffice für Lehrlinge nicht sinnvoll ist, dürften sich hier trotz der Alternative Kurzarbeit viele Lehrbetriebe dazu entschieden haben, die Anzahl an Lehrlingen zu reduzieren und offene Lehrstellen massiv zu streichen. Ausgenommen von den Effekten der Corona-Krise scheinen lediglich Lehrlinge in grafischen Berufen zu sein. Dort ist die Anzahl an Lehrstellensuchenden in den Monaten April, Mai und Juni sogar unter dem Niveau von 2019 geblieben. Leider handelt es sich dabei nur um eine sehr kleine Gruppe von Lehrlingen. 2019 gab es österreichweit lediglich 318 Lehrlinge, welche eine Ausbildung in Fotografie oder Drucktechnik machten (zum Vergleich machten 2019 3.639 Lehrlinge die Ausbildung zur Köchin/zum Koch). Entsprechend niedrig ist die Anzahl an offenen Lehrstellen in diesem Bereich. 2019 gab es bei den grafischen Berufen lediglich vier unbesetzte, offene Lehrstellen.

Ein einfaches Ausweichen von Jugendlichen auf andere Lehrberufe scheint angesichts der Rückgänge an offenen Lehrstellen in faktisch allen Lehrberufen kaum möglich. Auch sollten Jugendliche bei der Wahl ihres Lehrberufs ihre eigenen Interessen nicht völlig außen vor lassen müssen.

Unmittelbar wirksame Maßnahmen sind nötig

Einen Start ins Erwerbsleben, an dem man gleich zu Beginn mit Arbeitslosigkeit konfrontiert ist – solch einen Berufseinstieg können wir uns für unsere Jugendlichen nicht wünschen. Besonders, da aus Untersuchungen bekannt ist, dass Unterbrechungen im Erwerbsleben lange nachwirken: Das Lebenseinkommen sinkt (zwischen 1 und 8 Prozent, aufs gesamte Erwerbsleben gerechnet) und die Wahrscheinlichkeit, später wieder arbeitslos zu werden, steigt. Es besteht die Gefahr, dass es durch die Corona-Krise zu einem Verdrängungseffekt kommt, der diese Effekte verstärkt – Jugendliche, die es bereits in einer normalen wirtschaftlichen Lage schwerer haben, eine Lehrstelle zu finden, sind nun gezwungen, mit einer viel größeren Anzahl an Jugendlichen um eine viel kleinere Auswahl an Lehrstellen zu konkurrieren. Eine zu lange Arbeitsplatzsuche wirkt sich außerdem belastend auf das Selbstwertgefühl und die Motivation der Jugendlichen aus und kann bis hin zu Depressionen führen. Wir wissen noch nicht, wie die mittelfristigen wirtschaftlichen Folgen der Corona-Krise sein werden, und demzufolge, wie lange wir mit dem verschärften Lehrstellenmangel zu kämpfen haben werden. Sollte die Konjunktur sich nicht schnell erholen, ist spätestens im Herbst mit einem massiven Anstieg der Lehrstellenlücke zu rechnen, wenn der nächste Jahrgang an PflichtschulabsolventInnen auf den Arbeitsmarkt drängt. Der Soziologe Johann Bacher von der JKU Linz schätzt, dass rund 7.500 zusätzliche Lehrstellen benötigt werden, will man die Gefahr einer verlorenen Generation abwenden.

Die überbetriebliche Ausbildung muss daher für den zu erwartenden höheren Bedarf ausgebaut werden. Lehrwerkstätten brauchen mehr Geräte und AusbildnerInnen. Unternehmen müssen außerdem dazu angeregt werden, nicht gerade jetzt auf die Ausbildung von Lehrlingen zu verzichten. Der von der Regierung vorgeschlagene Bonus von 2.000 Euro pro abgeschlossenem Lehrverhältnis im Zeitraum von 16.3. bis 31.10.2020 ist leider eine Gießkannenmaßnahme, bei der ein großer Teil der öffentlichen Mittel durch Mitnahmeeffekte verpuffen wird. Statt Lehrstellen zu fördern, die es mit oder ohne Krise sowieso gegeben hätte, braucht es Anreize und Maßnahmen, um zusätzliche Lehrstellen zu schaffen. Dies könnte beispielsweise realisiert werden, indem bei allen öffentlichen Auftragsvergaben die Beschäftigung von Lehrlingen im Unternehmen zur Voraussetzung wird. Als zusätzliches Instrumentarium sollte bei Unternehmen im öffentlichen Eigentum sowie bei öffentlichen Einrichtungen die Anzahl an Lehrstellen erhöht werden. Nicht zuletzt müsste nun bei allen staatlichen Unterstützungspaketen für Unternehmen berücksichtigt werden, ob diese auch Lehrlinge ausbilden bzw. bereit sind, neue Ausbildungsplätze zu schaffen – und damit einen wesentlichen Beitrag zur Fachkräfteausbildung der heimischen Jugend und gegen Jugendarbeitslosigkeit leisten.

Fazit

Die Corona-Krise hat gezeigt, wie wichtig aktive Arbeitsmarktpolitik – besonders in der Krise – ist. Ohne die schnelle Ausweitung der Kurzarbeitsregelung auf Lehrlinge wäre die Situation noch viel schlimmer ausgefallen. Für die jetzt fehlenden Lehrstellen helfen aber weder ein Vertrauen auf die unsichtbare Hand des Marktes noch großzügige Gießkannenförderungen, um die notwendigen Lehrstellen schaffen zu können. Auch darf die langfristige Perspektive nicht außer Acht gelassen werden: Denn es geht nicht nur darum, Jugendlichen jetzt den Einstieg ins Erwerbsleben zu ermöglichen, sondern auch die notwendigen Fachkräfte von morgen auszubilden. Das österreichische Modell der Lehre hat sich dafür als sehr gutes Instrumentarium erwiesen, welches auch international immer wieder Beachtung findet. Die Corona-Krise könnte genutzt werden, um den Stellenwert der Lehre in der Arbeitsmarktpolitik wieder zu heben und Berufsschulen, überbetriebliche Ausbildungsstätten und Lehrbetriebe zu modernisieren und von ihren Kapazitäten her zu erweitern. Diese Maßnahmen könnten zusätzlich langfristig positive Effekte zeigen und die Lehrausbildung nicht nur durch die aktuelle Krise bringen, sondern sie auch auf die nächsten Herausforderungen durch die Digitalisierung vorbereiten.

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