Wohnen und Corona: Soziale Folgen der Krise

Die Corona-Krise trifft nicht alle gleich. Bestehende Ungleichheiten werden durch die Krise verstärkt. Menschen mit geringen Einkommen und kleinen Wohnungen leiden jetzt besonders stark.

Schöner Wohnen oder Existenzangst

Während manche in Schöner-Wohnen-Welten logieren, ist für andere Wohnen in erster Linie ein Grundbedürfnis: Wir brauchen einen Ort, an dem wir schlafen und sein können. Die Finanzialisierung des Wohnens führt dazu, dass Wohnungen zunehmend zu Spekulationsobjekten werden. Miet- und Preissteigerungen sind die Folge. Für Menschen mit geringen Einkommen und für jene, die kein Eigentum besitzen und auch nicht erben werden, wird Wohnen zur finanziellen Belastung und weckt mitunter auch Existenzangst. Die Wohnverhältnisse klaffen den sozioökonomischen Unterschieden entsprechend weit auseinander.

Stadt-Land-Gefälle

Die Wohnverhältnisse in der Stadt und am Land sind unterschiedlich. In ländlichen Gebieten besitzen die BewohnerInnen eher Eigentum, in Städten wird hingegen meist gemietet. So lebten österreichweit im Jahr 2016 etwa 50 Prozent der Haushalte in Wohnungs- oder Hauseigentum, während es in Wien nur rund 20 Prozent waren. Auch stehen BewohnerInnen am Land meist insgesamt mehr Wohnfläche und vor allem auch private Grünflächen wie Gärten zur Verfügung. In Wien besitzt nur etwa die Hälfte der Wohnungen einen Balkon. Das ist besonders vor dem Hintergrund der Corona-Krise entscheidend. Während man am Land den eigenen Garten nutzen kann, ist man in der Stadt auf öffentliche Parks, Freiräume und Spielplätze angewiesen.

Viele Menschen, wenig Platz

Tendenziell verfügen Menschen, die in der Stadt leben, über weniger Platz: Je nach Einkommen und Vermögen lebt man großzügig mit Freiflächen oder eben dichter gedrängt. Von Überbelag sind Menschen betroffen, denen durchschnittlich weniger als 8 m2 oder eine zu geringe Anzahl von Wohnräumen zur Verfügung steht. Wenig Platz wird umso beengender, je mehr Zeit man in der eigenen Wohnung verbringen muss.

Wohnkostenbelastung und befristete Verträge

Ein weiteres Problem ist eine hohe Belastung durch Wohnkosten. Etwa 7 Prozent der Haushalte in Österreich müssen 40 Prozent des Haushaltseinkommens für Wohnen aufwenden. Besonders betroffen sind armutsgefährdete Haushalte, von denen 33 Prozent einen Gutteil ihres Einkommens für Wohnen ausgeben müssen. Diese Situation stellt schon ohne Corona-Krise eine Herausforderung dar. Kommen nun noch reduzierte Einkommen wegen vermehrter Kurzarbeit oder neuer Arbeitslosigkeit hinzu, wird die Wohnkostenbelastung vermutlich weiter ansteigen. Im schlimmsten Fall droht der Verlust der Wohnung.

Wohnen in Abhängigkeit und Unsicherheit

Für einige Menschen ist Wohnen mit Abhängigkeitsverhältnissen und Zwangssituationen verbunden. Besonders stark unter Druck stehen beispielsweise Frauen, die durch die Wohnsituation gezwungen sind, in psychischen und physischen Gewaltbeziehungen zu bleiben. Auch für Kinder, die in einem Haushalt leben, in dem es zu Gewalt kommt, ist der Wegfall von anderen Lebensräumen fatal.

In ungesicherten Situationen befinden sich zudem jene Personen, die in rechtlich nicht abgedeckten Untermietsverhältnissen leben – sie sind vom Willen ihrer VermieterInnen abhängig. Menschen mit geringen finanziellen Mitteln und mit Diskriminierungserfahrungen am Wohnungsmarkt, etwa aufgrund von Rassismus und/oder Homophobie, sind vermutlich besonders häufig zum unsicheren Mieten gezwungen.

Äußerst schwierig ist die Lage auch für wohnungslose Menschen, da sie auf den öffentlichen Raum als Lebensmittelpunkt angewiesen sind. Für sie gestaltet sich Abstand halten besonders kompliziert, da es keine eigenen vier Wände gibt, in die sie sich zurückziehen können, um die eigene Gesundheit zu schützen.

Hilfe, ich will raus

In Zeiten von Corona sind wir mehr denn je auf private Räume eingeschränkt und dürfen nur Menschen sehen, die auch mit uns wohnen. Allein in Wien sind fast 50 Prozent der Haushalte Einpersonenhaushalte – diese Menschen sind wochenlang isoliert und allein. Ältere Menschen haben möglicherweise große Ängste, die sie jetzt mit niemandem besprechen können. Einsamkeit ist die Folge.

Auch Kinder und Jugendliche müssen nun zu Hause bleiben. Die Minimalausstattung für Home Schooling besteht aus Internetzugang und Laptop, doch nicht alle können sich das leisten. Für einige Kinder bedeutet diese Krise, dass sie keinen Zugang mehr zu Wissensvermittlung haben. Die gesamte Last der Betreuung liegt bei der Familie. Hier besteht die Gefahr, dass einige vom Bildungszugang abgeschnitten und zurückgelassen werden. Auch das Nichtsehen von FreundInnen kann bei Kindern und Jugendlichen zu Vereinsamung und Ängsten führen.

Digital Divide als Krisenverstärker

Essenziell und bis dato verabsäumt ist die Unterstützung der Menschen, die vom Digital Divide betroffen sind – also von Personen, die keinen Internetzugang haben oder keine technische Ausstattung wie Computer besitzen. Diese Menschen brauchen freien Internetzugang, Ausstattung mit Hardware und Tutorials, um mit den technischen Geräten auch umgehen zu können. Die technischen Mittel sind in der Krise oft die einzige Möglichkeit, um Zugang zu Bildung zu erhalten und mit nahestehenden Menschen zu kommunizieren. Sie sollten daher öffentlich bereitgestellt werden.

Schnell handeln, um Wohnen zu schützen

Es braucht rasche Maßnahmen, um Menschen ihr Zuhause zu sichern. Dazu gehört beispielsweise die Stundung von Mieten bei Arbeitslosigkeit und die Einrichtung eines bundesweiten Unterstützungsfonds zur Übernahme von Mietkosten, die derzeit nicht bezahlt werden können. Wichtig ist auch die gesetzliche Verlängerung von abgelaufenen Verträgen und das Recht, von ruinösen Verträgen kostenfrei zurücktreten zu können.

Soziale Infrastruktur erhalten und ausbauen

Darüber hinaus braucht es ein Maßnahmenbündel, um ein halbwegs unbeschadetes Leben in der Krisenzeit zu ermöglichen. Dazu gehören die verstärkte Unterstützung von Frauenhäusern sowie die umfassende Finanzierung von Schlafstellen für Wohnungslose und zusätzlichen Räumen, in denen sie sich auch tagsüber aufhalten können. Einen wichtigen Beitrag könnten hier auch die derzeit ohnehin leerstehenden Airbnb-Wohnungen leisten.

Es braucht zudem Hilfe und Unterstützung für AlleinerzieherInnen. Darüber hinaus wäre es wichtig, eine zentrale Ansprechstelle für Menschen mit psychischen Belastungen und von Vereinsamung Betroffene zu haben. Auch psychische Folgen sind Kosten dieser Krise, die nicht aufs Individuum abgewälzt werden dürfen.

Abstand halten möglich machen

In der Stadt braucht es möglichst viel öffentliche Räume, die Aufenthalt im Freien mit Abstand erlauben. Die Öffnung der Bundesgärten sollte hier eine Selbstverständlichkeit sein. Darüber hinaus sollten vermehrt Orte geöffnet werden, um möglichst viel freien Platz zur Bewegung zu haben. Das können Schulsportplätze, Innenhöfe, Freibäder oder zugängliche Dachterrassen sein. Auch die vermehrte Schließung von Straßen kann hier einen Beitrag leisten. Je mehr Platz es gibt, desto leichter können die Abstandsregeln auch in dicht besiedelten Städten eingehalten werden.

Ungleiche Verteilung der Krisenlast

Eines wird in dieser schwierigen Zeit überdeutlich: Die Kosten der Krise sind ungleich verteilt. Bereits finanziell und sozial Benachteiligte trifft die Krise nochmals härter. Bestehende Polarisierungen werden zusätzlich verschärft und neue Ungleichheiten kommen hinzu. Hier braucht es dringend politische Gegensteuerung.

Wir sehen aber auch, dass Menschen näher zusammenrücken. Es gibt Nachbarschaftshilfe, ehrenamtliches Engagement und den Wunsch, gemeinsam durch die Krise zu kommen. Aber gleichzeitig bleibt die verordnete Trennung aufgrund einer unsichtbaren Gefahr. Daniel Kehlmann sagt treffend, dass die sozialen Folgen dieser Krise noch schwer abschätzbar sind, da wir einander derzeit nicht befreit als Menschen mit unterschiedlichen Eigenschaften und Wert begegnen können, sondern immer wieder einander auch als Virenträger und potenzielle Gefahr sehen müssen. Die sozialen Folgen der Krise müssen wie alle anderen abgefedert werden, um ein gutes Zusammenleben möglich zu machen.

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