Wie Sozialkürzungen Armut durch permanenten Stress verfestigen

Die Regierung plant großflächig, soziale Absicherungsmaßnahmen zurückzubauen. Für Armutsbetroffene bedeutet dies nicht nur finanzielle Einbußen in einer ohnehin schon extrem schwierigen Situation, sondern hat auch eine höhere psychische Belastung zur Folge. Denn wissenschaftliche Studien zeigen, dass die mit Armut verbundene materielle Unsicherheit zu psychischem Stress führt, der wiederum Armut verfestigt.

Die Zahl von armutsgefährdeten Haushalten, in denen Personen nicht oder kaum erwerbstätig sind, ist in den letzten Jahren nicht zurückgegangen. Während die Gründe dafür vielfältig sind, schiebt sie die Regierung hauptsächlich auf die Betroffenen selbst: Diese hätten nicht genug Anreize, arbeiten zu gehen, weil sie sich auf ein soziales Sicherungsnetz verlassen könnten. Entsprechend soll dieses nun durchlöchert werden: Langzeitarbeitslose sollen durch Kürzung des Arbeitslosengeldes bzw. Abschaffung der Notstandshilfe weniger Geld erhalten oder direkt in die (gekürzte) Mindestsicherung fallen, für die als letztes soziales Netz sehr strenge Anspruchsvoraussetzungen gelten und für die man nur über ein sehr geringes eigenes Vermögen (bis etwa 4.300 Euro) verfügen darf. Die wissenschaftliche Evidenz gibt Auskunft, warum diese Maßnahmen ungeeignet sind, die Erwerbstätigkeit von Armutsbetroffenen zu erhöhen, und welche Reformen stattdessen erfolgversprechend wären.

Armut bedeutet permanenten Stress

Von Armut betroffene oder gefährdete Haushalte sind in den allermeisten Fällen vielfach eingeschränkt: Sie müssen sich überlegen, wie sie den nächsten Einkauf bewältigen oder die Miete bezahlen. Um mit derartigen Situationen finanzieller Not und Unsicherheit umzugehen, braucht es intellektuelle Energie. Das wird in Labor- und Feldstudien bestätigt, die untersuchten, wie sich finanzielle Notsituationen und Unsicherheit in standardisierten Wahrnehmungstests auswirken. Wer einer realistischen finanziellen Not- oder Unsicherheitssituation ausgesetzt wird, schneidet bei diesen Tests etwa genauso schlecht ab wie jemand bei einer vollen Nacht Schlafentzug. Weitere Studien zeigen, dass finanzielle Notlagen tatsächlich jene Hirnregionen belasten, die auch durch Stress beansprucht werden.

In anderen Worten: Der Umstand, arm oder armutsgefährdet zu sein, verschafft im wahrsten Sinne des Wortes schlaflose Nächte – und kann so viel geistige Energie in Anspruch nehmen, dass letztlich weniger Gehirnschmalz für wichtige Entscheidungen bereitsteht, die dann falsch getroffen werden – dadurch verfestigt sich Armut, und man spricht von einer Armutsfalle.

Sozialkürzungen verfestigen Armut

Die althergebrachte Ansicht, Kürzungen bei Sozialleistungen würden dazu führen, dass armutsgefährdete Personen sich ausschließlich damit beschäftigen können, wie sie einen Job bekommen, geht also an der Lebensrealität von Menschen vorbei, die täglich darüber nachdenken müssen, wie sie ihre Nahrungsversorgung sicherstellen und ihre Miete bezahlen. Insbesondere der fehlende Anspruch bei vorhandenem Vermögen in der Mindestsicherung dürfte sich hier negativ auswirken. Betroffene müssen möglicherweise ihre mühsam aufgebauten Vermögenswerte aufgeben, die auch einen erheblichen ideellen Wert haben können. Wer etwa die Wohnung verkaufen muss, in der die Kinder aufgewachsen sind, wird nicht nur finanziell, sondern auch anderweitig mental unter Stress gesetzt.

Ein zeitgemäßes Verständnis der Vielschichtigkeit von Armut erfordert also einen Sozialstaat, der von Armut Betroffenen oder Gefährdeten gerade deshalb finanziell unter die Arme greift, damit diese ihre Energie für die Arbeitsuche aufwenden können und nicht darauf verwenden müssen, wie die nächste Monatsmiete oder die Reparaturkosten für die Therme aufgebracht werden können.

Ausweitung der Betreuung notwendig

Nicht-finanzielle Hilfestellungen – wie eine bessere Betreuung durch das Arbeitsmarktservice (AMS) – können stressentlastend wirken. Gerade weil armutsgefährdete oder von Armut betroffene Haushalte mehr Energie für alltägliche Aus- und Aufgaben benötigen, brauchen sie zusätzliche Unterstützung bei der Arbeitsuche. Dadurch kann Arbeitslosigkeit effektiv verringert werden, wie angesehene Studien für die USA nahelegen.

Auch die Hartz-Reformen in Deutschland können als aufschlussreiches Beispiel dienen, wodurch Arbeitslosigkeit von armutsgefährdeten Personen reduziert werden kann und wodurch nicht. Studien zeigen, dass die Hartz-IV-Reform, die ebenfalls auf die Kürzung von Sozialleistungen setzte, zu keinem nennenswerten Rückgang der Arbeitslosigkeit führte. Das war vor allem deshalb der Fall, weil der Unterschied zwischen Erwerbseinkommen und gekürzter Sozialleistung vor allem für Gutverdienende ins Gewicht fällt, die allerdings aufgrund ihrer Qualifikation ohnehin selten Probleme haben, neue Arbeit zu finden. Bei niedriger Qualifizierten ist der Anreizeffekt wegen des ohnehin niedrigeren Lohneinkommens geringer, hier hat Arbeitslosigkeit allerdings meist ganz andere, strukturelle Gründe. Die Autoren heben hervor, dass in diesem Fall eine Verstärkung von Anreizeffekten durch Sozialabbau ausschließlich zu einem niedrigeren Einkommen bei den Betroffenen führt, aber zu keiner Reduktion der Arbeitslosigkeit. Positive Beschäftigungswirkungen bei armutsgefährdeten Personen können ergänzenden Studien zufolge dann erreicht werden, wenn Betroffene bei der Vermittlung und Qualifizierung unterstützt werden. Mit einem gekürzten AMS-Budget und geringeren Personalressourcen lässt sich das allerdings kaum bewerkstelligen.

Fazit

Zusammengefasst lassen sich auf Grundlage verschiedener Forschungsergebnisse mehrere Gründe ausmachen, weshalb gekürzte Sozialleistungen die Arbeitsmarktintegration von armen oder armutsgefährdeten Personen nicht erhöhen. Erstens zeigt die Erfahrung aus Deutschland, dass die Kürzung von Sozialleistungen für Arbeitslose kein Erfolgsmodell war und bessere Arbeitsmarktbetreuung ein wesentlich effektiveres Mittel ist, um Arbeitslosigkeit unter potenziellen MindestlohnbezieherInnen zu reduzieren. Zweitens führen gekürzte Sozialleistungen zu erhöhtem psychischem Stress bezüglich der eigenen Existenz, welcher dazu führt, dass weniger Energie für die Arbeitsuche bereitsteht. Gerade dieser Aspekt verdeutlicht auch, weshalb gute AMS-Unterstützung positive Arbeitsmarkteffekte haben kann. Drittens ist die Arbeitslosigkeit von Armutsbetroffenen oft struktureller Natur, also von Faktoren jenseits der/des einzelnen Arbeitsuchenden geprägt.

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