Weniger ist mehr – ein Plädoyer für kurze Vollzeit

In Österreich wurde 2018 die Höchstarbeitszeit auf zwölf Stunden pro Tag und 60 Stunden pro Woche erhöht. Doch die gesellschaftlichen und ökonomischen Notwendigkeiten weisen in eine gänzlich andere Richtung. Eine Arbeitszeitverkürzung hin zu einer kurzen Vollzeit würde den Wünschen der Mehrheit der Beschäftigten entsprechen, zeigen Untersuchungen aus Deutschland. Darüber hinaus würde sie erheblich zu einer geschlechtergerechteren Verteilung der Arbeit beitragen und ein nachhaltiges Wirtschaften unterstützen.

Arbeitszeitverkürzung ermöglicht die geschlechtergerechte Umverteilung aller Arbeit

Nicht nur die Arbeitswelt befindet sich in einem stetigen Wandel. Auch das Privatleben verändert sich und fordert zunehmend eine höhere Präsenz und Aufmerksamkeit. Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist das zentrale Thema der Arbeitszeitgestaltung. Acht von zehn Unternehmen in Deutschland stufen mittlerweile Familienfreundlichkeit für sich als wichtig oder eher wichtig ein, ermittelte das deutsche Bundesfamilienministerium im „Unternehmensmonitor Familienfreundlichkeit“.

Eine 2017 von der Arbeitnehmerkammer Bremen herausgegebene Studie gibt an, dass knapp 90 Prozent der abhängig beschäftigten Männer in Bremen einer Vollzeitbeschäftigung nachgehen, ein großer Teil davon mit über 40 Stunden pro Woche realer Arbeitszeit. Lediglich 46 Prozent der Frauen arbeiten in Vollzeit, über die Hälfte arbeitet in Teilzeitanstellungen. Dies entspricht dem deutschlandweiten Trend. So wird aus einer Studie der Hans-Böckler-Stiftung aus dem Jahr 2014 ersichtlich, dass fast jede zweite Arbeitnehmerin, jedoch nur jeder zehnte Arbeitnehmer keiner Vollzeitbeschäftigung nachgeht. 3,4 Millionen Frauen sind ausschließlich in einem Minijob beschäftigt, das heißt, sie erhalten keinen Sozialversicherungsschutz aus der Beschäftigung. Interessant ist, dass Deutschland mit einer durchschnittlichen Differenz der Wochenarbeitszeit von Männern und Frauen („Gender Time Gap“) von 7,7 Wochenarbeitsstunden deutlich über dem EU-Durchschnitt von 5,7 Stunden liegt, Österreich liegt noch etwas höher mit 7,9 Stunden (siehe Abbildung).

Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen auch, dass sich der „Gender Time Gap“ nach der Geburt eines Kindes noch erhöht: Männer arbeiten nach der Geburt eines Kindes im Durchschnitt mehr als zuvor, Frauen wesentlich weniger. Gründe dafür sind unter anderem die Steuerpolitik in Deutschland, die mangelnde partnerschaftliche Kindererziehung und die sehr geringe Inanspruchnahme der Elternzeit von Vätern.

Die durchschnittliche Arbeitszeit bei einem Vollzeitarbeitsplatz liegt in Deutschland bei 41,3 Wochenstunden und damit weit über den Regelungen in den Tarifverträgen. Im Rahmen der von der Arbeitnehmerkammer Bremen 2017 herausgegebenen Beschäftigtenbefragung “Koordinaten der Arbeit im Land Bremen” wurden Beschäftigte unter anderem nach ihren vertraglichen sowie tatsächlichen Arbeitszeiten befragt. Hierbei zeigte sich, dass regelmäßig mehr als drei Stunden mehr als vertraglich vorgesehen gearbeitet wird. Verkehr/Logistik, der Krankenhaussektor und das Hotel- und Gastgewerbe bilden die Branchen, in denen am häufigsten regelmäßig Mehrarbeit in einem Umfang von über sechs Stunden auftritt. Der Anteil von Männern mit Arbeitszeiten zwischen 31 und 39 Stunden nimmt seit 2003 stetig ab und liegt derzeit unter 25 Prozent.

Viele Väter möchten aber heutzutage die ersten kostbaren Momente im Leben ihrer Neugeborenen miterleben und sich ganz auf die Familie konzentrieren. Der Wertewandel vom Job zur Familie ist da, jedoch ist dieser in der Arbeitswelt noch nicht angekommen. „Wir haben nicht mehr Zeit für so viel Erwerbsarbeit, wir haben Wichtigeres zu tun“, sagt eine meiner Kolleginnen immer wieder, wenn es darum geht, dass die Erwerbsarbeit nur eine Form der Arbeit neben anderen ist und auch anderen Formen der Arbeit wie Sorgearbeit oder ehrenamtliche Arbeit ihren Platz haben sollten.

Umverteilung der Arbeitszeit entspricht den Wünschen der Beschäftigten

Interessante Ergebnisse enthält zudem eine 2017 veröffentlichte Studie im Auftrag der IG Metall, in deren Rahmen Gewerkschafts- und Nichtgewerkschaftsmitglieder zu ihren Arbeitszeitwünschen befragt wurden. Frauen wünschen sich demnach mehrheitlich 29,5 Stunden pro Woche zu arbeiten, bisher die sogenannte „lange Teilzeit“. Männer würden hingegen ein Stundenvolumen von 35,5 bevorzugen. Auch andere Befragungen zeigen, dass der Großteil der Frauen gerne mehr Erwerbsarbeit verrichten würde und der Großteil der Männer weniger. Besonders interessant ist: Die in der Studie befragten Frauen sind klar für eine verkürzte Vollzeitwoche, die es ihnen und ihren Partnern ermöglichen könnte, gleichermaßen in das Berufsleben einzusteigen und das private Leben trotzdem nicht vernachlässigen zu müssen. Doch die wirtschaftlichen und politischen Rahmenbedingungen fördern eine Vollzeitarbeit der Männer und eine ergänzende Teilzeitarbeit der Frauen.

Wenn es um die Frage geht, wie viele Stunden eine kurze Vollzeit umfassen sollte, dann gibt es dazu unterschiedliche Modelle und Vorstellungen. Ich schließe mich hier dem Modell der 30-Stunden-Woche an, wie es ursprünglich von Helmut Spitzley, verstorbener Professor für Arbeitswissenschaften der Universität Bremen, vorgeschlagen wurde und mittlerweile von etlichen NGOs wie Attac oder der Initiative „Arbeitszeitverkürzung  jetzt“ vertreten wird. Interessanterweise entsprechen 28 bis 30 Wochenstunden ziemlich genau den Arbeitszeitwünschen  berufstätiger Eltern.

 Mittlerweile bewegt sich auch in den deutschen Gewerkschaften wieder einiges zu diesem Thema und es gibt Initiativen für eine kurze Vollzeit wie die Ver.di-Initiative „Arbeitszeitverkürzungskampagne jetzt!“ oder die Tarifauseinandersetzung der IG Metall im letzten Jahr um eine 28-Stunden-Woche mit Rückkehrrecht in die „normale Vollzeit“.

Eine kurze Vollzeit würde nicht nur mehr Gleichberechtigung schaffen, sie würde auch die Perspektive verändern und andere Formen der Arbeit wie Sorgearbeit oder ehrenamtliche Arbeit gegenüber der Erwerbsarbeit aufwerten. Bisher wird Sorgearbeit vor allem von Frauen geleistet, sie wird oft als selbstverständlich wahrgenommen und nicht (genügend) entlohnt. Der gesellschaftliche Druck und der Notstand in der Pflege zeigen uns, dass dieses Modell bereits nicht mehr funktioniert. Es funktioniert auch deshalb nicht mehr, weil junge Frauen nicht mehr bereit sind, beruflich zurückzustecken und die finanziellen Folgen alleine zu tragen. Dies liegt auch daran, dass die Gesellschaft in Deutschland die Nichterwerbstätigkeit finanziell nicht absichert und auch in der Rente weitgehend nicht berücksichtigt. Eine kurze Vollzeit würde Frauen stärker in die Vollzeiterwerbswelt integrieren, was auch ihre Absicherung im Alter erhöhen würde.

Arbeitszeitverkürzung ist die beschäftigungsfördernde Alternative zu Wirtschaftswachstum

Zusätzlich zum Beitrag für mehr Geschlechtergerechtigkeit spricht auch ein weiteres zentrales Argument für eine Arbeitszeitverkürzung in Richtung einer kurzen Vollzeit: die immer offensichtlicher werdenden Grenzen eines auf der Ausbeutung der Natur basierenden Wirtschaftswachstums. Zum einen ist ein Wachstum in bisherigem Ausmaß wirtschaftlich nicht mehr erreichbar: So wurde das  Wirtschaftswachstum für Deutschland für 2019 auf 0,5 Prozent von Seiten des DIW (Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung) prognostiziert und für die Folgejahre nur unwesentlich höher.

Zum anderen führt ein fortgesetztes Wirtschaftswachstum auf der Grundlage der heute vorherrschenden Produktionsweise zu einer Zerstörung unserer Umwelt, unserer Lebensgrundlagen. Der Klimawandel zeigt uns, wie schnell eine Debatte über potenzielle zukünftige Gefahren zu einer Debatte über konkrete Bedrohungen und bereits eingetretene Gefährdungen werden kann, wenn wir nicht rechtzeitig handeln. Wir haben nicht mehr so viel Zeit, wie wir immer dachten, und müssen jetzt handeln, wie die Schülerinnen und Schüler uns eindrucksvoll in ihren „Fridays for Future“-Demonstrationen zeigen.

Nachhaltiges Wirtschaften orientiert sich an der Natur und ihrer Regenerationsfähigkeit. Das müssen wir lernen und anerkennen, wenn wir sozial und ökologisch verträglich leben und wirtschaften wollen. Das Wachstum, auf welchem dieses System ausgerichtet war und ist, war und ist nur auf Kosten von Ökologie und Sozialem möglich.

Die Illusion, das Problem ließe sich innerhalb dieses Systems bei weiterem Wachstum des Bruttoinlandsproduktes lösen, hält sich bis heute – sie kommt im Begriff des „nachhaltigen Wachstums“ zum Ausdruck. Und eine andere Illusion ist ebenfalls zählebig: die der Vollbeschäftigung durch Wachstum. Die dem industrieökonomischen System immanente Produktivitätssteigerung selbst verhindert sie. Es wird davon ausgegangen, dass wir ein jährliches Wirtschaftswachstum von 4 bis 6 Prozent brauchen, um die Produktivitätssteigerung auszugleichen und damit die Anzahl der Arbeitsplätze zu erhalten.

Eine kurze Vollzeit würde das bestehende Arbeitsvolumen gerechter verteilen – ohne den Druck, immer mehr erwirtschaften zu müssen, damit die Arbeitsplätze erhalten bleiben. Volkswirtschaftliche Berechnungen des Bremer Instituts für Arbeit und Wirtschaft aus 2008 (Holtrup/Spitzley 2008) zeigten, dass bei einer 30-Stunden-Woche die gesellschaftlich vorhandene Arbeit so verteilt werden könnte, dass Vollbeschäftigung wieder herstellbar wäre – ohne Wirtschaftswachstum.

Mittlerweile haben wir zwar eine sinkende offizielle Arbeitslosenquote, aber die fortschreitende Digitalisierung verschärft das Problem, da dadurch Arbeitsplätze in größerem Umfang wegfallen werden – über die Größenordnung gibt es unter den Expert*innen unterschiedliche Schätzungen. Hinzu kommt, dass Arbeitnehmer*innen in den unteren Lohngruppen und im gering qualifizierten Bereich am meisten von Arbeitslosigkeit bedroht sind. Arbeitslosigkeit ist ein soziales Problem in einem Land, in dem die soziale Ungleichheit stetig zunimmt.

Arbeitszeitverkürzung muss sozial ausgewogen umgesetzt werden

Deshalb wird es zunehmend zu einer Notwendigkeit, Modelle der Flexibilisierung der Arbeitszeit auf dem Sockel einer verkürzten Vollzeit zu denken und nicht mehr auf dem Sockel einer traditionellen (und oftmals durch Überstunden weit überschrittenen) Vollzeit. Und dies muss sozial ausgewogen geschehen, sodass Arbeitnehmer*innen mit niedrigen Einkommen nicht noch mehr belastet werden.

Eine relevante Frage in diesem Zusammenhang ist, ob eine Arbeitszeitverkürzung mit vollem Lohnausgleich und vollem Personalausgleich finanzierbar und durchsetzbar ist. Die Gegner*innen argumentieren, dass damit die Unternehmen zu stark belastet würden bzw. der Staat, falls dieser einen Teil der Kosten tragen würde. Überhaupt stellt die Finanzierung wohl eine der größten Herausforderungen bei der Realisierung des Modells der kurzen Vollzeit für alle dar. Sicher ist, dass Gelder, die zur Finanzierung der Arbeitslosigkeit benötigt würden, eingespart werden könnten. Nach Berechnungen des Bremer Instituts für Arbeit und Wirtschaft (Hickel 2008) liegen die geschätzten direkten und indirekten Kosten der Arbeitslosigkeit bei jährlich 70 Mrd. Euro. Was den Lohnausgleich betrifft, so schlägt die Bremer Arbeitszeitinitiative vor, einen abgewogenen Lohnausgleich anzudenken, der die unteren Lohngruppen nicht noch mehr belastet, aber bei den höheren Lohngruppen durchaus eine Mitfinanzierung vorsieht. Eine Arbeitszeitverkürzung für untere und mittlere Lohngruppen wäre sicher nur mit vollem Lohnausgleich sozial vertretbar, da in diesem Bereich deutschlandweit 1,1 Millionen Beschäftigte zu ihrer Vollzeitbeschäftigung auf zusätzliche Leistungen durch Arbeitslosengeld ll angewiesen sind.

Fazit

Eine kurze Vollzeit als neue Normalarbeitszeit würde das Arbeitsvolumen umverteilen und wäre die Bedingung dafür, dass Frauen im gewünschten Maße existenzsichernd und mit Karrierechancen erwerbstätig werden können sowie Männer in relevantem Umfang Zeit für Haus- und Sorgearbeit bekommen. Sie ist Bedingung für eine geschlechtergerechte Verteilung aller Arbeit.

Aus meiner Sicht ist eine Arbeitszeitverkürzung weder unrealistisch noch kurzsichtig    sondern gesellschaftlich notwendig. Sie ist ein effektives Instrument, um Arbeitsplätze zu sichern, aber auch um neue Arbeitsplätze zu schaffen. Und sie ist ein wichtiges Instrument eines gesellschaftlichen Veränderungsprozesses. Insbesondere würde sie einen Beitrag zur geschlechtergerechten Verteilung von Arbeit leisten, indem Vollzeitbeschäftigte, welche vorwiegend Männer sind, Stunden reduzieren und Teilzeitbeschäftigte, mehrheitlich Frauen, Stunden erhöhen können. Die Arbeitszeitverkürzung würde ebenfalls einen Beitrag zu einem nachhaltigen Wirtschaften leisten, da sie es erlauben würde, aus dem Wachstumsparadigma auszusteigen und insbesondere für die Gewerkschaften das Tor öffnen würde, um gestaltender in die Debatten um den notwendigen Strukturwandel unserer Industriegesellschaft einzusteigen.

Wir sollten aus dem Wahnsinn aussteigen, immer mehr produzieren zu müssen, um Wachstum zu generieren, das dann – hoffentlich – zu mehr Löhnen und mehr Arbeit führt. Dieses Modell ist an seiner Grenze angelangt. Stattdessen gilt es, konsequent umzuverteilen, in allen Bereichen—und das erfordert einen grundlegenden Umdenkprozess. Die Arbeitszeitverkürzung wäre ein wichtiges Instrument der Umverteilung. Ihre gesellschaftsverändernde Wirkung ist nicht zu unterschätzen.

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