Pflege: Der Umgang mit den „Held*innen der Krise“

Im Frühjahr 2020 rückte die Corona-Krise Pflegende ins Zentrum der Aufmerksamkeit und machte die Wichtigkeit einer Berufsgruppe für die Gesellschaft sichtbar. Gleichzeitig verdeutlichte sich das Problem schwindender Personalressourcen. Bis zum Jahr 2030 wird der Pflegepersonalbedarf zusätzlich um rund 76.000 Personen steigen. Demgegenüber steht das geringe Interesse junger Menschen, in Pflegeberufen zu arbeiten, vor allem aufgrund der bestehenden Arbeitsbedingungen und Gehälter. Die Personalknappheit wird sich in naher Zukunft also noch verschärfen und macht eine Pflegereform dringend notwendig. Anstatt Arbeitsbedingungen für Pflegende und Strukturen für Pflegebedürftige nachhaltig zu verbessern, wird vom Wirtschaftsministerium die Einführung einer Pflegelehre forciert. Inwieweit ein weiterer Ausbildungsweg den eklatanten Pflegepersonalmangel beseitigt, erschließt sich jedoch nicht. Denn ohne Änderung von Rahmenbedingungen wird der gewünschte Ansturm auf die Pflegelehre ausbleiben.

Wertschätzung geht anders

Die Bundesregierung (siehe Regierungsprogramm) plant, dem Pflegepersonalmangel ab 2021 mit der Pflegelehre zu begegnen. Doch zahlreiche Pflegeexpert*innen, der Österreichische Gesundheits- und Krankenpflegeverband, Gewerkschaften und Arbeiterkammer sprechen sich ausdrücklich gegen eine Pflegelehre aus. Aus deren Sicht wurde der richtige Weg mit dem Start der Ausbildung an einer Berufsbildenden Höheren Schule (BHS) bereits beschritten. Auf diese Weise wird ein direkter Einstieg nach der Schulpflicht in eine Pflegeausbildung ermöglicht. Diesem Standpunkt haben sie in der „Roadmap Gesundheit 2020“ Ausdruck verliehen.

Auch die AK-Online-Umfrage „Neue Wege in die Pflege“ (2020) verdeutlicht die Ablehnung der Pflegelehre durch einen Großteil der Pflegenden. Die Studie unterstreicht vielmehr das hohe Interesse der Befragten an der Ausbildung an Höheren Lehranstalten für Pflege- und Sozialbetreuungsberufe. Ein Abschluss mit Matura wird der Lehrausbildung eindeutig vorgezogen. Aus der Umfrage geht ebenso hervor, dass für den Beginn der praktischen Ausbildung ein Mindestalter von 18 Jahren oder höher angesetzt werden soll. Diese Ergebnisse sprechen für den raschen Ausbau der BHS.

Dennoch wird, entgegen allen Argumenten und Einwänden, gegen die Mehrheit einer Berufsgruppe entschieden und die Pflegelehre vom Wirtschaftsministerium 2021 umgesetzt. Dieser Umgang mit den Berufsangehörigen der Pflege sagt einiges über deren Stellenwert in unserer Gesellschaft aus.

Über 70 Prozent aller Pflegenden sind Frauen! Wenn Pflege ein traditionell „männlicher“ Beruf wäre, würden wir dann auch über die Verbesserung von Arbeitsbedingungen, Gehältern und über eine Pflegelehre diskutieren müssen?

Pflegen kann (nicht) jede/r

Pflegende finden sich aufgrund der demografischen Entwicklung mit gleichzeitigem Anstieg chronischer und altersbedingter Erkrankungen in immer komplexeren Pflegesituationen. Dieser Umstand erfordert eine sehr hohe fachliche Expertise. Um diesen hohen Qualitätsansprüchen gerecht zu werden, ist eine umfangreiche theoretische und praktische Qualifizierung notwendig. Wer davon ausgeht, dass Jugendliche, die nach der Pflichtschulzeit „nicht länger die Schulbank drücken wollen“, diese hohen Erwartungen erfüllen können, wird am Ende eher enttäuscht. Eine Untersuchung von Buchegger-Traxler (2014) verdeutlicht zudem, dass eine höhere Schulbildung bzw. eine umfangreiche theoretische Ausbildung einen ressourcenschonenderen Umgang mit Belastungen im Pflegeberuf ermöglicht. Dieses Wissen veranschaulicht die Problematik, 15-Jährige im Rahmen einer Lehre mit den hohen physischen und psychischen Anforderungen des Pflegeberufs zu konfrontieren.

Personalmangel begegnen, aber wie?

Im Kontext des Pflegepersonalmangels ist die Pflegelehre nicht nachvollziehbar. Unterschiedliche Ausbildungskonzepte führen zu Unübersichtlichkeit und Inkonsistenzen. Dem Lehrberuf liegt ein duales Verhältnis zugrunde, welches 20 Prozent theoretische und 80 Prozent betriebliche Ausbildung vorsieht. Die Tatsache, dass der überwiegende Teil der Pflegelehre in der Praxis bzw. im Lehrbetrieb stattfindet, bindet nicht vorhandene Personalressourcen. Schon jetzt stellt die praktische Anleitung Auszubildender aufgrund des Personalmangels Pflegende vor große Herausforderungen. Bei der hohen Präsenz der Lehrlinge in der Praxis ist es daher zweifelhaft, dass Pflegende ihren Lehrauftrag erfüllen können. Zurück bleiben überforderte Jugendliche und frustrierte Praxisanleiter*innen.

Um junge Menschen überhaupt für die Ausbildung in einem Pflegeberuf zu gewinnen, braucht es stattdessen

  • ein Angebot von hochwertigen und durchlässigen Ausbildungsmöglichkeiten
  • sowie die Verbesserung der Arbeits- und Ausbildungsbedingungen.
  • Erwachsene, die sich eine Umschulung in einen Pflegeberuf vorstellen können, brauchen zur Deckung ihres Lebensunterhalts existenzsichernde Unterstützung.

Es ist aber auch ein gesamtgesellschaftliches Umdenken erforderlich, um Pflegenden die Anerkennung und Wertschätzung entgegenzubringen, welche die Professionalität und Komplexität ihrer Arbeit widerspiegelt. Pflegen kann eben nicht jede/r!

NEIN zur Pflegelehre

Im Wirtschaftsministerium geht man offensichtlich davon aus, dass eine ausreichende Nachfrage an der Pflegelehre bestehen wird. Der Trend zur höheren Bildung, im Hinblick auf bessere berufliche Weiterentwicklungsmöglichkeiten, zeichnet allerdings ein anderes Bild.

Im Vergleich zu anderen Lehrberufen wirkt die Pflegelehre eher eindimensional. Denn während sich Absolvent*innen anderer Lehrberufe über Bildungspfade mit übergreifenden Karrieremöglichkeiten bis zum Meister weiterentwickeln können, endet die Pflegelehre in einer Sackgasse.

Eine Lehrausbildung für Pflegefachassistenz führt wohl auch eher dazu, dass Absolvent*innen in einem akutstationären Umfeld tätig werden, da sie dort attraktivere und ihrem Berufsbild entsprechende Bedingungen vorfinden. Die Personalsituation im Bereich der Langzeitpflege wird sich weiter zuspitzen.

Das Wirtschaftsministerium sieht die Pflegelehre auch in der Erwachsenenbildung. Hier stellt sich allerdings die Frage, wieso eine vierjährige Lehre der an Gesundheits- und Krankenpflegeschulen angebotenen ein- oder zweijährigen Ausbildung zum/zur Pflegeassistent*in bzw. Pflegefachassistent*in vorzuziehen ist.

Pflegende werden derzeit an Fachhochschulen oder Gesundheits- und Krankenpflegeschulen ausgebildet. Mit der Einführung eines Lehrberufes für Pflege findet ein Wechsel von der schulischen auf die betriebliche Ebene statt. Lehrberufe werden allerdings über die Wirtschaft und deren Vertretungen strukturiert und organisiert. Es kann nicht im Interesse der Gesellschaft sein, den hochsensiblen Bereich der Pflege in der Wirtschaft zu verorten und rein (betriebs)wirtschaftlichen Interessen zu unterwerfen. Welch schmerzvolle Auswirkungen die Ökonomisierung des Gesundheitswesens haben kann, macht(e) die Corona-Pandemie eindrucksvoll an Ländern wie Italien, Spanien oder Frankreich sichtbar.

Pflege braucht vieles, aber keine Pflegelehre!

Um Pflege und Gesundheitsversorgung in guter Qualität für die Zukunft zu sichern, ist vielmehr die Umsetzung folgender Maßnahmen unumgänglich:

  • Bessere Arbeitsbedingungen: z. B. Planbarkeit und Verlässlichkeit der Arbeitszeiten durch eine angemessene Personalausstattung, Einführung der 6. Urlaubswoche, gerechte Entlohnung, Deeskalations- und Aggressionsmanagement
  • Attraktive Ausbildungen: z. B. kostenfreier Zugang zu allen Aus-, Fort- und Weiterbildungen, bezahlte Praktika, Durchlässigkeit der Ausbildungen für attraktive Berufskarrieren, Sicherung der Deckung des Lebensunterhalts im zweiten Bildungsweg
  • Transparentes, bedarfsorientiertes Personalbemessungsmodell und Sofortmaßnahmen im Personaleinsatz
  • weitere Maßnahmen in der „Roadmap Gesundheit 2020“

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