Mehr Frauen in die Digitalisierung – aber wie?

20. September 2022

Noch immer sind Frauen in technologisch-digitalen Branchen unterrepräsentiert. Um dem akuten Fachkräftemangel auf diesem Sektor entgegenzuwirken, braucht es Lösungsansätze, die sich vor allem auf die Anforderungen von Mädchen und Frauen konzentrieren, um die weiblichen Arbeitnehmerinnen stärker in die vielfältigen Gestaltungsmöglichkeiten im IT-Sektor einzubinden. Dabei wurden bislang AHS-Schulabgängerinnen mit direktem Berufswunsch und Frauen, die sich nach Lehrabschluss umorientieren möchten, vernachlässigt. Einen Lösungsansatz bietet die Kombination von Ausbildung und Praxiserprobung.

Dass die IT-Branche über Fachkräftemangel klagt, ist keine Neuigkeit. Die Zahlen, die von der Ubit, dem Fachverband Unternehmensberatung, Buchhaltung und IT, im IKT-Statusreport veröffentlicht wurden, sprechen eine deutliche Sprache: Elf Millionen Fachkräfte für Informations- und Kommunikationstechnik (IKT) würden in den kommenden Jahren europaweit fehlen. In Österreich spricht man von aktuell mindestens 20.000 fehlenden Fachkräften, in fünf Jahren bis zu 30.000 Fachkräften.

Ebenso wenig neu ist die Tatsache, dass Frauen im IT-Sektor nach wie vor unterrepräsentiert sind. Und das, obwohl Frauen in diesem Bereich Pionierarbeit geleistet haben, wie etwa Ada Lovelace, nach der auch die Programmiersprache Ada benannt wurde. Immer noch entscheiden sich Frauen viel zu selten für einen Karriereweg in technischen IT-Berufen. Die Gründe dafür sind mannigfaltig und reichen von Unklarheiten über sich kontinuierlich neu entwickelnde Berufsbilder und -bezeichnungen über das Fehlen von weiblichen Vorbildern bis hin zum männerdominierten Berufsumfeld.

Fünf Aspekte, wie Frauen in die Tech-Branche zu bewegen sind

Dieses Ungleichgewicht thematisiert auch der kürzlich veröffentlichte Research ReportWhat (and Who) is Holding Women Back in Tech?“, in dem die Studienautorinnen der beiden Organisationen Logitech und Girls Who Code der Frage nachgehen, warum das immer noch der Fall ist.

Dekoratives Bild © A&W Blog
© A&W Blog

Die Studie wurde im Februar 2022 unter 400 Angestellten in der IT-Branche (die Hälfte davon weiblich) in den USA durchgeführt und identifiziert fünf zentrale Aspekte, die zu beachten sind, will man das Ungleichgewicht ändern:

  1. Real-life Role Models als Vorbilder
  2. Leidenschaft für Computer und die Funktionsweise von Dingen
  3. Ein Job, der einen bedeutsamen und positiven Beitrag zur Gesellschaft leistet
  4. Frauenfreundliche Communitys und Unterstützung durch professionelle Netzwerke
  5. Reflektiertes und wertschätzendes Verhalten der männlichen Kollegen

Vorbilder, Berufsbilder, Gesellschaftsbilder: die Bilder fehlen

Bei den bereits in der IT tätigen Frauen haben persönliche Vorbilder eine große Rolle gespielt, und das bereits im Kindesalter und in der Schule. „Flächendeckende“ Vorbilder gibt es jedoch durch den geringen Anteil an Frauen in der Branche noch zu wenig. Und auch medienwirksame weibliche Vorbilder und Pionierinnen wie Evelyn Boyd Granville, Entwicklerin der ersten Computer-Software zur Analyse von Satelliten-Orbits, oder die eingangs erwähnte Ada Lovelace sind relativ unbekannt. Vorbilder sind auch deshalb so wichtig, weil sie Orientierungshilfe und Anreize für junge Mädchen und Frauen schaffen.

Eine weitere Ursache des geringen Frauenanteils liegt auch darin, dass vielen die Vielfältigkeit und das Spektrum der IT-Berufsbilder nicht bekannt ist oder aber dass diese Berufsbilder männlich konnotiert beworben werden. Hier muss in Aufklärungsarbeit und begreifbare Darstellung der Berufsbilder investiert werden.
Frauen dürfen stolz darauf sein, wenn sie sich für Technologie interessieren. Auch hier muss ein Shift im Mindset stattfinden. Messages sollten das berücksichtigen und Frauen und ihre Leidenschaft für Technologie adressieren.

Die Möglichkeit, einen bedeutsamen gesellschaftlichen Beitrag durch die eigene Arbeit zu liefern, ist einer der wichtigsten Treiber für eine Tätigkeit im IT-Sektor. Begeisterung kann dann entstehen, wenn anwendungsorientierte Aspekte fokussiert werden und die Sinnstiftung der Lösung in den Mittelpunkt gestellt wird. Soziale Komponenten und Kompetenzen spielen hier eine wichtige Rolle. Hier gilt es also, praktische Ansätze und Beispiele aufzuzeigen, wie digitale Lösungen zu Verbesserungen beitragen können. Bereits in der Schule, aber auch im privaten Umfeld kann dieser positive Impact übermittelt werden.

Die Tech- und IT-Branche ist (noch immer) stark männerdominiert, was zur Folge hat, dass Frauen über ungleiche Behandlung, abschätzige Bewertung, Respektlosigkeit, Isolation, Aggressionen und sexuelle Übergriffe am Arbeitsplatz berichten. Ein reflektiertes Arbeitsumfeld sowie Mentorship-Programme und Vernetzungen können hier zu einem freundlicheren Umfeld beitragen und damit die Reputation der Branche positiv beeinflussen.

Vorteile für den Wirtschaftsstandort

Gelebte Diversität und die verstärkte Einbindung und Teilhabe von Frauen kommen auch der Wirtschaft zugute, nicht nur um dem Fachkräftemangel entgegenzuwirken, sondern auch um die Output-Qualität zu erhöhen. Damit menschenzentriert entwickelt wird, ist entscheidend, dass Lösungen inklusiv entwickelt werden und unterschiedliche Sichtweisen berücksichtigt werden. Durch verstärkte Einbindung von Frauen kann gesichert werden, dass ihre Lebensrealitäten in die Gestaltung einfließen. Lösungen werden dadurch nicht nur besser und sicherer, sondern erfahren auch eine wesentlich breitere Akzeptanz. Darüber hinaus bewirken gemischte Teams ein höheres Engagement und eine stärkere Mitarbeiter:innenbindung.

Handlungsansätze

Frauen müssen sichtbarer gemacht werden, es braucht mehr Role-Models und Vorbilder. Hier lässt sich unternehmensseitig ansetzen, indem Firmen ihre Mitarbeiterinnen vor den Vorhang holen, aber auch in den Zugangsmöglichkeiten. Je mehr Frauen in der Branche Fuß fassen, desto mehr weibliche Vorbilder gibt es, die dann auch von ihren Erfahrungen berichten können. Es muss die Regel und nicht die Ausnahme werden, dass Frauen einen technischen Beruf ergreifen.

Besonders für AHS-Abgängerinnen mit direktem Berufswunsch oder für Lehrabschluss-Absolventinnen fehlen Berufseinstiegsangebote, hier gibt es eine Lücke zwischen Angebotsprofil der Interessentinnen und Anforderungsprofil der Unternehmen. Diese konzentrieren ihre Suche – gerade bei Einsteigerinnen – auf eine vorhandene nach Möglichkeit abgeschlossene IT-Ausbildung in den unterschiedlichsten Spezialisierungen.

Ein niederschwelliger Zugang zu einer in die Breite gehenden, branchenunabhängigen Ausbildung zum Erwerb digitaler Skills, ein einfacher Zugang zu Praxismöglichkeiten sowie eine umfassende Information zu Berufsbildern und Berufsorientierungsangeboten – und das alles in einer Kombination – fehlen bislang. Es geht darum, Systeme zu begreifen und zu verstehen und eine holistische Sichtweise einzunehmen, um zur Gestaltung von Digitalisierung beitragen zu können.

Lösungsansatz Kombination von Ausbildung und Praxiserprobung

Frauen den Zugang in die Digitalisierungsbranche zu ebnen, hat sich das Programm „Digital Pioneers“ zum Ziel gemacht. Besonderes Augenmerk wird dabei auf Chancengleichheit gelegt, indem die Teilnahmevoraussetzungen sehr breit gehalten sind. Angesprochen sind Frauen zwischen 17 und 27 mit abgeschlossener Grundausbildung, wobei der Bereich der Vorbildung keine Rolle spielt. Einzig das grundsätzliche Interesse, diesen Bereich kennenlernen zu wollen, ist ausschlaggebend.

Mit der Kombination aus Ausbildungsphase und anschließender Praxisphase in ausgewählten Partnerunternehmen soll dem Umstand Rechnung getragen werden, dass sich für junge Frauen eine niederschwellige Einstiegsmöglichkeit in Branchen und Firmen eröffnet, die sie sonst möglicherweise nicht auswählen würden bzw. in die sie ansonsten keinen direkten Einstieg erhalten würden.

Das Programm, das 2021–2022 als Pilotprojekt geführt wurde, legt in der achtwöchigen Grundausbildung die Basis für ein digitales Skills-Set, das von der Persönlichkeitsbildung über den Umgang mit digitalen Werkzeugen bis hin zur Entwicklung innovativer und unternehmerischer Kompetenzen ein breites Spektrum umfasst.

In der anschließenden achtmonatigen Praktikumsphase können sich die jungen Frauen an konkreten Digitalisierungsprojekten in der Praxis erproben. Zur Seite stehen ihnen dabei unternehmensinterne Mentor:innen und Ansprechpartner:innen des Bildungsträgers, ein Begleitprogramm rundet das Programm ab.

Dieses Begleitprogramm umfasst regelmäßige Austauschtreffen mit der Peer-Group, Unternehmensbesuche, die Auseinandersetzung mit fachspezifischen und organisatorischen Fragestellungen, österreichweite Vernetzungstreffen mit den teilnehmenden jungen Frauen sowie Kennenlernen und Austausch mit Role-Models aus der Wirtschaft.

Das Pilotprojekt wurde während der gesamten Laufzeit begleitend evaluiert. Nach Abschluss des Pilotprojektes wurde mehr als die Hälfte der teilnehmenden jungen Frauen nahtlos in ihren Praktikumsunternehmen in eine Fixanstellung übernommen. Die Erfolgsfaktoren Grundausbildung, Kooperation zwischen Bildungsträgern und Unternehmen sowie die Begleitung während der Praxisphase trugen dazu bei, dass die jungen Frauen nun in technisch-digitalen Bereichen beschäftigt sind, zu denen sie andernfalls keinen Zugang gefunden hätten.

Eine Programmabsolventin meint dazu: „Ich finde, das Projekt ist ein wirklich wichtiger Schritt, um einen guten, bezahlten Einblick in digitale Berufe zu erlangen – so viele Stellenausschreibungen wollen fünf Jahre Berufserfahrung, aber keiner will ausbilden. Und genau hier sehe ich einen guten Ansatz, vor allem jungen Frauen leichter einen Platz zu verschaffen.“

13 von insgesamt 18 Frauen möchten sich in Folge beruflich im Digitalbereich weiterentwickeln, sei es mittels weiterer Ausbildung oder im Rahmen einer konkreten Berufstätigkeit.

Dekoratives Bild © A&W Blog
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Fazit

Das vom Digifonds der AK Wien finanzierte und vom Verein Plattform Industrie 4.0 umgesetzte Programm Digital Pioneers bietet eine Ausbildungschance für junge Frauen, die aufgrund ihrer bisherigen Ausbildungsbiografie (noch) keinen Zugang zu einer universitären Ausbildung haben und die in einer wirtschaftlichen Situation sind, die eine Anstellung erfordert, die aber aufgrund mangelnder bzw. nicht vorhandener Vorkenntnisse (Lehre in Berufen mit niedrigem Digitalisierungsgrad bzw. AHS-Abgängerinnen) und fehlender Berufserfahrung kein Anstellungsverhältnis im IT-/Technologie-Sektor bekommen.

Durch dieses Programm werden die vielfältigen Ursachen der Unterrepräsentanz von Frauen im Tech-Sektor adressiert, und der Einstieg in die IT-Branche wird einfacher und attraktiver gestaltet.

Nach dem positiven Abschluss des Pilotprojektes gilt es nun, das Projekt bundesweit auszurollen, damit die Herausforderungen der Zukunft mit weiblicher Teilhabe bewältigt werden können.

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