Die Kreislaufwirtschaft als Jobmotor?

Die EU-Kommission möchte mit dem Aktionsplan zur Kreislaufwirtschaft große Änderungen initiieren. Ressourcenschonende Wirtschaftsweisen sollen in der Produktion, Nutzung und Entsorgung stärker beachtet werden. Dabei sind Unternehmen sowie KonsumentInnen, aber auch die Politik gefordert. Spätestens nachdem das EU-Parlament Anfang Oktober der Umsetzung des Pariser Klimaabkommens zugestimmt hat, bekommt das EU-Maßnahmenpaket einen noch wichtigeren und verbindlicheren Stellenwert. Nicht zuletzt sollen damit auch Jobs geschaffen werden.

Die Versprechungen vom „grünen Wachstum“ wurden nach anfänglichen euphorischen Begeisterungsstürmen in den letzten Jahren vermehrt kritisch betrachtet. Einerseits wurde immer deutlicher, dass Energieeffizienz und technologischer Fortschritt alleine keine positiven Auswirkungen auf die Umwelt haben – im Gegenteil, hier kam es vielfach zu ökologischen Rebound-Effekten. Andererseits waren die erhofften positiven Auswirkungen auf die Beschäftigung mehr als bescheiden. So wurde zwar von der OECD ein überdurchschnittliches Beschäftigungswachstum im Bereich der sogenannten Green Jobs von 2% (im Vergleich zu 0,4% im allgemeinen Durchschnitt) zwischen 2008 und 2011 für Österreich festgestellt. Andererseits zeigte sich bei näherer Analyse, dass traditionelle Jobs vielfach nur ein grünes Mäntelchen umgehängt bekamen und es so zu einer Verlagerung anstatt Schaffung neuer Arbeitsplätze kam.

Neuester ökologischer Vorstoß auf EU-Ebene ist das Paket zur Kreislaufwirtschaft, das die Kommission im Dezember 2015 vorstellte. Darin wurde auch ein Wachstum der Beschäftigung in Aussicht gestellt. Es stellt sich die Frage: Handelt es sich hierbei wieder um eine ähnliche Chimäre wie Green Growth oder doch um wirksame sowie sinnvolle Ansätze für Umweltschutz UND Beschäftigung?

Zentrale Eckpfeiler der EU-Strategie:

Mit der Circular Economy-Strategie „Closing the loop“ bekennt sich die EU-Kommission zur Notwendigkeit, auf ökologischer Ebene umfassende Maßnahmen zu setzen. Ziele sind: Produkte sollen noch energieeffizienter, aber auch leichter reparierbar, langlebiger und nachrüstbar gestaltet werden. Weiters sollen die Recyclingquoten erhöht und die Abfallmengen reduziert werden. Schwerpunktbereiche bilden dabei Kunststoffe, Lebensmittel, aber auch Bau- und Abbruchabfälle. Prinzipiell soll die Circular Economy-Strategie auf bestehende Richtlinien wie z.B. der Ökodesign-Richtlinie oder Abfallrichtlinie aufbauen. Maßnahmen sollen zu einer Strategie gebündelt und gegebenenfalls adaptiert werden.

Erste Schritte in Richtung Kreislaufwirtschaft

Im Hinblick auf die Lebensdauer gibt es vor allem unter dem Schlagwort der „geplanten Obsoleszenz“ seit mehreren Jahren intensive Debatten. Neben Studien, Initiativen und Publikationen gibt es nun auch erste politische Schritte in verschiedenen Ländern: Frankreich hat mit einem Gesetz den vorsätzlich geplanten Verschleiß unter Strafe gestellt. Die Schwierigkeit dabei besteht, den Herstellern diese Manipulation nachzuweisen. Effektiver klingen daher die aktuellen Vorstöße in Schweden: Einerseits soll die Mehrwertsteuer auf Reparaturen halbiert werden, andererseits soll eine „Chemiesteuer“ – auf neue vor allem elektronische Geräte – diese Produkte verteuern. Diese beiden Maßnahmen sollen dazu dienen, die längere Nutzung von Gütern attraktiver zu machen. Damit soll einerseits der massive Ressourcenverbrauch eingedämmt und KonsumentInnen entlastet werden, gleichzeitig sollen sich Chancen für Beschäftigung ergeben. Auch in Österreich wurde Schwedens Vorhaben von den Grünen begrüßt und ein Antrag für repararturfreundlichere Produkte in den Nationalrat eingebracht.

Positive Auswirkungen auf Beschäftigung?

Laut einer Studie im Auftrag des europäischen Parlaments könnte durch verstärkte politische Maßnahmen im Bereich langlebige Güter bestimmte Sektoren wie bspw. Reparaturbetriebe, Abfallsammlung, Forschung und Entwicklung sowie Vermietung/Verpachtung wachsen. Bei Annahme eines 1%igen Wachstumseffektes könnte dadurch das EU-weite BIP um 7,9 Milliarden Euro jährlich steigen. Dies würde laut Autoren 200.000 Jobs europaweit schaffen. Das Reparaturnetzwerk Österreich (Repanet) schätzt das Beschäftigungspotenzial in Österreich bei verstärkter Wiederverwendung (Re-Use) von Gütern allein in Bezug auf die Reparatur von Waschmaschinen auf 150 zusätzliche Jobs – dies klingt zwar nicht viel, aber Waschmaschinen stellen ist ja nur einen winzigen Teilbereich aller elektronischen (Haushalts-)güter dar. Im Textilbereich könnten 1.400, in der Baubranche sogar 18.000 neue Arbeitsplätze geschaffen werden. Ausgangspunkt dieser Kalkulation sind die derzeitigen Abfallmengen – laut einer Berechnung des belgischen Reparaturnetzwerkes können pro 1.000 t wiederverwerteter Abfall in den jeweiligen Sektoren bis zu 70 Jobs geschaffen werden. Diese Zahlen beruhen auf dem Umstand, dass alle potenziell verfügbaren wiederverwendbaren Materialien auch entsprechend aufbereitet und wiederverwertet werden.

Unberücksichtigte Faktoren

In den oben beschriebenen Szenarien werden jedoch keine intervenierenden Effekte berücksichtigt – wie z.B. Jobverluste in anderen Branchen wie im Handel. Weiters wird nicht einkalkuliert, dass sich die Abfallmengen bei erfolgreichem Umstieg auf die Kreislaufwirtschaft im Laufe der Zeit eigentlich reduzieren müssten. Noch viele andere Fragen sind dabei offen: Fraglich ist, ob alle wiederverwertbaren Materialien auch an die entsprechenden Sammelstellen gelangen oder ob viele Geräte nicht zu Hause bei den KonsumentInnen in der Schublade oder im Keller liegen bleiben. Eine Kreislaufwirtschaft wird auch zur Farce, wenn weiterhin Produkte weggeben werden, nur weil sie aus der Mode kommen – aber grundsätzlich noch funktionieren würden. Eine durchschnittliche Nutzungsdauer von bspw. aktuell 2,7 Jahren beim Handy ist aus Perspektive der Kreislaufwirtschaft eigentlich viel zu kurz und damit nicht tragbar. Hier haben Faktoren wie Werbung und Produktinnovationen sowie sozialer Druck einen wichtigen Einfluss auf Ersatzraten. Service und Verkaufsstrategien im Handel spielen ebenso eine Rolle, ob ein Gerät repariert oder doch lieber ein neues gekauft wird. Auch in diesen Bereichen müsste ein grundlegender Wandel stattfinden, der mit Sicherheit Auswirkungen auf die Beschäftigung hätte. In welcher Art und Weise ist schwer abschätzbar, da diese Bereiche im Diskurs bislang kaum berücksichtigt wurden.

Kreislaufwirtschaft dennoch wichtig

Trotz vielleicht zu optimistischer Berechnungen in Bezug auf den Beschäftigungsfaktor spricht einiges für eine Veränderung zu Reparatur statt Neukauf: Reparieren ist eine Dienstleistung, die im Gegensatz zur Produktion nur schwer ins Ausland verlagert werden kann. Dadurch kann sich die Wertschöpfung in Österreich erhöhen. Weiters sind in der Reparaturbranche sowie im Bereich der Wiederaufbereitung vor allem viele sozialökonomische Betriebe angesiedelt. Somit können auch hier wichtige Arbeitsplätze vor allem in der (Re-)Integration von sozial benachteiligten Personen, Langzeitarbeitslosen und MigrantInnen gefördert werden. Abgesehen von möglichen Beschäftigungseffekten hat ein Umdenken in Richtung Kreislaufwirtschaft positive Effekte auf Umwelt und die Gesellschaft.

Fazit

Um Österreich „zukunftsfit“ zu machen, soll daher nicht nur in neue Technologien und Start-ups investiert werden, sondern auch im Sinne des Pariser Klimaschutzabkommens auf ressourcenschonende Optionen fokussiert werden. Dafür wird es auch nötig sein, gesellschaftliche Werthaltungen und Wirtschaftsweisen grundlegend neu zu verhandeln. Jedoch bekennt sogar die Kommission: „Der Übergang zu einer Kreislaufwirtschaft ist ein Systemwandel“ – es bleibt abzuwarten, wie ernst dies gemeint ist.

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