KI und betriebliche Mitbestimmung: gemeinsame Nenner oder getrennte Welten?

Die zunehmende Digitalisierung, der verstärkte Einsatz künstlicher Intelligenz (KI) und neue rechtliche Rahmenbedingungen haben die Anforderungen von Unternehmen und deren Beschäftigten stark verändert. In diesem Beitrag veröffentlichen wir Befragungsergebnisse über die gemeinsamen und getrennten Sichtweisen zwischen Beschäftigten und ihren Unternehmen im Zuge des digitalen Transformationsprozesses. Es zeigte sich, dass das Mitreden über neue Technologien, Organisations- und Investitionsentscheidungen ein wesentlicher Erfolgsfaktor für Unternehmen und deren Beschäftigte sein kann.

Künstliche Intelligenz: Science-Fiction oder bereits betriebliche Realität?

Was früher noch Science-Fiction war, wird heute – teilweise durch KI – Realität. Autonomes Fahren befindet sich an manchen Orten bereits in der Testphase. Selbstfahrende Autos lernen Verkehrszeichen, erkennen und reagieren auf mögliche Gefahrenquellen. Für Star Wars kreierte der Regisseur George Lucas den Roboter-Druiden namens R2-D2, der gemeinsam mit den Jedi-Rittern gegen die dunkle Macht des Imperiums kämpfte. Aber warum kommunizierte R2-D2 lediglich mit Piep-Geräuschen? Vielleicht, weil er das Sprechen noch nicht gelernt hat. Im Gegensatz zu seinem Kollegen C-3PO, der bereits die menschliche Sprache beherrschte: „Ich bin C-3PO, Roboter-Mensch-Kontakter, womit kann ich euch dienen?“

Kommen wir zurück in die Gegenwart: Die zunehmende Digitalisierung, Globalisierung und neue rechtliche Rahmenbedingungen haben die Anforderungen von Unternehmen und deren Beschäftigten stark verändert: Künstliche Intelligenz zählt zu den wegweisendsten Antriebskräften der Digitalisierung. Die Anwendungsgebiete können neben sprechenden Robotern oder selbstfahrenden Autos sehr vielfältig sein – und reichen von Sprach- und Bilderkennung über automatisierte Datenauswertungen bis hin zu selbstgesteuerten Algorithmen bei der BewerberInnenauswahl. Während eine Vielzahl von Studien auf negative Beschäftigungseffekte hinweisen, können neue KI-Anwendungen die Arbeitsbedingungen und die betriebliche Mitbestimmung positiv beeinflussen, indem beispielsweise Arbeitsbelastungen besser eingeschätzt werden können.

Welchen Stellenwert nimmt KI im Rahmen der innerbetrieblichen Organisation in Österreich ein? Mit einer Auswertung von acht Geschäftsberichten und Befragungsergebnissen von insgesamt 201 ArbeitnehmervertreterInnen im Aufsichtsrat gingen wir der Frage nach, ob und wie die digitale Transformation auf strategischer und innerbetrieblicher Ebene zu einschneidenden Auswirkungen führt. Welche Aspekte stehen aus Sicht der Unternehmensführung im Vordergrund und welche werden aus Sicht der ArbeitnehmerInnenvertretung als relevant erachtet? Und wo ergeben sich hier „gemeinsame Nenner“ und an welcher Stelle gibt es „getrennte Welten“?

Gemeinsamer Nenner: Wenig KI, aber fortgeschrittene Digitalisierung birgt Potenziale und Risiken

In dieser Kategorisierung wurden ähnliche Sichtweisen und inhaltliche Gemeinsamkeiten zusammengetragen, die aus Beschäftigtensicht im Zuge der Befragungsergebnisse und aus Unternehmenssicht im Zuge der Geschäftsberichtsauswertungen beobachtbar waren. Eine Suche nach Wortfrequenzen der Begriffe künstliche Intelligenz, Artificial Intelligence, smart, intelligence, intelligent, cloud und bots in den jeweiligen Unternehmensberichterstattungen ergab, dass die genannten KI-Begrifflichkeiten selten ersichtlich waren (zwischen zwei und fünf Nennungen). Insgesamt bemerkte man ein starkes Bewusstsein hin zu einer digitalen Transformation innerhalb der Organisationen. Konkrete KI-Anwendungsfälle waren jedoch noch sehr selten ein Thema. Drei Viertel der befragten ArbeitnehmervertreterInnen schätzten ihr Unternehmen als eher digitalisiert oder sehr digitalisiert ein. Lediglich ein Viertel meinte, dass ihr Arbeitgeber wenig digitalisiert sei. Hinsichtlich der Geschäftsberichtanalyse schilderten die Geschäftsberichte von acht börsennotierten Unternehmen in Österreich eine Vielfalt an Digitalisierungsprojekten, die lediglich zu einem kleinen Teil mit KI-Anwendungen zu tun haben.

Eine weitere Gemeinsamkeit betraf die Erwähnung von diversen Chancen und Risiken. Auf dieser strategischen Betrachtung erwähnten alle Geschäftsberichte sowohl Potenziale als auch Bedrohungen, welche teilweise KI-Anwendungen und digitale Transformationsprozesse mit sich bringen. Während die Geschäftsberichtnarrative stärker auf Potenziale hinwiesen, wurde auch auf potenzielle Risiken eingegangen. Mehr als drei Viertel der BeschäftigtenvertreterInnen meinten, dass KI teilweise starke Auswirkungen mit sich bringen wird. Obwohl 6 von 10 der Befragten äußerten, dass künstliche Intelligenz für die Beschäftigten auch Vorteile bringen kann, so teilten auch zwei Drittel der BetriebsrätInnen mit, dass die Auswirkungen von KI-Anwendungen noch nicht gut eingeschätzt werden können. Mehr als drei Viertel der befragten ArbeitnehmervertreterInnen gehen davon aus, dass künstliche Intelligenz zu einer algorithmusgesteuerten Kontrolle führt. Zudem befürchten mehr als 60 Prozent eine Zunahme von Stress am Arbeitsplatz durch eine erhöhte Arbeitsbelastung. Es zeigte sich aus Beschäftigtensicht demnach eine Unsicherheit hinsichtlich des verstärkten Einsatzes von KI und der damit verbundenen Arbeitsbelastung. Diese Sorgen und Ängste müssen auf oberster Ebene angesprochen und diskutiert werden, um gemeinsame Visionen und Maßnahmen zu ergreifen. Dabei sollte man sich auch die Frage stellen, wie die Technik eingesetzt werden kann, um den Menschen zu dienen.

Frage: Welche Aussage zur Arbeitsbelastung trifft Ihrer Ansicht nach im Unternehmen am ehesten zu?

  trifft nicht zu trifft wenig zu trifft eher zu trifft voll zu k. A.
Künstliche Intelligenz bringt für die Beschäftigten (eher) Vorteile. 3,00 % 35,00 % 54,00 % 4,50 % 3,50 %
Künstliche Intelligenz sorgt für mehr Stress in der Arbeit. 7,46 % 29,35 % 42,79 % 17,41 % 2,99 %
Künstliche Intelligenz hat für uns kaum Auswirkungen. 43,72 % 33,17 % 17,59 % 3,52 % 2,0 1%
Künstliche Intelligenz führt zu algorithmusgesteuerter Kontrolle. 3,52 % 12,56 % 40,20 % 38,19 % 5,53 %
Künstliche Intelligenz führt zu erheblichen Risiken. 5,00 % 27,50 % 37,50 % 24,50 % 5,50 %
Künstliche Intelligenz kann nicht eingeschätzt werden. 7,46 % 20,40 % 35,32 % 30,35 % 6,47 %
Künstliche Intelligenz bringt mehr Flexibilität für die Beschäftigten. 16,42 % 37,31 % 34,83 % 2,99 % 8,46 %

Quelle: Eigene Umfrage via SurveyMonkey

Getrennte Welten: Informationsdefizit (trotz Mitbestimmung)

Die Ergebnisse gaben jedoch den Hinweis darauf, dass über Art des Einsatzes künstlicher Intelligenz auf Unternehmensleitungsebene kaum mit den Beschäftigten oder deren VertreterInnen gesprochen wird. Betrifft der Einsatz künstlicher Intelligenz Prozessoptimierungen, Service und Vertrieb oder die Lage der Beschäftigten, gaben zumindest rund 40 Prozent der Befragten an, dass der Informationsaustausch öfter oder immer stattfand. Vor allem der Einsatz von KI-Anwendungen, welcher die gesamte Unternehmenssituation betrifft, blieb im innerbetrieblichen Informationsaustausch weitgehend unberücksichtigt. Fast zwei Drittel der Befragten meinten, dass KI-Anwendungen, betreffend Unternehmensstrategie oder damit zusammenhängende Umstrukturierungen, gar nicht oder nur selten mit der Arbeitnehmervertretung diskutiert werden.

Werden folgende KI-Anwendungen von der Geschäftsleitung mit dem Betriebsrat oder im Aufsichtsrat besprochen?

  trifft nicht zu trifft wenig zu trifft eher zu trifft voll zu k. A.
KI-Anwendungen betreffend Beschäftigte 24,86 % 28,81 % 25,99 % 15,25 % 5,08 %
KI-Anwendungen zur Unternehmensstrategie 28,09 % 33,71 % 27,53 % 6,18 % 4,49 %
KI-Anwendungen betreffend Umstrukturierungen 29,78 % 32,02 % 21,35 % 10,11 % 6,74 %
KI-Anwendungen zu Service und Vertrieb 24,72 % 28,09 % 35,96 % 3,93 % 7,30 %
KI-Anwendungen betreffend Prozessoptimierungen 21,35 % 28,09 % 37,08 % 8,99 % 4,49 %
KI-Anwendungen betreffend Beschäftigte 24,86 % 28,81 % 25,99 % 15,25 % 5,08 %
KI-Anwendungen zur Unternehmensstrategie 28,09 % 33,71 % 27,53 % 6,18 % 4,49 %

Quelle: Eigene Umfrage via SurveyMonkey

Der Informationsaustausch über neue technologische Anwendungen findet weitgehend informell (v. a. durch KollegInnen) statt. Rund die Hälfte der Befragten teilte mit, dass es gar nicht oder nur selten zu einem formellen Austausch zwischen Unternehmensleitung und ArbeitnehmerInnenvertretung kommt, obwohl drei Viertel der Befragten angaben, dass sie als ArbeitnehmervertreterInnen im Aufsichtsrat tätig sind. Lediglich ein Drittel der Befragten berichtete von einem Informationsaustausch durch die Geschäftsleitung, in Arbeitsgruppen oder in Wirtschaftsgesprächen. Zwei Drittel der Befragten gaben zudem an, dass die Thematisierung von KI-Anwendungen selten oder nie im Aufsichtsrat stattfindet.

Wie erhält man als ArbeitnehmervertreterIn wichtige Informationen betreffend KI-Anwendungen im Unternehmen?

  nie/sehr selten selten oft sehr oft/immer k. A.
Geschäftsleitung 19,21 % 44,07 % 24,29 % 9,60 % 2,82 %
Aufsichtsrat 30,68 % 36,93 % 19,32 % 8,52 % 4,55 %
Wirtschaftsgespräch 23,12 % 39,88 % 24,28 % 5,78 % 6,94 %
Informell (durch die KollegInnen) 6,74 % 26,97 % 44,94 % 19,66 % 1,69 %
Arbeitsgruppen 21,35 % 44,94 % 25,28 % 5,06 % 3,37 %

Quelle: Eigene Umfrage via SurveyMonkey

Betriebliche Mitbestimmung im Zuge digitaler Transformation: eine Win-win-Situation

Bei einer Identifikation gemeinsamer Nenner ist es als Maßnahme für alle Unternehmensakteure ratsam, sich über die Entwicklung gemeinsamer Visionen im Klaren zu sein und diese als Grundlage für die weitere Arbeit heranzuziehen. Die „Corporate Governance“ sollte demnach mit einer „Digital Culture“ erweitert werden. Getrennte Welten im Zuge des digitalen Transformationsprozesses (z. B. Informations- und Mitbestimmungsdefizite) fordern eine bessere Einbeziehung der ArbeitnehmerInnen- und der ArbeitgeberInnenseite. Spezielle Aspekte wie Ängste und Sorgen, aber auch potenzielle Chancen und Risiken in Organisations- und Arbeitsangelegenheiten sollten ebenso in regelmäßigen Gesprächen angesprochen und diskutiert werden. In der Debatte um Digitalisierung und KI geht es nicht nur um technologische Änderungen, sondern vor allem auch darum, dass die Rolle der Mitgestaltung im Zuge der sozialen Innovation ein wesentlicher Erfolgsfaktor einer Organisation ist. Das Mitreden über neue Technologien, Organisations- und Investitionsentscheidungen bleibt im Zuge der Corporate Governance ein wichtiger Bestandteil und bietet für die betriebliche Mitbestimmung eine neue Entfaltungsmöglichkeit für eine Win-win-Situation für Unternehmen und deren Beschäftigte. Denn es ist für eine Organisation essenziell, den Beschäftigten einen Grad an Selbstbestimmung zu ermöglichen, um innovative und nachhaltige Lösungen zum Wohle aller StakeholderInnen zu schaffen.

 

Dieser Beitrag basiert auf dem namentlich identen Konferenzpapier im Rahmen von Momentum 19.

 

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