Hier geboren und andere Erstsprache: PIAAC zeigt beunruhigende Ergebnisse

Wer zwar bereits in Österreich geboren ist, aber eine andere Erstsprache als Deutsch hat, hinkt als Erwachsener bei der Lesekompetenz stärker nach als in anderen Ländern: Eine neue Facette in der Diskussion um MigrantInnen der Zweiten Generation und die Sprachförderung in Österreich.

Man könnte annehmen, wer in Österreich geboren ist und hier das Schulsystem durchlaufen hat, kann Lesen. Das ist aber nicht so. Fast eine Million, genau: 970.000 Personen können laut PIAAC nur auf Kompetenzstufe 1 lesen oder noch schlechter.

Dieser Wert – 17,1% der Bevölkerung zwischen 16 und 65 Jahren auf maximal Kompetenzstufe 1 -liegt unter dem OECD-Durchschnitt, Österreich liegt damit nur auf Platz 17. Aber bei jenen, die als Erstsprache nicht Deutsch haben, sind die Testergebnisse besonders alarmierend. Während es einsichtig ist, dass ZuwanderInnen (vor allem, wenn sie die Schule schon hinter sich haben) nur mühsam auf ein vergleichbares Leseniveau im Deutschen kommen können wie „ÖsterreicherInnen“ oder „Deutsche“, stellt sich die Frage: Warum können jene „MigrantInnen“, die hier schon geboren sind, als Erwachsene nicht besser lesen – und im internationalen Vergleich so viel schlechter lesen?

Denn wer bereits in Österreich geboren ist und nicht als Erstsprache Deutsch spricht, hinkt bei der Landessprache stärker nach als in anderen Ländern: Während die durchschnittliche Differenz in der Lesekompetenz hierorts bei 24 Punkten liegt (Deutschland weist sogar 25 Punkte aus), beträgt sie im OECD-Durchschnitt nur knapp die Hälfte, nämlich 13 Punkte. In den USA beläuft sich der Abstand nur auf 8 Punkte, ausgezeichnet positioniert ist Kanada mit unauffälligen 2 Punkten.

Noch einmal deutlich macht den Unterschied auch folgende die Gegenüberstellung: 11,8% von jenen, die in Österreich geboren sind und Deutsch als Erstsprache sprechen, befinden sich bei der Lesekompetenz auf Stufe 1 oder darunter. Schlimm genug, das ist immerhin fast jede/r Achte. Aber bei jenen, die in Österreich geboren sind und nicht Deutsch als Erstsprache sprechen, liegt der Prozentsatz bei 28,6%, also zweieinhalbmal so hoch! Das ist ein beunruhigendes Ergebnis.

Jetzt stellt sich die Frage nach dem Warum. Augenscheinlich fördert das österreichische Schulsystem den Spracherwerb zu wenig: Wer zu Hause nicht Deutsch spricht, kann das in der Schule nicht aufholen.

Die getesteten Personen bei PIAAC sind alle mindestens 16 Jahre alt, sie haben also zumindest 9 Schuljahre in Österreich absolviert. Um zu verdeutlichen, was Stufe 1 bei der Lesekompetenz heißt, hier kurz beschrieben ein Testbeispiel, welches schon in Richtung Stufe 2 geht: Ein Infoblatt „Regeln im Kindergarten“ wird vorgelegt, Regel Nr. 1 ist „Sorgen Sie bitte dafür, dass Ihr Kind bis 9 Uhr hier ist“, dann gibt es noch weitere acht Regeln, die Frage am Schluss ist dann „Um welche Uhrzeit sollen die Kinder spätestens im Kindergarten eintreffen?“.

Spracherwerb besser fördern

Was tun? Man muss möglichst früh ansetzen, nämlich bereits im Kindergarten. Nachdem der Kindergartenbesuch im letzten Jahr bereits Pflicht ist, sollte ein zusätzliches zweites (Gratis)Kindergartenjahr verpflichtend werden. In der Volksschule braucht es konsequentes Team-Teaching in Deutsch und mehr Leseförderung.

Nicht wirklich lesen können bedeutet Abdriften in den „funktionaler Analphabetismus“, dieser ist bei Erwachsenen nur mit viel Aufwand zu beheben. Das Problem darf sich in Zukunft in dieser Schärfe nicht mehr stellen: 9 Jahre Schule müssen doch genug sein, um sich bei der Lesekompetenz oberhalb der Stufe 1 wiederzufinden. Vielleicht wird PIAAC 2 eine Verbesserung für Österreich zeigen, generell und hoffentlich auch bei jenen, die zu Hause eine andere Sprache als Deutsch sprechen.

PIAAC (Programme for the International Assessment of Adult Competencies) ist eine internationale OECD-Erhebung der Schlüsselkompetenzen von Erwachsenen (16- bis 65-Jährige). zeitgleich in 24 Ländern durchgeführt. Erstmals liefert PIAAC international vergleichbare Daten für Österreich, über 5.000 Erwachsenen wurden getestet. Siehe dazu den Beitrag von Johannes Schweighofer.

Übrigens: Wer gar nicht lesen kann, wurde zum Test nicht zugelassen.