Gas Connect: Was für den Privaten billig, ist für den Staat zu teuer?

In Zeiten der Russland-Sanktionen hat der geplante Asset-Deal der OMV mit der Gazprom – für österreichische Verhältnisse – Wellen geschlagen. Während dieser Teil der OMV-Strategie zumindest aus betriebswirtschaftlicher Sicht nachvollzogen werden kann ist der geplante Teil-Verkauf von Österreichs größtem Gasnetzbetreiber völlig unverständlich. Für die Republik Österreich wäre der Einstieg bei der Gas Connect jedoch ein „Gewinn“.

Hintergrund für die riskanten „Liebesgrüße nach Moskau“: Eines der wichtigsten Infrastrukturunternehmen Österreichs ist in den letzten Jahren deutlich ins Schlingern geraten. Unrentable Investments, ein stetig sinkender Ölpreis und anhaltende Personaldebatten – all das brachte und bringt die OMV in finanzielle und strukturelle Schwierigkeiten. Daher Rainer Seeles Strategie in Richtung Russland, einem Land, dem er bekanntermaßen schon vor seiner OMV-Berufung verbunden war. Russland ist politisch ein Risiko. Allerdings ist, einer unternehmerischen Logik folgend, das Erschließen neuer Geschäftsfelder in einer derart angespannten betriebswirtschaftlichen Situation erklärbar.

Gänzlich unverständlich ist allerdings der geplante Verkauf von 49% des österreichischen Gasleitungsbetreiber Gas Connect. Zunächst einmal, weil der potentiell zu erzielende Verkaufspreis in keinem Verhältnis zu dem öffentlich genannten Eigenkapitalbedarf der OMV steht. Der Buchwert der gesamten Gas Connect wird in den Medien mit 500 bis 750 Millionen Euro beziffert  – also maximal 400 Millionen Euro für die 49%. Diese Größenordnung entspricht in etwa der von der OMV zuletzt jährlich ausgeschütteten Dividende. Der Wertberichtigungsbedarf des Unternehmen wird hingegen mit einem Betrag jenseits der Milliardengrenze beziffert. Auch wenn nicht auszuschließen ist, dass ein Verkauf mehr einbringt als den aktuellen Buchwert, so ist doch zu hoffen, dass die Gas Connect nicht einfach verschleudert wird, während die OMV weiter hohe Dividenden ausschüttet. Sondern angesichts der wirtschaftlichen Lage von Dividenden in dieser Größenordnung Abstand genommen wird.

Gasnetz ist von zentralem öffentlichem Interesse

Im Kern geht es aber um eine viel wichtigere Frage. Nämlich darum in wessen Verfügungsgewalt so zentrale Infrastrukturen, wie das Energienetz in Zukunft stehen werden. Bei der Gas Connect (GCA) handelt es sich um ein Unternehmen, das Errichterin, Eigentümerin und Betreiberin von Erdgas-Fernleitungen in Österreich ist. Als „Marktgebietsmanager“ wird ihr mit der Koordinierung und Organisation zwischen Importeuren, regionalen Netzbetreibern, Speicherunternehmen und Lieferanten darüber hinaus eine weitere sensible Aufgabe zuteil.

Die GCA ist damit für Energieunternehmen, KonsumentInnen und Industrie gleichermaßen zentral: Fast eine Million Haushalte heizen in Österreich mit Gas und sind somit von den Transport-Leitungen der Gas Connect abhängig, indirekt sind es durch die Fernwärme noch einmal so viel. Die Industriezentren in der Ostregion und in Oberösterreich – insbesondere der Leitbetrieb Voest – sind von den Transportkapazitäten der GCA abhängig, denn alles Gas, das von Osten nach Westen durch Österreich fließt, wird über diese Leitungen transportiert. Dafür muss auch gezahlt werden und zwar auf Basis einer vom unabhängigen Regulator festgelegten Methode.

Infrastrukturprivatisierung zu Lasten der Allgemeinheit

Egal ob es sich um elektrische Energie, Schiene oder andere netzgebundene Infrastrukturen handelt: Sie alle sind sogenannte “natürliche Monopole”. Sie agieren in Bereichen wo der Wettbewerb mehrerer Unternehmen keinen Sinn macht, ist es doch teuer und sinnlos zwei oder mehrere Infrastrukturnetze parallel zu betreiben. Um aber zu verhindern, dass Unternehmen ihre Stellung als „natürlich Monopolisten“ missbrauchen und überhöhte Preis verlangen, unterliegen diese Bereiche in der EU einem strengen Regulierungsregime. Das ist kein unternehmerisch spannendes Geschäftsmodell, völlig unsexy aus Managerperspektive. Das Fade, Geordnete ist dem Zweck inhärent: Die Versorgung soll jederzeit leistbar sichergestellt werden.

In einer Welt steigender Unsicherheiten wird dieses Geschäftsmodell zunehmend für institutionelle Investoren interessant. Sichere Anlagenmöglichkeiten bieten vor allem Staatsanleihen, doch die Zinsen bzw die Renditen dieser sind so gering, dass sich damit kaum mehr Geld verdienen lässt. Das macht Infrastrukturunternehmen wie die Gas-Connect für Versicherungen oder Pensionsfonds so attraktiv, bürgen sie doch langfristig für sichere Renditen in signifikanter Höhe. In Deutschland lebte eine ähnliche Debatte im Zuge der Infrastrukturkommission auf, wo die Finanzbranche zahlreich vertreten waren und es um Möglichkeiten staatlich geförderter Privatinvestitionen ging. Auch auf Europäischer wurde die Investitionsschwäche genutzt um im Rahmen des groß angelegten Juncker-Plans teure Private-Public-Partnerships neuen Auftrieb zu geben.

Nun überlegt die Allianz AG, die in Deutschland bereits hohe Renditen mit Beteiligungen am deutschen Autobahnnetz verdienen wollte, auch den Einstieg bei der Gas Connect. Wolfram Littich, Chef der Allianz in Österreich hat sich jedenfalls vorsorglich schon aus dem OMV Aufsichtsrat zurückgezogen.

Für den Staat würde sich der Einstieg rechnen

Sinn und Zweck der Infrastruktur ist aber zuallererst, dass sie funktioniert und nicht, dass sie stetige Renditen abwirft. Es gibt also primär ein öffentliches Interesse und das würde logisch ein öffentliches Eigentum bedingen.

Und ganz betriebswirtschaftlich betrachtet: Warum soll ein Netz, das für Versicherungsgesellschaften eine reizvolle, weil verlässliche Investition darstellt, nicht auch für den Staat attraktiv sein? Die Gas Connect Austria schüttet jährlich rund 100 Millionen Euro Dividende an die OMV aus. Gleichzeitig ist die Refinanzierung derzeit mehr als günstig, ein Kauf von 49% der GCA würde sich damit relativ bald „rechnen“. Das sehen die privaten, auf stabile Renditen gerichteten Versicherer so – dann sollte der Staat wohl zu einem ähnlichen Schluss kommen. Nicht zuletzt da sich bereits bei einigen Teilprivatisierungen in der Vergangenheit herausgestellt hat, dass alleine aus finanziellen Gründen öffentliches Eigentum die finanziell klügere Entscheidung gewesen wäre.

Dieser Beitrag erschien in ähnlicher Form in wirtschaftspolitik-standpunkte 1/2016

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