Flugverkehr – Opfer des eigenen Erfolges?

Viele werden auch heuer versuchen, dem Weihnachtsrummel und dem nasskalten Wetter durch eine Reise in wärmere Gegenden zu entfliehen. Das ist aber auch eine gute Gelegenheit, um sich ein paar besinnliche Gedanken über den Flugverkehr an sich zu machen.

Der 31. August 2018 wird in die Fluggeschichte eingehen: An diesem Tag fanden in Europas Luftraum 37.000 Flüge statt, das war ein Rekordwert. Gleichzeitig war dieser Sommer auch von Verspätungen und Flugausfällen – bedingt durch Wetteranomalien, Überlastungen der Flughäfen und Streiks – gekennzeichnet. Wird der Flugverkehr Opfer seines Erfolgs?

Fliegen – nach wie vor ein Elitenprojekt

Noch vor wenigen Jahrzehnten war Fliegen eine exklusive Angelegenheit: Die Tickets waren relativ teuer, dementsprechend selten wurde geflogen. Saß man dann im Flugzeug, gab es ein zuvorkommendes Service, erbracht von gut bezahlten Beschäftigten.

Diese Zeiten haben sich geändert: Das Flugzeug wurde zum Massenverkehrsmittel, ohne deshalb aber demokratischer zu werden. Einer wohlhabenden Schicht von Vielfliegern steht die große Mehrheit von Wenig- bis Nichtfliegern gegenüber. Das zeigt eine repräsentative Umfrage im Auftrag des VCÖ:

Auch Daten der Statistik Austria zeigen: Ein Viertel der österreichischen Bevölkerung macht gar keinen Urlaub. Beim Rest halten sich Destinationen im In- und im Ausland die Waage. Bei einem Drittel aller Auslandsurlaube wird geflogen. Daraus kann man den Schluss ziehen, dass gut drei Viertel der Bevölkerung in Österreich heuer in keinem Flugzeug gesessen ist.

Preisverfall steigert Flugbewegungen und senkt Sozialstandard

Folgende Abbildung zeigt den Preisverfall bei den Ticketpreisen. Spiegelbildlich stieg das Fluggastaufkommen.

Entwicklung der Ticketpreise und der Fluggäste

Erkauft wurde diese Entwicklung mit einem ruinösen Wettbewerb zwischen den Fluglinien, die den Druck wiederum an ihre Beschäftigten weitergeben. Aus einer gut bezahlten Branche wurde innerhalb von kürzester Zeit ein Sektor mit prekär Beschäftigten. So arbeiten bei zahlreichen Billigfluglinien „scheinselbständige“ PilotInnen. Co-PilotInnen benötigen für ihre Ausbildung eine bestimmte Anzahl an Flugstunden. Diesen Druck machen sich manche Airlines zunutze und haben das „pay-to-fly“-Prinzip eingeführt. Im Klartext: Statt für das Fliegen ein Gehalt zu bekommen, müssen Nachwuchskräfte dafür zahlen! Die Gehälter für neu eingestellte FlugbegleiterInnen kratzen in der Nähe der Mindestlöhne. Arbeitsauseinandersetzungen – wie letzten Sommer bei Ryan Air – sind die Folge.

Auch die Passagiere leiden unter dem Spar- und Konkurrenzdruck: Jede zweite bei der AK eingelangte Reisebeschwerde betrifft das Fliegen: Davon mühten sich rund zwei von drei Betroffenen mit gestrichenen, verspäteten oder überbuchten Flügen ab.

Hinzu kommen noch die entwürdigenden Sicherheitsprozeduren. Das rapide Wachstum an Flugpassagieren überfordert auch die Kapazitäten der Flughäfen und der Flugsicherung. Speziell in Frankreich und Deutschland gibt es einen eklatanten Mangel an FluglotsInnen. Da Fliegen die mit Abstand klimaschädlichste Art der Fortbewegung ist, sorgt diese boomende Branche auch für gravierende Umweltschäden. Laut Berechnungen des Wirtschaftsforschungsinstitutes (WIFO) liegen die Steuersubventionen des Flugverkehrs in Österreich bei rund einer halben Milliarde Euro jährlich. Das liegt daran, dass weder internationale Tickets noch Flugbenzin versteuert werden. Als kleinen Ausgleich dafür wurde in Österreich die Flugticketabgabe eingeführt. Diese wurde im Lauf der Jahre soweit abgesenkt, dass sie den Status einer Bagatellsteuer erlangt hat.

Saubere Alternativen zum Fliegen gibt es; z. B. bauen die ÖBB die Nachtzugverbindungen kontinuierlich aus. Denn: Ein Drittel aller Passagiere von Wien-Schwechat fliegen über Distanzen, die kürzer als 800 Kilometer sind, zwei Drittel fliegen kürzer als 1.000 km. Die Erfahrung zeigt jedenfalls, dass die derzeitige Art des vermeintlich billigen Fliegens viele Verlierer erzeugt: Seriöse Fluggesellschaften, die Beschäftigten in dieser Branche, die Eisenbahnen, die Fluggäste sowie – nicht zuletzt – die Umwelt.

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