Winterdürre und Wassernot. Es braucht eine nationale Wasserstrategie!

21. März 2023

Bilder von ausgetrockneten Flussbetten und Seen kannten wir bisher nur aus dem globalen Süden. Mittlerweile sind dies auch in Österreich keine Ausnahmeerscheinungen mehr – und das im Frühling, wo die Schneeschmelze viel Wasser bringen sollte. Wie ist mit potenziellen Nutzungskonflikten durch zukünftige Wasserengpässe in Österreich und Europa umzugehen? Die Trinkwasserversorgung prioritär im Wassergesetz zu verankern wäre ein erster wichtiger Schritt. Eine nationale Wasserstrategie, um Begehrlichkeiten und gute Lösungen unter einen Hut zur bringen, ein weiterer.

 „Im Osten Österreichs könnte heuer das Wasser ausgehen“, titelte der „Kurier“ am 16. Februar 2023. Der Grundwasserpegel im Wiener Becken ist auf dem historisch niedrigsten Stand, seit es Aufzeichnungen dazu gibt. Sollte es nicht bald ausreichend regnen, ist wohl mit gewissen Einschränkungen und Verboten bei der Wassernutzung zu rechnen. Möglicherweise fällt das Befüllen von Swimmingpools oder die Gartenbewässerung für einige im Frühsommer aus. Die Versorgung mit Trinkwasser ist jedenfalls gesichert, betonen die Vertreter der Wasserleitungsverbände. Aber was bedeutet es für uns, wenn es zukünftig weniger Wasser gibt? Müssen sich Österreichs Landwirtschaft und Industrie, die Österreicher:innen insgesamt in Zukunft auf weniger Wasserverbrauch einstellen?

Weniger Wasser = weniger Energieerzeugung

Die Dürre macht selbst vor den Bergregionen nicht Halt. Bereits im letzten Jahr mussten im Kärntner Lavanttal Bauernhöfe von der örtlichen Feuerwehr mit Wasser versorgt werden. In den vergangenen Jahren regnete es schlichtweg zu wenig, führt Roman Neunteufel von der Universität für Bodenkultur Wien im ORF-Interview aus. Die durchschnittlichen Regenmengen liegen unter dem Durchschnitt der letzten 30 Jahre, was sich mittlerweile bei den Grundwasserständen bemerkbar macht. Es gibt mittlerweile bei vielen Grundwassermessstellen neue Tiefstände. Auch in der Energiewirtschaft macht sich der Wassermangel bemerkbar. So lieferten Österreichs Wasserkraftwerke im Jahr 2022 um 16 Prozent weniger Energie im Vergleich zum langjährigen Durchschnitt. Diese Mindererzeugung aus Wasserkraft führte laut Verbund auch dazu, dass hohe Stromzukäufe erforderlich waren, um bereits verkaufte Strommengen liefern zu können. Diese Rückkäufe mussten marktbedingt zum Teil zu außerordentlich hohen Preisen eingekauft werden. Die Kosten dafür trugen die Konsument:innen durch steigende Marktpreise.

Winterdürre in vielen Ländern Europas und ihre Konsequenzen

Bereits zum wiederholten Male erlebten wir einen ungewöhnlich warmen und auch trockenen Winter. Die Landwirtschaftskammer sieht einen Saisonstart mit „leeren Akkus“ und legt die Aufmerksamkeit auf die nun entscheidende Niederschlagsentwicklung im Frühjahr. Aber nicht nur in Österreich kämpft man mit der sogenannten Winterdürre.

In Deutschland, Frankreich, Italien und Spanien ist es auch heuer für diese Jahreszeit wieder viel zu trocken. Es ist ein Kreislauf, der sich mittlerweile wiederholt. Es schneit im Winter zu wenig, was weniger Schneeschmelze bringt. Damit fehlt das dringend notwendige Wasser, um die Süßwasserreservoirs aufzufüllen. Da es auch den Rest des Jahres wenig regnet, wird es zunehmend trockener. Wenn es so bleibt, ist wohl auch dieses Jahr europaweit von Ernteausfällen, einer geringeren Energieversorgung durch Wasserkraft, Problemen für die Kühlung von Atomkraftwerken und Problemen beim Schiffsverkehr aufgrund von Niederwasser auszugehen. Dadurch geraten auch Lieferketten unter Druck. Manche französischen Kommunen ziehen bereits ihre Konsequenzen aus dem Wassermangel. So haben mehrere Bürgermeister im südfranzösischen Departement Var nahe der Mittelmeerküste entschieden, keine Baugenehmigungen mehr zu erteilen. Der italienische Landwirtschaftsverband Coldiretti warnte schon vor der Trockenheit, die den Anbau von Lebensmitteln in der Po-Ebene gefährde. Es wird ein aufwändiges Unterfangen, die Bedürfnisse nach Trinkwasser, Landwirtschaft, Schutz des natürlichen Lebensraums, Tourismus und Industrie zukünftig unter einen Hut zu bringen.

Schreitet die gegenwärtige Entwicklung weiter voran, müssen wir damit rechnen, dass es in Zukunft auch in Österreich zu Einschränkungen kommen wird.

Deutschland reagiert mit einer nationalen Wasserstrategie

Deutschland will mit einer neuen Wasserstrategie für die Zukunft vorsorgen. Die angesprochenen Probleme sind auch dort schon angekommen. So wirkt sich die Wasserknappheit bereits auf die Ernten in der Landwirtschaft aus. Daher werden bereits seit 2018 im gemeinsamen Dialog mit allen relevanten Akteur:innen die Eckpunkte einer bundesweiten Wasserstrategie erarbeitet. Im Herbst 2022 veröffentlichte die deutsche Bundesregierung dazu ihren Vorschlag, der zur Zeit intensiv diskutiert wird. Den fachlichen Hintergrund dazu lieferte das deutsche Umweltbundesamt. Die Strategie spricht die potenziellen Nutzungskonflikte zwischen Trinkwasserversorgung, Landwirtschaft und Industrie an und stellt eine vorausschauende Planung in den Mittelpunkt, um Nutzungskonflikten vorzubeugen. Dafür braucht es verlässliche Grundlagen. Dies bedeutet: eine solide Wissensbasis sowie bessere Modelle und Szenarien, um besser abschätzen zu können, wie viel Wasser in einer Region zukünftig verfügbar sein und wie viel gebraucht wird, sowie wie die erforderliche Wasserqualität gewährleistet bleibt.

Bundesweite Wasserstrategie und Vorrang für Trinkwasser erforderlich

Auch für Österreich ist eine nationale Wasserstrategie notwendig, um Nutzungskonflikten beim Wasser vorzubeugen. Damit könnten beispielsweise bessere Antworten für Regionen gefunden werden, die bereits jetzt mit Wassermangel konfrontiert sind. Es könnten Lösungen erarbeitet werden, um Wasserkonflikte zu vermeiden, denn diese sind bereits jetzt Realität. Wer darf das Wasser im Wiener Becken nutzen? Was ist im Burgenland zu tun, wo der Zicksee bereits ausgetrocknet ist und dem Neusiedlersee ein ähnliches Schicksal droht, wenn keine Maßnahmen getroffen werden? Es muss auch die Frage gestellt werden, welche Art von Landwirtschaft in Regionen mit Wasserarmut zukunftsfähig ist. Auch dafür braucht es Antworten. Gleiches gilt für die Frage der Wassernutzung in Industrie und Tourismus. Wenn das Wasser knapper wird, muss klar geregelt werden, wer wofür Wasser nutzen darf. Dazu gehört auch eine gesetzliche Vorrangregelung für die Trinkwasserversorgung vor allen anderen Nutzungen. Das aktuelle Regierungsprogramm sieht eine solche Vorrangstellung der Trinkwasserversorgung bei Nutzungskonflikten zwar vor, die verbindliche Umsetzung fehlt allerdings noch. Dies sollte daher rasch erfolgen, um Klarheit in dieser wichtigen Frage zu haben. Der Vorrang sollte jedenfalls entschädigungsfrei erfolgen, wie es von der gewerkschaftlichen Initiative „Right2Water“ bereits seit Jahren gefordert wird.

Europäische Initiativen notwendig

Im Oktober 2022 beschloss das Präsidium des Europäischen Wirtschafts- und Sozialausschusses (EWSA) einen Aufruf zu einem EU-Blue Deal als Querschnittsthema für das Eigeninitiativpaket 2023, um die Bedeutung von Wasser in allen Politikbereichen hervorzuheben. Da der Zugang zu Wasser als Dienstleistung von allgemeinem Interesse betrachtet wird, müssen die Wasserverteilungsnetze und -infrastrukturen widerstandsfähig und zweckmäßig sein, um eine nachhaltige, effiziente und gerechte Wasserversorgung in Europa zu gewährleisten. Die Initiative des EWSA wird das EU-Wasserverteilungsnetz aus verschiedenen Blickwinkeln betrachten, Wasserleckagen und digitale Lösungen (Anfälligkeit für Cyberangriffe) sowie das Management wasserbezogener Störungen beleuchten und der Kommission entsprechende Empfehlungen erteilen.

Fazit: Entschlossen gegen die Klimakrise vorgehen

Wasser ist die Grundlage unseres Lebens. Wir müssen endlich sorgsamer mit dieser lebenswichtigen Ressource umgehen. Dafür braucht es eine nationale Wasserstrategie, eine klare Priorisierung bei der Wassernutzung in Zeiten von Wassermangel und vor allem ein entschlossenes Handeln im Bereich Klimaschutz. Nur wenn wir alles dafür tun, um die Klimakrise und ihre Folgen einzubremsen, können wir unsere Wasserversorgung schützen und unsere Lebensgrundlage erhalten.

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