Die menschenleere Fabrik? Digitalisierung in der Produktion und was Gewerkschaften tun können

COVID-19 zeigte einmal mehr, wie abhängig transnationale Wertschöpfungsketten von menschlicher Arbeit sind. Das macht eine Entwicklung zu einer weniger arbeitsintensiven Produktion durch Digitalisierung wahrscheinlich. Digitalisierung in der Produktion spielte für Unternehmen aber auch schon vor COVID-19 eine bedeutende Rolle – vor allem, um angesichts sinkender Wachstumsraten konkurrenzfähig zu bleiben. Digitalisierung verändert auch die Positionierung von Beschäftigten im Betrieb und ganzen Gruppen am Arbeitsmarkt. Gewerkschaften stehen deshalb schon heute an einer Weggabelung: Möchte man Digitalisierung nur „menschlicher“ machen oder nutzt man diese Entwicklungen für einen Gesellschaftsentwurf?

Schnelle Prozessoren und Profitinteresse

Spricht man mit Beschäftigten in der Produktion, dann ist Digitalisierung im Arbeitsalltag angekommen: etwa das automatisierte Zuschneiden von Werkstücken, Chipsysteme, Datenaufzeichnungen und damit verbundene Qualitätskontrollen; sogar selbstfahrende Stapler und das Tracking von MitarbeiterInnen sind oftmals gewohnte Arbeitsrealität. Die zunehmende Digitalisierung von Unternehmen hat zwei Gründe: Zum einen gibt es große Fortschritte bei den technischen Voraussetzungen, zum anderen die gesellschaftliche Notwendigkeit.

Die technischen Voraussetzungen für die Digitalisierung in der Produktion umfassen massive Weiterentwicklungen in Informations- und Kommunikationstechnologien: Digitale Speicher-, Übertragungs- und Verarbeitungstechniken steigerten sich, Hard- und Software sind besser geworden. Sensoren werden kleiner, vernetzter und günstiger; schnellere Prozessoren, größere Speicher- und höhere Rechenleistungen zu niedrigen Kosten erleichtern übergreifende Netzwerke, ortsunabhängige Kommunikation und das Verbinden von Maschinen, Arbeitsprozessen und Menschen in Echtzeit.

Digitalisierung automatisiert den Arbeitsprozess, indem verschiedene Bereiche der Produktion miteinander vernetzt werden und die Produktion unabhängiger von menschlicher Arbeit wird. Ein Beispiel bietet die Smart Factory des Automobilproduzenten Audi.

In einer solchen Smart Factory tauschen Werkstücke und Maschinen Informationen miteinander aus; Sensoren senden und empfangen Daten. Dadurch weiß die Maschine, wie weit welches Werkstück schon bearbeitet ist, was es noch braucht und was automatisiert nachbestellt werden muss: Die Werksteile werden auf Bedarf bestellt und Lagerkosten damit gesenkt. Die Senkung von Kosten berührt den gesellschaftlichen Zwang von Digitalisierung in der Produktion: Standortkonkurrenz, Effizienzsteigerung und Marktmacht sind die zentralen Treiber in der Weiterentwicklung und Anwendung von Technologien.

Die Anwendung verschafft Kostenvorteile und damit den Vorsprung, den es braucht, um in der globalen Konkurrenz zu bestehen bzw. Wettbewerbsvorteile auszubauen. Diese Wettbewerbsvorteile entstehen durch den schnelleren Produktionsprozess, niedrigere Personal- und Umlaufkosten, höhere Produktivität und die Anpassung von Produktionskapazitäten an Marktschwankungen zur Risikovermeidung. Von der Mechanik über die Dampfmaschinen bis hin zu numerisch gesteuerten Produktionsprozessen ist aktuell die Verzahnung von Mensch und Maschine durch sogenannte cyber-physische Produktionssysteme der Weg, den vor allem kapitalträchtige Unternehmen beschreiten. Erinnern wir uns noch mal an die Smart Factory: Audi erhofft sich davon eine Produktivitätssteigerung von 20 Prozent.

Digitalisierung in der Produktion ist ein Klassenprojekt

Digitalisierung ist aber nicht nur eine Reaktion auf einbrechende Gewinne, sondern betrifft auch die Arbeitskräfte, die in den entsprechenden Branchen und Betrieben beschäftigt sind. Digitalisierung wirkt sich auf deren Macht aus, ihre Interessen einzubringen und durchzusetzen. Auch hier ein Blick auf die Smart Factory von Audi: Sie produziert nicht nur weitgehend autonom, sondern macht die wenigen erforderlichen Arbeitskräfte leicht ersetzbar. In der Montage werden den Beschäftigten dann mittels Datenbrillen die jeweiligen Baupläne mit der genauen Bauweise angezeigt. Wo früher viel Erfahrungswissen nötig war, ist der Arbeitsprozess für Menschen in der Smart Factory ein Bauplan nach IKEA-Prinzip: Menschen sind dadurch leichter anlern- und dementsprechend austauschbar. Dadurch wird ArbeiterInnen auch potenzielle Handlungsmacht genommen. Die Industriegeschichte zeigt nicht nur den fortwährenden Konflikt zwischen Kapital und Arbeit, sondern eben auch die unzähligen Versuche, sich das Erfahrungswissen der ArbeiterInnen anzueignen.

Der Haushaltsgerätehersteller Miele bietet dafür ein gutes Beispiel: Fertig produzierte Geschirrspüler werden getestet. Gibt es eine Fehlermeldung, kommen diese Geräte noch mal in die Wartung. Die jeweiligen VorarbeiterInnen haben die Infos über die MitarbeiterInnen und deren Arbeitserfahrungen in Bezug auf Varianten der Geräte auf ihrem Tablet. Die verschiedenen Fehlermöglichkeiten sind auf einer App vermerkt; die MitarbeiterInnen scannen nur das Modell und bekommen für bekannte Probleme passende Lösungen vorgeschlagen. Findet eine Mitarbeiterin bzw. ein Mitarbeiter ein neues Problem, das in der App noch nicht vermerkt ist, sowie die passende Lösung, trägt sie bzw. er diese ins System ein. Der Erfahrungsschatz früherer MitarbeiterInnen ist dadurch auch für weniger erfahrene KollegInnen verfügbar. Wer einen Fehler findet, hat auch die Möglichkeit, das in einem Feedback zu vermerken. Die Person, der beim Zusammenstecken der Fehler unterlaufen ist, bekommt dieses Feedback dann zugestellt. Bei der nächsten Montage wird die betroffene Person dann automatisch darauf aufmerksam gemacht. Das Personal kontrolliert sich dadurch selbst.

Entsolidarisierung und wirtschaftlicher Sachzwang?

Das Miele-Beispiel zeigt, wie Kontrolle von der Managementebene durch Digitalisierung an die Beschäftigten ausgelagert werden kann. Das heißt aber auch, dass die Beschäftigten sich eher in ihrer Konkurrenz als ihrer Gemeinsamkeit verstehen. Zudem werden durch Digitalisierung manche Tätigkeiten, wie z. B. die Montagearbeiten mit der Datenbrille, leichter erlernbar, während andere Tätigkeiten im Bereich Planung und Steuerung für Unternehmen komplexer und zentraler werden. Das deutet auf eine Polarisierung der Belegschaft hin und impliziert die Notwendigkeit, innerbetriebliche Solidarität aufrechtzuerhalten, bevor sie durch die ungleiche Einbindung in den Produktionsprozess unterlaufen wird.

Große Gewerkschaften wie die deutsche IG Metall beschränken sich bisher darauf, eine „menschliche“ Digitalisierung zu fordern, vor allem in Bezug auf die Arbeitsplatzgestaltung und die Reduktion von Arbeitsbelastungen. Auch in Österreich sind die Sozialpartner in federführende nationale Initiativen, wie etwa die Plattform Industrie 4.0 zur Förderung von Digitalisierung, eingebunden und mahnen dort die soziale Verträglichkeit der gesetzten Maßnahmen ein. Dabei außer Acht gelassen wird bisher, dass Initiativen zur Förderung der Digitalisierung interessengeleitete Projekte sind: Es geht um Wettbewerbsfähigkeit in der globalen Konkurrenz, in der Hoffnung, neue Wachstumszyklen zu generieren.

An der Weggabelung: Digitalisierung als Standortprojekt oder für die vielen?

Man ist nicht im Stau, man ist der Stau. Geht es um den technologischen Wandel, dann trifft das auf Gewerkschaften ebenso zu. Sie sind wirkungsmächtige Akteure, die nicht nur im Rahmen von Kollektivvertragsverhandlungen Realität schaffen, sondern über ihre Abgeordneten Einfluss auf die parlamentarische Debatte haben oder im Rahmen gewerkschaftlicher Bildungsarbeit bildungspolitische Akzente setzen. Sie sind nicht bloß betroffen vom technologischen Wandel, sondern gestalten diesen mit.

Vollbeschäftigung ist ein mächtiges Stichwort; erreicht wurde diese aber nicht mal am Höhepunkt einer wachsenden Wirtschaft. Ein „mehr Made in Austria“ wird deshalb zu keinem höheren Beschäftigungspotenzial führen: Das 2021 in Betrieb gehende Edelstahlwerk der Voestalpine in Kapfenberg beispielsweise wird voll digitalisiert mit einem Minimum an menschlicher Arbeitskraft auskommen.

Gewerkschaften sind deshalb gut aufgestellt, wenn sie sich zeitgemäßen Konzepten in Richtung Neuverteilung von Erwerbsarbeit zuwenden. Die jüngsten Vorschläge einer 4-Tage-Woche geben politische Antworten auf die sich aufdrängende empirische Evidenz bezüglich Digitalisierung, wirtschaftlicher Wachstumsraten und Beschäftigungspotenzial.

Digitalisierung ist immer auch sozial geprägt, ihre spezifische Anwendung in der Arbeitswelt verbunden mit der Durchsetzungsfähigkeit von ArbeiterInnenorganisationen. Digitalisierung in der gegenwärtigen Anwendung ist aber nicht von ihrem Profitcharakter zu trennen. Zentrale Fragen, die Gewerkschaften deshalb besser heute als morgen beschäftigen sollten, sind: Wer zieht den Gewinn aus den Digitalisierungsbestrebungen? Welche Auswirkungen hat das auf die soziale Struktur von Beschäftigten und ihre Mobilisierungsfähigkeit? Und: Hört der politische Horizont bei der Staatsgrenze auf oder soll sich ArbeiterInnenmacht global entfalten?

Danksagung

Ich möchte mich bei Patrick Slacik, Ursula Haider, Roman Gössinger und allen Mitgliedern des Landesvorstands der PRO-GE Niederösterreich bedanken, bei denen ich eine frühere Version dieses Beitrags vorstellen konnte und deren wertvolle Kommentare und Kritik hier eingeflossen sind.

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