Standortqualität und Sozialstaat: zwei Seiten einer Medaille

Die Standortqualität eines Landes ergibt sich aus einer Vielzahl von gestaltbaren Umfeldbedingungen. Die Beurteilung der Standortqualität unterscheidet sich in Abhängigkeit vom Blickwinkel (Unternehmen, Region, Erwerbsbevölkerung) als auch vom Betrachtungshorizont. Es gibt jedenfalls Trade-offs zwischen (kurzfristigen) betriebs­wirtschaftlichen und volkswirtschaftlichen Zielen: Gute betriebswirtschaftliche Ergebnisse können auch bei nicht nachhaltiger Produktionsweise, hoher Gesundheitsbelastung, schrumpfenden Einkommen, steigender Arbeitslosigkeit etc. erzielt werden. Daher braucht die Beurteilung der gesamtwirtschaftlichen Standortqualität eine Ergänzung um langfristige soziale und ökologische Indikatoren.

Bei der Standortqualität kommt den Humanressourcen, also den real existierenden Menschen, eine entscheidende Bedeutung zu. Und hier kommt das gesamte sozialstaatliche Gefüge ins Spiel: Welche Faktoren und Rahmenbedingungen

  1. versetzen die Bevölkerung in die Lage, eine hohe und nachhaltige Wertschöpfung zu generieren?
  2. versetzen die Region/das Land in die Lage zur Innovation und Anpassung an neue Gegebenheiten und Bewältigung von Krisen?
  3. sorgen für die Inklusion der Bevölkerung in die Wohlfahrtsentwicklung?

Die sozialstaatlichen Rahmenbedingungen sind für den betriebswirtschaftlichen Erfolg der Unternehmen entscheidend; Sozialstaatsregulierungen sind für sie Sprungbrett und Auffangnetz. Prosperierende Unternehmen sind auch die Grundlage eines ausgebauten Wohlfahrtsstaates. Soziale Sicherungssysteme sind, wie Heimann (Heimann, Eduard: Soziale Theorie des Kapitalismus) bereits 1929 konstatierte, eine produktionsbedingte Notwendigkeit und nicht beliebig disponierbar.

Staatliche Sozialausgaben sichern und erhöhen die Standortqualität

Ein Indikator für einen ausgebauten Wohlfahrtsstaat ist die Sozialquote (Summe der Sozialausgaben in Prozent des BIP). Von den Sozialausgaben in Österreich in der Höhe von 30,3 % des BIP (im Jahr 2016) fließen 20 Prozentpunkte in Form monetärer und neun Prozentpunkte in Form realer Sozialleistungen in die Gesellschaft, davon wiederum zirka drei Prozentpunkte als Steuern und Abgaben an die öffentliche Hand zurück. Die Nettosozialquote beträgt in Österreich 26,9 % und liegt damit im Durchschnitt der EU-28 von 26,6 %. In Ländern mit Steuergutschriften als Instrument bzw. mit privatwirtschaftlich organisierten, gesetzlich verpflichtenden Sicherungselementen übersteigt die Nettosozialquote die Bruttoquote so wie in den USA und Japan.

Der überwiegende Teil der öffentlichen Sozialausgaben in der Höhe von insgesamt 104 Mrd. Euro (2016) sind Geldleistungen (71 Mrd. Euro); allen voran die Pensionsleistungen, der Rest in Höhe von 33 Mrd. Euro (32 %) sind Sachleistungen. Die Geldleistungen werden direkt nachfragewirksam, da sie als Transfers überwiegend in die unteren Einkommensdezile mit hoher Konsumneigung und geringer Sparneigung fließen. Die Sachleistungen generieren hingegen Arbeitsplätze und wirken so positiv auf den Wirtschaftsstandort.

Empirisch zeigt sich ein deutlicher Zusammenhang zwischen der Wettbewerbsfähigkeit (angenähert durch die Arbeitsproduktivität, also die nominelle Bruttowertschöpfung zu laufenden Preisen je geleisteter Arbeitsstunde) und Sozialstaat: Je höher die Produktivität, desto höher die Sozialquote und je höher die Sozialquote, desto höher die Produktivität (siehe Abbildung). Auch andere Indikatoren wie Beschäftigungsquote, Lebenszufriedenheit, höhere Umweltstandards, geringere Armutsquoten zeigen eine positive Korrelation mit der Wettbewerbsfähigkeit.

International zeigte sich in den letzten Jahrzehnten eine Verschiebung weg von Transfers hin zu öffentlichen Dienstleistungen. Österreich hat diese Verschiebung nur zögerlich mitgemacht, besonders im Bereich der frühkindlichen Betreuung. Gerade vor dem Hintergrund des rapiden technischen Wandels gewinnen (frühkindliche) Bildungsausgaben an Bedeutung. Einerseits stärken diese Investitionen die Innovationsorientierung als wichtige Determinante einer nachhaltigen Wirtschaftsstruktur. Andererseits werden die sozialen und ökonomischen Chancen der Kinder verbessert, und der Bezug zwischen dem Bildungsniveau der Eltern und der Kinder aufgebrochen, die Bildungsvererbung also verringert.

Qualifikationsmaßnahmen, frühe Umschulungen im Rahmen der aktiven Arbeitsmarktpolitik und verstärkte Gesundheitsprävention zur Erhöhung der Erwerbsbeteiligung verbessern nicht nur die ökonomische Unabhängigkeit der Bevölkerung sowie die Lebenszufriedenheit der Menschen, sondern heben auch das Produktionspotenzial der österreichischen Wirtschaft und verbessern dadurch mittelfristig die Standortqualität.

Geringe Einkommensungleichheiten verstärken die wirtschaftliche Stabilität und Resilienz einer Volkswirtschaft

Makroökonomische Stabilität ist das Ergebnis vielschichtiger Einflussfaktoren, das sowohl institutionell, strukturell als auch konjunkturell mitbestimmt wird. Ein stabiles wirtschaftliches Umfeld reduziert die Risiken für InvestorInnen, stabilisiert Absatzerwartungen von Unternehmen und die Konsumnachfrage, erhöht die Beschäftigungschancen insgesamt sowie die Erwerbschancen von Arbeitslosen.

Die Ausstattung der Bevölkerung mit ökonomischen und sozialen Ressourcen ist von Markteinkommen und Sozialtransfers mitbestimmt. Umverteilungsmaßnahmen im Bereich des Steuer- und Abgabensystems sowie im Bereich der realen und monetären Transfers verändern die Lebens- und Erwerbschancen. In Österreich kann der Anstieg der Markteinkommensungleichheiten durch sozialstaatliche Umverteilungsaktivitäten beinahe ausgeglichen werden. Kurzfristig stärken die Umverteilungsmechanismen direkt die materielle Absicherung der Bevölkerung, stützen ihre Kaufkraft und damit die gesamtwirtschaftliche Nachfrage. Eine gute soziale Absicherung stabilisiert auch bei konjunkturellen Schwankungen und steigender Arbeitslosigkeit die Konsumnachfrage der privaten Haushalte und erhöht in Krisenzeiten die Widerstandskraft (Resilienz) der österreichischen Wirtschaft.

Darüber hinaus zeigen empirische Studien der jüngeren Vergangenheit, dass sich das Wirtschaftswachstum in den Ländern mit geringen Einkommensungleichheiten stärker entwickelt hat als in jenen mit hoher Ungleichheit und dass eine hohe gesamtwirtschaftliche Nachfrage positive Effekte auf die Produktivität hat.

Die WIFO-Studie zeigt, dass aus gesamtwirtschaftlicher, mittel- und langfristiger Sicht die Produktionsbedingungen und damit die Standortqualität von Österreich durch sozialstaatliche Regulierungen getragen und gestärkt werden.

Abbildung 1: Arbeitsproduktivität und Netto-Sozialquote

p-Wert des Regressionskoeffizienten: 0,000.

Quelle: Eurostat, OECD, WIFO-Berechnungen. – Arbeitsproduktivität … nominelle Bruttowertschöpfung zu laufenden Preisen je geleisteter Arbeitsstunde. Arbeitsproduktivität 2015: BEL, JPN, CHE, USA. – Netto-Sozialschutzleistungen: EU 28 und EA 19 ungewichtete Werte; 2013: DNK, IRE, JPN, USA; 2012: POL. Netto-Sozialquote = Bruttosozialquote minus Steuern und Abgaben, plus Steuergutschriften und privatwirtschaftlich organisierte aber gesetzlich verpflichtenden Sicherungselementen.

Kurzzusammenfassung der WIFO-Studie: „Sozialstaat und Standortqualität

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