Und alle wollen mehr – wie bleibt der Konsum dabei nachhaltig?

Die Ressourcen der Erde werden mit unserem heutigen, westlichen Lebensstandard überstrapaziert. Noch gibt es ein großes Gefälle in der globalisierten Welt und Dank der sogenannten Entwicklungsländer können wir uns den derzeitigen Lebensstandard ökologisch noch leisten. Aber der Konsum in Ländern wie China, Indien oder Brasilien steigt… und was kommt dann?

Nachhaltig Konsumieren ist „in“ – Bio, Regional und Fair Trade sind Begriffe, die viele ÖsterreicherInnen schon in ihren Konsumalltag integriert haben. 2011 gaben die ÖsterreicherInnen 127 Euro pro Kopf für Bio-Lebensmittel aus, das ist europaweit der dritthöchste Wert. Diese Produkte sind oftmals deutlich teurer als konventionelle Lebensmittel – wer kann sich das leisten? Und lebt, wer Bio konsumiert, auch gleich nachhaltig?

Außen hui und innen pfui?

In Bezug auf Nachhaltigkeit kann zumindest zwischen zwei extremen Gruppen unterschieden werden: Zum einen sind da die sogenannten LOHAS (Lifestyle of Health and Sustainability) – das sind eher Frauen mit höherem Bildungsniveau, höherem Einkommen, eher jüngeren Alters und oft Single. Sie legen nach Außen hin hohen Wert auf Nachhaltigkeit – kaufen in Bio-Läden, Fair-Trade Kleidung und fahren mit dem Rad. Diese Gruppe ist aber auch sehr mobil und reist im Urlaub meist mit dem Flugzeug. Der kleine ökologische Fußabdruck ist damit weg…

Weniger ist mehr

Zum anderen gibt es die „konsumorientierte Basis“ – hier dominieren jüngere Männer mit niedrigem Bildungsniveau und niedrigem bis mittlerem Einkommen. Die Umwelt ist ihnen relativ egal, gelebt wird im hier und jetzt, Konsumgüter verdeutlichen den sozialen Status und haben daher einen hohen Stellenwert. Auch wenn diese Gruppe kein Umweltbewusstsein an den Tag legt, ist ihr Lebensstil im Gesamten doch umweltfreundlicher als der der LOHAS, weil das Konsumniveau (vor allem hinsichtlich Flugreisen) niedriger ist.

Das Sein bestimmt nicht das Bewusstsein…

Statistiken zeigen einen starken Zusammenhang von Einkommen und Umweltwirkungen. Obwohl die einkommensstärksten Haushalte eher Bio-Lebensmittel und energiesparende Produkte kaufen, verursacht das oberste Einkommensviertel fast viereinhalb Mal so viele CO2 Emissionen wie das unterste Einkommensviertel. Schuld daran sind vor allem die Wohnverhältnisse und die Mobilität – ein Haus braucht um einiges mehr Energie als eine Wohnung, und vor allem das Mobilitätsverhalten ist anders (Stichwort: Fliegen).

…und auch das Bewusstsein bestimmt nicht das Sein

Studien zeigen, dass das Umweltbewusstsein allgemein sehr hoch ist, das Handeln aber oft nicht dem Bewusstsein entspricht. Umweltbewusstsein allein ist noch keine Garantie, dass diese Personen auch wirklich nachhaltig leben, wie bei den LOHAS deutlich wird. Und Bio-Lebensmittel kaufen ist nur ein kleiner Aspekt eines umweltbewussten Lebens.

Problem: Wir streben nach mehr

Wir leben in einer Konsumgesellschaft, angedeutet wurde schon, dass die eben eigentlich umweltfreundliche „konsumorientierte Basis“ sehr umweltbewusst lebt, ohne es zu wollen oder vielleicht zu wissen. Doch diese Gruppe möchte eigentlich mehr konsumieren und damit an der Konsumgesellschaft partizipieren. Wenn Konsum nach wie vor einen so hohen gesellschaftlichen Stellenwert hat, dann wird sich der ökologische Fußabdruck der westlichen Gesellschaft noch dramatisch erhöhen. Andererseits kann man diesen Gruppen den Wunsch nach Partizipation auch nicht verwehren. Und auch bei den meisten anderen gesellschaftlichen Gruppen ist Konsumreduktion kein Thema – auch wenn der Konsum heuer erstmalig seit 30 Jahren rückläufig war, wird er in den nächsten Jahren vermutlich wieder steigen.

Oder im globalen Kontext betrachtet: in den wirtschaftlich aufstrebenden Staaten wie China oder Indien wird die Mittelschicht größer. In Europa und in den USA stockt der Automobilmarkt, das neue El Dorado der Autoproduzenten ist gerade China – während in Österreich schon jede zweite Person ein Auto besitzt, sind es in China nur 4% (Stand 2010), dieser Wert hat sich aber im Vergleich zu 2003 vervierfacht. Was heißt das für die Umwelt und das Klima, wenn sich der Autoanteil in China oder Indien an den Westen in Zukunft auch nur annähert?

Sollen wir alle weniger wollen?

Diese Frage ist auch aus einer nachhaltigen Perspektive nicht eindeutig zu beantworten. Einerseits ist aus ökologischer Sicht Konsumreduktion die beste Art der Ressourcenschonung und des Umweltschutzes. Andererseits heißt weniger Konsum weniger Wirtschaftswachstum und weniger Arbeitsplätze, wodurch vielleicht mehr Billig-Massenware gekauft wird, die wiederum in Ländern produziert wird, wo Menschen ausgebeutet werden… Ungleichheiten werden dadurch vielleicht sogar noch verstärkt.

Motivallianzen & Teilen

Menschen zeigen unterschiedliche Denk- und Handlungsmuster, nicht immer ist dabei der nachhaltige Aspekt der vordringlichste. Wenn es also darum geht, Menschen zu nachhaltigerem Handeln zu führen, dann reichen Kampagnen zur Bewusstseinssteigerung nicht aus. Neben dem Umweltbewusstsein braucht es für nachhaltigeres Handeln oft zusätzliche Motive (z.B. Gesundheit oder Sorge für andere). Solche „Motivallianzen“ wären zu fördern.

Die Sharing Economy wird vom Time Magazine als eine der zehn zukunftsweisendsten Ideen gesehen – das Teilen/Vermieten/Tauschen von Gütern steht hier im Vordergrund, und nicht der Besitz. Diese Form des Konsums ist mittlerweile auch in Österreich angekommen und verbreitet sich vor allem durch das Internet sehr rasch. Auf verschiedenen Plattformen können die unterschiedlichsten Dinge geteilt werden – sowohl zwischen KonsumentInnen, aber auch als Unternehmensansätze greifen sie immer mehr. Dadurch haben auch andere gesellschaftliche Gruppen Zugang zu Gütern, die sie sich so nicht leisten können. Noch ist nicht absehbar, wohin diese Entwicklungen gehen und ob sie Bestand haben. Es kann dadurch zu einem gesellschaftlichen Umdenken kommen, indem Konsum und Besitz mit anderen Werten verbunden werden als gegenwärtig. Dann steht vielleicht der soziale Aspekt mehr im Vordergrund als das Prestige und Haben wird weniger wichtig.

Wer ist verantwortlich?

Wie schon an anderer Stelle geschrieben wurde, sind nicht die KonsumentInnen allein in der Verpflichtung. Nachhaltigkeit liegt in gesellschaftlicher Verantwortung. Gerade im öffentlichen Sektor können nachhaltige Aspekte (z.B. in der Beschaffung) positive Vorbildwirkungen haben. Auch gesetzliche Regelungen haben großen Einfluss: ein Ansatz ist etwa die Ökodesign-Richtlinie auf EU-Ebene, die zu einer umweltverträglicheren Produktgestaltung führen soll (wie das z.B. aktuell bei Staubsaugern diskutiert wird),

Zum Weiterlesen:

Dieser Blogbeitrag basiert auf den Ausführungen des Working Papers im Auftrag der AK Wien: „Soziale Ungleichheit und Nachhaltigkeit“ (2014) von Karl-Michael Brunner (Professor für Soziologie am Institut für Soziologie und empirische Sozialforschung der WU Wien. Forschungsschwerpunkte u.a.: Konsum und Nachhaltigkeit, Soziologie des Essens und Trinkens, Energiearmut).

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