Demokratiebildung von 0 bis 100

Brexit-Referendum 2016. BritInnen über 50 überstimmen bei der Abstimmung über den Verbleib Großbritanniens in der EU die junge Generation der unter 50-Jährigen (YouGov 2016): Sie waren mehr, und die Wahlbeteiligung ihres Semesters war höher. Je älter eine Britin bzw. ein Brite war, desto wahrscheinlicher stimmte er oder sie für den Brexit. Eine folgenreiche Entscheidung für die jüngeren BritInnen und ihre Zukunft. Großbritannien und die Abstimmung zum Brexit sind nur ein Anlass, der zeigt, wie sehr Demokratien herausgefordert werden.

Altersgruppe EU-Verbleib EU-Austritt
18–24 64 24
25–49 45 39
50–64 35 49
65 33 58

Quelle YouGov: Online-Umfrage von YouGov (n = 1.652) im Zeitraum 17.–19. Juni 2016

Analysen über das Wahlverhalten nach Alter oder die „Fridays for Future“-Bewegung wären zwei weitere. Damit Demokratien langfristig als legitime Entscheidungsprozesse verankert bleiben und den Interessenausgleich zwischen Gruppen austarieren können, müssen Demokratien sich weiter entwickeln. Nur so werden sie in der Lage sein, anstehende große Herausforderungen wie die Klimakrise zu bewältigen.

Aktuelle Herausforderungen bringen Handlungsdruck

Der Umgang mit digitalen Medien bringt spezifische Herausforderungen für Demokratien. Waren früher Zeitungen und Nachrichtensendungen für politische Diskussionen und Meinungsbildung entscheidend, sind es heute verschiedene soziale Netzwerke, Online-Medien und YouTube. Die Abgrenzung von Information, Meinung und Fake News wird damit wichtiger, die Gefahr, in sogenannten Kammern zu kommunizieren und kein breites Meinungsspektrum kennenzulernen, wird größer. Dies bedeutet auch einen Auftrag für die Medienbildung an Schulen und die politische Erwachsenenbildung.

Die Demokratieentwicklung steht vor weiteren großen Herausforderungen, so wurde Ende Oktober bereits gezeigt, dass etwa in Städten immer mehr Menschen vom Wahlrecht ausgeschlossen sind: Mind the Gap – Achtung demokratische Beteiligung. Wenn immer mehr Menschen im wahlfähigen Alter vom Wahlrecht ausgeschlossen sind, stellt sich auch die Legitimationsfrage der Politik. Zudem mindert ein hoher Anteil Nicht-Wahlberechtigter in einer Region auch die Wahlbeteiligung der übrigen dort wohnhaften Bevölkerung im wahlfähigen Alter.

Selbst mit einer Reform des Wahlrechts und der Medien wäre die Demokratieentwicklung nicht abgeschlossen, es braucht eine Kultur der breiten Teilhabe und Verantwortung, vom Kindergarten über die betriebliche Mitbestimmung bis ins hohe Alter. Nur durch eine gut verankerte demokratische Kultur können die anstehende Aufgabe, die Klimakrise abzuwenden, und die damit verbundenen dringend notwendigen Veränderungen im Wirtschaftssystem gemeistert und durchgesetzt werden.

Status quo – Einstellungen zu Demokratie als Regierungsform

Die Demokratie als Regierungsform in Österreich genießt zwar das Vertrauen der Mehrheit der ÖsterreicherInnen, ein Großteil wünscht sich für die Zukunft sogar einen weiteren Ausbau der demokratischen Rechte. Besorgniserregend ist dennoch, dass etwa ein Drittel durchaus autoritäre und illiberale Demokratievorstellungen teilt (www.demokratiemonitor.at in der Folge ÖDM 2018).

Wie verhält sich der zu Beginn skizzierte Generationenunterschied bei Einstellungen zu Demokratie? Mit dem Generationenkonflikt gehen nicht nur unterschiedliche inhaltliche Präferenzen einher, auch der Zugang zu Demokratie als Regierungsform an sich unterscheidet sich zwischen den Altersgruppen. Der Demokratiemonitor 2018 zeigt im Generationenvergleich einen deutlichen Demokratisierungsschub: Je jünger die Befragten, umso mehr konnten sie bereits in der Schule Demokratie leben und lernen.

Mitbestimmung im Generationenvergleich

Dieses Ergebnis ist ein Auftrag an die politische Bildung quer über alle Altersgruppen. „Aus unserer Forschung wissen wir, dass sich junge Menschen für politische und soziale Themen interessieren. Das schulische Umfeld bietet eine große Chance, dieses Interesse für die politische Bildung abzuholen. Dafür braucht es aber ausreichend Zeit und Ressourcen, auch für die Lehrkräfte“, meint Martina Zandonella, Studienleiterin ÖDM.

Demokratiebildung in Schulen

Wo, wenn nicht in der Schule als Lern- und Lebensort kann und muss Demokratiebildung gelernt und gelebt werden? Wie viel Demokratiebildung findet in Schulen aber tatsächlich statt?

Demokratie(n) oder politische Bildung sind oftmals aber nur ein Nischenthema in den Schulen und stehen und fallen mit dem Interesse der Lehrpersonen (vgl. Politische BildnerInnen in Wien 2014).

Gerade bei den standardisierten Tests, wie beispielsweise der Zentralmatura, spielt die politische Bildung kaum eine Rolle bzw. engt der Fokus auf große Leistungsüberprüfungen den Raum ein, der für Projekte der politischen Bildung bleibt. Im Unterrichtsalltag zieht die politische Bildung und Demokratiebildung aus pragmatischen Gründen daher oft den Kürzeren. Damit politische Bildung ein fixer Bestandteil in der Schule wird, unabhängig vom Engagement und Interesse der LehrerInnen, müssen entsprechende Ressourcen bereitgestellt werden. Zudem braucht es natürlich auch ein eigenständiges Unterrichtsfach Politische Bildung inklusive Lehramtsstudiengang, der für die Lehrbefähigung ausbildet.

Demokratiebildung und demokratischer Kulturwandel ist ein breiter Auftrag an Bildungseinrichtungen

Demokratie sei die einzige Staatsform, die gelernt werden müsse, sagte einst Oskar Negt. Damit Demokratie gelebt werden kann, braucht es Institutionenwissen genauso wie Kompetenzen, um an dieser Demokratie teilzuhaben und Einfluss zu nehmen. Dieses Lernen, von dem Oskar Negt spricht, ist aber keineswegs ausschließlich Lernen in der Schule und endet keineswegs mit dem Abschluss der Schule. Politische Bildung in der Demokratie ist und bleibt eine permanente Aufgabe und ein lebenslanger Prozess. Sie umfasst die Elementarbildung, die schulische politische Bildung, die außerschulische Jugendarbeit und die politische Erwachsenenbildung. Und letztlich geht es auch darum, echte Mitsprache und gelebte Demokratie in der Arbeitswelt und im Wirtschaftssystem zu etablieren. Sprichwörtlich muss es also darum gehen, alle Lebensbereiche mit Demokratie zu durchfluten. Die gesamte Bildungslandschaft ist gefordert, den demokratischen Kulturwandel und die Weiterentwicklung der Demokratie einzuleiten.

Demokratie braucht Bildung braucht Demokratie

Angesichts dieser skizzierten Herausforderungen an die Demokratie im 21. Jahrhundert steht das 7. Internationale Dallinger-Symposium in Wien unter dem Titel „Demokratie braucht Bildung braucht Demokratie“. Am 4. und 5. Dezember 2019 werden dort Antworten auf die brennenden demokratiepolitischen Fragen und ihre Verankerung in Bildungsinstitutionen gesucht und diskutiert. Hinter dem Symposium steht ein breites Netzwerk an österreichischen Institutionen, das die Vision einer starken Demokratie durch eine lebenslange Demokratiebildung trägt. Die Veranstaltung lädt alle Demokratieinteressierten ein, an der Debatte teilzunehmen.

 

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