Neu an der Uni: Arbeiterkinder und andere First Generation Students

Trotz oft übervoller Hörsäle sind Studierende aus nichtakademischem Milieu an den Universitäten nach wie vor unterrepräsentiert. Das Projekt Ufirst  hat sich mit der Situation der sogenannten „First Generation Students“ an der Universität Wien auseinandergesetzt, die spezifischen Problemlagen, mit denen sie sich im Unterschied zu „Akademikerkindern“ konfrontiert sehen, analysiert und Empfehlungen erarbeitet.

Wenngleich in den letzten Jahrzehnten das Bildungsniveau in Österreich insgesamt gestiegen ist, belegen in punkto Chancengerechtigkeit zahlreiche Studien das eine: Bildung wird weiterhin „vererbt“. Die Statistik Austria Publikation „Bildung in Zahlen 2012/13” stellt dazu aktuell fest: „So erreichten mehr als die Hälfte (55,8%) der 25-44-Jährigen aus Haushalten, in denen entweder Mutter oder Vater über einen Abschluss einer Universität, Fachhochschule oder hochschulverwandten Ausbildung verfügten, ebenso einen solchen Abschluss. Hingegen waren es bei den Personen aus bildungsfernen Haushalten (höchster Bildungsabschluss der Eltern war die Pflichtschule) nur 6,6%“. Die Hauptursachen dafür liegen im vorgelagerten Kindergarten- und Schulsystem. Die Förderung durch das Elternhaus und die Wahl der Schule sind ganz entscheidend für die späteren Studienchancen.

Wie es sogenannten „First Generation Students“, also jenen, die als erste in ihrer Familie ein Hochschulstudium absolvieren, geht, wenn sie es doch an die Universität schaffen, wurde in einem Projekt an der Universität Wien untersucht. Die zentralen Ergebnisse:

Studienfinanzierung

„Bei anderen geht’s um die Finanzierung des nächsten Urlaubs, bei mir geht’s um den vollen Kühlschrank“

Für jene, die als erste in ihrer Familie studieren und aus weniger begüterten Haushalten kommen, stellt sich allen voran das Problem der Studienfinanzierung.

Die staatliche Studienförderung ist hier eine wichtige Hilfe, allerdings muss diese erst beantragt werden und oft ist die Höhe vorweg unklar. Da die Beihilfen schon länger nicht an die gestiegenen Löhne und Preise angepasst wurden, reichen sie vielfach für den Lebensunterhalt nicht aus. Da die Familien meist keine finanzielle Unterstützung leisten können, ist ein Job neben dem Studium notwendig, wobei Geldverdienen im Vordergrund steht und weniger die „karrieretechnische“ Frage, ob ein Bezug zum Studium gegeben ist. Bei mehr als 10 Stunden Erwerbstätigkeit beginnt die Vereinbarkeit schwierig zu werden. Wird ein Prüfungszeugnis wegen des Nebenjobs nicht rechtzeitig erbracht, ist das Stipendium weg. Die Folge: Die Berufstätigkeit muss noch mehr ausgedehnt werden. Darunter leidet wiederum der Studienerfolg und die Drop-out-Gefahr steigt deutlich.

Soziales Umfeld:

„Ich glaube, meine Mutter weiß bis heute nicht, was ich da eigentlich mache“

Kinder von AkademikerInnen haben es auch deshalb leichter, weil es in ihrer unmittelbaren Umgebung über den Bekanntenkreis der Eltern meist mehrere universitär gebildete Vorbilder gibt und diese den Sprachcode der Bildung beherrschen und weitergeben. Das ist ein entscheidender Vorteil im Unterschied zu Familien, bei denen die Eltern schon bei den Hausübungen in der Unterstufe nicht mehr helfen können und für die Begriffe wie „Module“, „Immatrikulation“ oder „Multiple-Choice-Test“ fremd sind. Außerdem ist es meist schon jahrelang klar und „normal“, dass der Sohn oder die Tochter später studiert, es gibt die entsprechende Ermunterung und Unterstützung.

Studierende ohne akademischen Background sind hingegen oft mit dem Unverständnis ihrer Familien und Bekannten konfrontiert. Sie müssen ihr Streben nach höherer Bildung immer wieder legitimieren und Fragen wie: „Gibt’s nicht ohnehin schon zu viele Anwälte?“ oder „Willst du etwas Besseres werden?“ parieren.

Zudem müssen sie sich ihr Wissen über Anmeldeverfahren, Studien- und Prüfungsorganisation, Schreiben von Abschlussarbeiten etc. allein „organisieren“, teure Vorbereitungskurse oder auch interessante, aber unbezahlte fachbezogene Praktika sind für sie keine Option.

Studienorganisation

„Ich war überfordert – mit der Gesamtsituation, der Anonymität der Großstadt, der Fremdheit

Eine neue Stadt, neue Menschen, eine neue Bildungsinstitution mit langer Tradition, eigenen Spielregeln und Gepflogenheiten – es ist daher nicht verwunderlich, dass viele AnfängerInnen in den ersten Wochen an der Universität mit Unsicherheiten und Selbstzweifeln zu kämpfen haben. Diese sind natürlich umso stärker, je geringer der Rückhalt im Familien- und Freundeskreis ist.

Allerdings haben die First Generation Students auch besondere Stärken, wie im Bericht vermerkt wird. „Ein hohes Maß an Zielstrebigkeit, Motivation und Arbeitsdisziplin sind Eigenschaften, die besonders häufig anzutreffen sind. Vor allem zeichnet sich die Ufirst –Zielgruppe durch die Fähigkeit aus, sich in unterschiedlichen sozialen respektive kulturellen Welten zu bewegen.“

Empfehlungen zur Unterstützung von First Generation Students

Um eine bessere Durchmischung im Hochschulbereich zu erreichen und die Studienchancen für Menschen aus nichtakademischem Milieu zu erhöhen, braucht es viele große und kleine Maßnahmen – im Schulsystem, aber auch an den Hochschulen selbst. Für letztere wurden aufgrund zahlreicher Gespräche mit ExpertInnen- und Betroffenen Empfehlungen ausgearbeitet: Diese betreffen die Gruppen- und Einzelbetreuung von Studierenden, die Qualifizierung von Lehrenden sowie Angebote zum wissenschaftlichen Schreiben und zur Erweiterung der Sprachkompetenz. Einige Änderungen, wie etwa die Vereinheitlichung der Teilnahmebestätigungen für MentorInnen, transparente Gestaltung des Semesterplans und der Bewertungskriterien einer Lehrveranstaltung, wären nicht mit zusätzlichen Kosten verbunden. Für andere Vorschläge wie Weiterbildungsaktivitäten werden zusätzliche Ressourcen benötigt. Von einem inklusiveren Lehr- und Lernklima profitieren letztendlich nicht nur die First Generation Students, sondern auch die Universitäten insgesamt durch effizientere Ressourcennutzung. Gute Gründe, so rasch wie möglich mit der Umsetzung zu beginnen.