Wo bleibt die Mittelschicht? Die Vermögensverteilung in Österreich

Neue Daten für Österreich belegen, dass die Vermögen extrem ungleich verteilt sind. 50% der Haushalte haben zusammen weniger als 5% des Gesamtvermögens. Die reichsten 5% besitzen knappe 50% aller Vermögen. Beim Vermögen, im Gegensatz zum Einkommen, hat die Mittelschicht nur einen schmalen Teil.

 

Diese Schieflage weicht massiv von den Vorstellungen der Bevölkerung für die Verteilung in Österreich ab. Die große Mehrheit der ÖsterreicherInnen wünscht sich eine Gesellschaft mit einer breiten Mittelschicht, die auch einen entsprechenden Anteil am Wohlstand hält. Grafisch hätten sie gerne eine „bauchige“ Verteilung in Österreich.

Abbildung 1 Einkommensgruppen
Quelle: EU-SILC 2010, eigene Berechnungen.

Die Verteilung der Einkommen (nicht der Vermögen!) in Österreich zeigt auch tatsächlich dieses Bild einer breiten Mittelschicht (Abbildung 1). Wenn nämlich die Haushalte ihrem Einkommen nach auf einer senkrechten Linie aufgetragen werden, dann liegen die meisten Haushalte in der Mitte oder ein bisschen darüber. Etwa jeder achte Haushalt fällt mit Niedrigeinkommen auf das untere Ende der Linie. Zugleich gibt es sehr wenige hohe Einkommen am oberen Ende der Linie. Diese Probleme an den Rändern der Verteilung sind gravierend, und sie können über ein progressives Abgabensystem und den Ausbau sozialer Dienstleistungen gemildert werden. Sie ändern aber nichts am Vorhandensein einer breiten Mittelschicht, den großen blauen „Bauch“ der Grafik. Die mittleren Einkommensgruppen erhalten auch einen großen Teil der Gesamteinkommen, der rot nach links aufgetragen ist.

Bei Vermögen hingegen besteht eine krasse Schieflage (Abbildung 2). Durch die starke Konzentration des Vermögens auf eine sehr kleine Gruppe von Haushalten bleibt für die Haushalte mit niedrigem und mittlerem Vermögen nur ein kleiner Teil.

Quelle: HFCS 2010, eigene Berechnungen.
Quelle: HFCS 2010, eigene Berechnungen.

Nur etwa ein Viertel der Haushalte gehören zu der Gruppe mit den mittleren Vermögen, und es gibt eine sehr große Gruppe von Haushalten, fast zwei Drittel, die ein niedriges Vermögen besitzen (blaue Balken nach rechts). Diese beiden, niedrige und mittlere Vermögen, besitzen auch nur einen kleinen Teil am Gesamtvermögen (rote Balken nach links). Der weitaus größte Teil des Vermögens wird von einer kleinen, sehr vermögensreichen Gruppe gehalten, die etwa zwei Drittel des gesamten privaten Vermögens in Österreich auf sich vereint, wie der oberste rote Balken zeigt.

Natürlich sind die Definitionen von niedrigen, mittleren und hohen Einkommen und Vermögen umstritten. Ob es gerechtfertigt ist, wie die Statistik Austria und dieser Beitrag, Einkommen über 60% des Median und somit alle Haushalte über der statistischen Armutsgrenze als „mittlere“ Einkommen zu bezeichnen, kann durchaus diskutiert werden. Ebenso geht es hier nicht darum, die Definition von mittleren Vermögen mit 60% bis 180% des durchschnittlichen Vermögens als die „richtige“ Sichtweise zu propagieren. Die Frage, in welche Gruppen eine Gesellschaft sinnvollerweise unterteilt werden kann, ist komplex und bei weitem noch nicht beantwortet. Die wissenschaftliche Reichtumsforschung hat hier noch ein weites Feld zu bearbeiten.

Es ist jedoch eine Tatsache, dass die Vermögen in Österreich anders verteilt sind als die Einkommen. Während die Einkommen „bauchig“ verteilt sind, sind Vermögen „schief“ verteilt. Das heißt, die Masse der Einkommen liegt in der Mitte, während sich die Masse der Vermögen am oberen Rand konzentriert. Weil die Verteilungen so unterschiedlich sind, ist diese empirische Erkenntnis robust. Sie hängt nicht von den spezifischen Grenzen für niedrige, mittlere und hohe Einkommen und Vermögen, die hier gewählt wurden, ab.

Vor diesem Hintergrund ist das weitgehende Fehlen einer Vermögensbesteuerung in Österreich umso unverständlicher. Im Vergleich mit anderen Hocheinkommensländern (Tabelle 22) und der Eurozone (Tabelle 66) rangiert Österreich konsistent auf den hintersten Plätzen, was das Aufkommen aus vermögensbezogenen Steuern betrifft. Bei dieser Schieflage gibt es dringenden Handlungsbedarf.

Themen
Arbeit & Wirtschaft Blog
MENÜ