Wie in der Tageszeitung “die Presse” mit Zahlen zur Wasserprivatisierung getrickst wird

Wer vor ein paar Tagen einen Blick in den Wirtschaftsteil der Presse geworfen hat, konnte darin lesen, warum Wasserprivatisierungen eigentlich eh ganz toll sind. So wird darin unter anderem folgendes behauptet:

Freilich: So ganz scheint die Horrorzahl nicht zu stimmen. Eine für den Bürgermeister sicher nicht ganz dubiose Quelle, die Arbeiterkammer („Siedlungswasserwirtschaft in öffentlicher oder privater Hand“, Thomas Thaler, Schriftenreihe Informationen zur Umweltpolitik, 2010), beziffert den Anstieg der Wasserrechnung eines durchschnittlichen Waliser Haushalts in den Jahren 1989 bis 2000 mit rund 37 Prozent. Nominell. Im selben Zeitraum ist der Verbraucherpreisindex im Vereinigten Königreich um 44 Prozent gestiegen.

Doch kann das wirklich stimmen? Führen Wasserprivatisierungen wirklich zu real sinkenden Wasserpreisen? Findet sich eine solche Aussage in der zitierten AK-Studie?

Um das zu überprüfen muss man einen Blick in die erwähnte AK-Studie werfen. In dieser findet man dann eine Graphik über die Preissteigerungen u.a. in den Jahren 1989 bis 2000, auf die sich die Presse beziehen dürfte. Rechnet man dann aus den Daten der Graphik die entsprechenden Preissteigerungen aus, kommt man tatsächlich auf eine Preissteigerung von etwa 37 %, wie in der Presse behauptet.

Allerdings findet sich bei der Graphik kein Hinweis, ob die entsprechenden Werte reale oder nominale Preissteigerungen darstellen. Das ist sicherlich ein Fehler. Doch was macht man in so einem Fall: Eine Möglichkeit wäre es einfach zu behaupten, dass es sich um nominale Werte handelt, ohne das weiter zu überprüfen. Dafür hat sich offenbar die Presse entschieden.

Eine andere Möglichkeit wäre es, die in der Graphik zitierten Quellen aufzusuchen. Dann müsste man halt auch noch in Hall/Lobina 2007 nachlesen und würde dabei auf Seite 11 fast die gleiche Graphik, wie die in der AK-Studie, wiederfinden. Einziger Unterschied ist[1], dass diesmal angegeben wird, dass es sich um reale Preissteigerungen handelt.

Aber selbst, wenn das zu mühsam sein sollte, hätte es auch einfach genügt die AK Studie vollständig zu lesen. So steht auch auf Seite 48 in der AK-Studie, dass es sich um reale Preissteigerungen gehandelt hat.

Die zentrale Aussage im Presseartikel, dass laut AK die Wasserpreise in Wales und England um nominal 37 % gestiegen sind ist damit einfach falsch. Der Preisanstieg um rund 37 % zwischen 1989 und 2000 (vor der Reregulierung) war real, also zusätzlich zum inflationsbedingten Preisanstieg.

Dennoch kann dem Schluss des Presseartikels, der im Folgenden wörtlich zitiert werden soll, voll und ganz zugestimmt werden: Aber wenn man schon argumentiert – dann sollten die Argumente auch stimmen!

 

Nachtrag: Heute (12.03.2013) hat auch die Presse auf unsere Kritik reagiert und ihren Irrtum zugegeben.

 

 


[1] Die angegebenen Werte differieren zwar. Dies liegt allerdings nicht daran, dass einmal nominale und einmal reale Werte verwendet worden wären, sondern einzig und alleine daran, dass die Preisniveaus unterschiedlicher Jahre verwendet werden. Die prozentualen, realen Preisanstiege sind selbstverständlich in beiden Studien ident.

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