Was kosten Kinder?

Was Kinder kosten, scheint auf den ersten Blick eine recht einfache Frage zu sein. Sie stellt sich Jungeltern, aber auch der öffentlichen Hand, wenn es darum geht, die Höhe der Unterstützungsleistungen für Familien zu berechnen. Eine aktuelle Studie im Auftrag der Stadt Wien legt einen ersten Baustein für die Antwort darauf.

Stefan Humer und Severin Rapp haben in dieser Studie Berechnungsmethoden direkter Kosten von Kindern analysiert und Bandbreiten ausgewertet. Damit ist ein wichtiger Grundstein gelegt, um genauer zu erfahren, was Kinder wirklich kosten.

Die Notwendigkeit eines aktuellen, evidenzbasierten Zuganges

In Österreich und damit auch in Wien leben Kinder in Armut. Um Kinderarmut und die Vererbung von Armut bekämpfen zu können und allen Kindern Zukunfts- und Teilhabechancen zu ermöglichen, gibt es unterschiedliche Ansatzmöglichkeiten der öffentlichen Hand. Diese reichen von kostenfreien Kindergärten und Ganztagesschulen sowie Urlauben für Familien bis hin zu finanziellen Unterstützungsleistungen.

Letztere orientieren sich an direkten Kosten von Kindern – also jenen, die in Haushalten anfallen, um den Lebensunterhalt der Kinder bestreiten zu können. Der aktuelle Regelbedarfssatz beziffert die Ausgaben von Familien für ihre Kinder und wird für die Berechnung von Unterhaltsleistungen verwendet. Er basiert auf einer Erhebung aus dem Jahr 1964 und wird seither lediglich mit der Inflationsrate fortgeschrieben.

Der politische, gesellschaftliche und wissenschaftliche Konsens über die Forderung nach einer validen und an aktuelle Gegebenheiten angepassten Datenbasis überrascht daher nicht.

Die Stadt Wien hat nun mit dem Anspruch einer auf Fakten basierenden Aktualisierung des Wiener Mindestsicherungsgesetzes mit der Beauftragung der Studie „Kosten von Kindern. Erhebungsmethoden und Bandbreiten“ einen ersten Schritt in diese Richtung gesetzt.

Möglichkeiten der Ermittlung von Kosten von Kindern

In der wissenschaftlichen Literatur findet man ein breites Repertoire von unterschiedlichen Ansätzen zur Berechnung der Kosten von Kindern. Sie wurden über einen Zeitraum von mehr als 100 Jahren entwickelt und können in drei Gruppen zusammengefasst werden. Begonnen hat es mit den normativen Methoden, im Zuge derer Expert*innen den Bedarf für die einzelnen Haushaltsmitglieder nach ihrer Einschätzung festlegen.

Die Beobachtung des tatsächlichen Konsumverhaltens der Haushalte war speziell in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts sehr populär und hat sich in dieser Zeit auch rasant weiterentwickelt.

Jene Methoden, die auf subjektiven Einschätzungen der Haushalte beruhen, sind in dieser Aufstellung die jüngste Herangehensweise, in der auch aktuell noch eine sehr lebendige Debatte in der wissenschaftlichen Literatur stattfindet.

Sowohl zwischen als auch innerhalb dieser Methoden lassen sich bedeutende Unterschiede in den Zugängen erkennen. Die Zusammenschau der verschiedenen Methoden hat jeweils Stärken und Schwächen aufgezeigt. Keiner der vorhandenen Ansätze hat nur Vorteile. Die in Österreich bisher besonders gerne verwendeten Methoden werden in der internationalen Literatur zum Teil kritisch kommentiert.

Nahezu alle Methoden in den drei Bereichen operieren mit sogenannten „Äquivalenzskalen“. Diese nehmen in der Regel fixe Relationen zwischen den Bedürfnissen verschiedener Familienformen an, etwa dass ein Paarhaushalt nicht doppelt so hohe Kosten hat wie ein Single-Haushalt, sondern etwa nur eineinhalbmal so hohe. Jüngere Berechnungen für Deutschland ziehen diese zentrale Annahme aber in Zweifel. Die relativen Unterschiede zwischen Haushalten mit und ohne Kinder nehmen laut diesen Ergebnissen mit zunehmendem Einkommen ab. Auf Basis von fixen Äquivalenzskalen würden die Ausgaben für Kinder von Haushalten mit niedrigem Einkommen daher tendenziell unterschätzt.

Bandbreiten der Kinderkosten

Um aus den relativen Äquivalenzskalen die absoluten Geldbeträge zu ermitteln, muss ein angemessenes Einkommensniveau des typischen Haushaltes angenommen werden. Weil sich zeigt, dass die unterstellten Grundbeträge eine so wichtige Rolle spielen, geben die verschiedenen Zeilen die Kinderkosten auf Basis von unterschiedlichen Ausgangsbeträgen an.

Betrachtet wird die Höhe der Sozialhilfe für Paare, die Armutsgefährdungsschwelle für Paare und das durchschnittliche Einkommen von österreichischen Familienhaushalten. Zum Beispiel liegt die Sozialhilfe für ein Paar bei € 1.240,–. Weil das erste Kind in Österreich im Mittel ungefähr 18 Prozent des Bedarfs eines erwachsenen Paares hat, ergeben sich € 224,– (€ 1.240,– x 0,18).

Je nach Ausgangswert zeigen sich beträchtliche Spannweiten: Für das erste Kind liegen sie zwischen € 156,– und € 1.044,–, beim dritten Kind ergeben sich Werte zwischen € 67,– und € 921,–.

Ausblick auf die Berechnung von Kosten von Kindern

Die Studie fasst nicht nur den bestehenden Wissensstand zusammen, sondern zeigt auch wichtige Perspektiven für die weitere Forschung auf. Insbesondere stehen dabei jene Haushalte im Zentrum, die von den bisherigen Ansätzen nur unzureichend abgedeckt werden. Das sind vor allem Menschen, die in neueren Familienformen leben, wie Alleinerziehende und Patchworkfamilien.

Außerdem muss in Zukunft stärker auf regionale Unterschiede und die Bedeutung von Sachleistungen geachtet werden. So ist etwa anzunehmen, dass zum Beispiel das Angebot an öffentlichen Betreuungseinrichtungen und Ganztagsschulen in Wien die Betreuungsausgaben von Familien nachhaltig reduziert.

Zusätzlich sollten künftige Untersuchungen auch die grundsätzliche Einkommenssituation der jeweiligen Haushalte berücksichtigen. Internationale Studien zeigen, dass Familien in ärmeren Verhältnissen relativ mehr von ihrem Einkommen für Kinder aufwenden. Gerade wenn es um die Ausgestaltung von Transfers wie etwa der Mindestsicherung geht, die sich speziell an eben jene Haushalte richtet, muss dieser Aspekt berücksichtigt werden.

Nicht zuletzt stellt sich auch die Frage, was überhaupt gemessen werden soll. Jene Werte, die neben den direkten finanziellen Kosten auch die Bekämpfung sozialer Ausgrenzung und die Chance auf Verwirklichung und gesellschaftliche Partizipation zum Ziel haben, liegen deutlich über den berechneten Bandbreiten.

Zusammenfassend ist festzuhalten, dass eine Aktualisierung des momentanen Wissensstandes zu den Kosten von Kindern längst fällig ist. Dabei sollten Methoden angewandt werden, die sich an modernen wissenschaftlichen Erkenntnissen orientieren und speziell die österreichische Situation gut abbilden. Ebenso wichtig ist, dass die Methoden entsprechend modifiziert werden, damit der Lebensstandard von allen Haushalten ausreichend berücksichtigt wird.

Die Studie „Kosten von Kindern. Erhebungsmethoden und Bandbreiten“ finden Sie hier.

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