Von wegen Krankenstandsmissbrauch! Präsentismus ist das tatsächliche Problem in Österreich

„Volkssport Krankenstandsmissbrauch“, „Badewiese statt Backstube“, „Krankfeiern während der Kündigungsfrist“, „Ausgelassenes Federballspielen im Krankenstand“ oder ähnlich gelagerte Meldungen verunsachlichen den Diskurs über die Arbeitsunfähigkeit von Beschäftigten. Dabei zeigt die Entwicklung der krankheitsbedingten Fehlzeiten in Österreich einen rückläufigen Trend.

Der alleinige Fokus auf die Krankenstandsstatistik ist aber mitunter trügerisch, weil er ein anderes Phänomen ausblendet: das krank zur Arbeit gehen (Präsentismus). Die jüngst konstruierte Sozialmissbrauchsdebatte im Zusammenhang mit Krankenständen und dem Generalverdacht des Krankenstandsmissbrauches in einem oberösterreichischen Betrieb schaffen eines: ein Klima der Angst und Verunsicherung unter den ArbeitnehmerInnen. ArbeitnehmerInnen neigen dann eher dazu, betrieblichen Interessen zur Verfügung zu stehen und krank in die Arbeit zu gehen.

Vorwurf des Krankenstandsmissbrauches haltlos

Die Behauptungen, dass zwölf MitarbeiterInnen eines mittelständischen Mühlviertler Technologieunternehmens gleichzeitig und akkordiert in den Krankenstand gegangen sind, haben sich durch Recherchen und Äußerungen der Betroffenen in Luft aufgelöst. Vielmehr förderten diverse Medienberichte (Krankschreibungen in Oberösterreich: Protokoll der Angst, 18. Februar 2018, Der Standard.at; Gleichzeitig krankgemeldet: „Das war ein Hilferuf“, 15. Februar 2018, OÖNachrichten) frühkapitalistische Arbeitsbedingungen des betroffenen Betriebs ans Tageslicht, wie

  • massives Drängen zu regelmäßigen Überstunden bei gleichzeitigen Kündigungsdrohungen,
  • Kündigung von AbteilungsleiterInnen, die sich den MitarbeiterInnen gegenüber „zu kollegial“ verhielten,
  • hoher Arbeitsdruck und nach zehn Stunden ausstempeln müssen, damit es zu keinen Arbeitszeitverletzungen kommt und trotzdem (gratis) weitarbeiten müssen, damit man das Arbeitspensum schafft,
  • herabwürdigendes Verhalten von Vorgesetzten (Bossing) („Ich bringe euch alle um!“)
  • usw.

Schon seit Jahren wird versucht, kranke MitarbeiterInnen des Krankenstandsmissbrauches zu bezichtigen, der sich nach genauerer Recherche als unrichtig erwiesen hat. So wird bspw. einer krank geschriebenen Mitarbeiterin im August 2014 das Einkaufen von Lebensmitteln nicht zugestanden oder das Krankfeiern während der Kündigungsfrist als Normalität behauptet. Dabei zeigt die Statistik konstant niedrige Krankenstandsdaten, die in den vergangenen Jahren zwischen zwölf und 13 Tagen im Jahr pendeln.

Zu den Fakten: konstant niedrige Krankenstandswerte – weniger als zwei Wochen krank

Die ÖsterreicherInnen waren im Jahr 2016 etwas weniger im Krankenstand als im Jahr davor. Auch im langfristigen Vergleich sinken die Krankenstände in Österreich kontinuierlich. Diese Entwicklung ist in allen westeuropäischen Dienstleistungs- und Industrienationen beobachtbar. Im Durchschnitt bewegen sich die Arbeitsunfähigkeitstage der unselbstständig Beschäftigten schon seit Jahren auf konstant niedrigem Niveau. Im Jahr 2016 (aktuellste Daten) waren die unselbstständig Beschäftigten durchschnittlich 12,5 Kalendertage im Krankenstand. Umgerechnet und bereinigt um Wochenenden und Feiertage entspricht das 8,9 Arbeitstagen. Das bedeutet einen Rückgang von 1,3 Prozent gegenüber 2015 mit 12,7 Kalendertagen bzw. neun Arbeitstagen. Insgesamt waren ArbeitnehmerInnen im Jahr 2016 österreichweit 40.458.342 Tage im Krankenstand, verteilt auf 4.146.606 Krankenstandsfälle.

Ihren Höhepunkt hatten die krankheitsbedingten Fehlzeiten 1980 als pro unselbstständig Beschäftigte/r 17,4 Krankenstandstage anfielen. In den 1990er-Jahren und den 2000er-Jahren waren die Beschäftigten 14,5 und 13 Tage im Krankenstand.

Bild klicken für WIFO-Fehlzeitenreport 2017

 

Das kontinuierliche Sinken der Krankenstandszahlen im Zeitverlauf lässt sich nicht nur an einem Umstand erklären, sondern hat laut WIFO-Fehlzeitenreport 2017 vielfache Ursachen. Demnach wirkten sich die Reduktion der Arbeitsunfälle und die Verschiebung der Wirtschaftsstruktur in Richtung Dienstleistungen auf die Entwicklung der Fehlzeiten aus. Auch andere langfristige Entwicklungen, wie die Erhöhung der Teilzeitbeschäftigung und die Zunahme von atypischen Beschäftigungsverhältnissen, dürften die Krankenstandsquote gedämpft haben.

Vier von zehn fehlen keinen einzigen Tag

Die Entwicklung der Krankenstände ist ein wichtiger gesundheitspolitischer Indikator. Allerdings spiegelt dieser nicht automatisch das gesundheitliche Wohlbefinden der Beschäftigten wider. So können sich etwa die zunehmende Bereitschaft, krank arbeiten zu gehen (Präsentismus), und frühzeitige Austritte aus dem Erwerbsleben von Personen mit gesundheitlichen Einschränkungen vorteilhaft auf die Krankenstandsstatistik auswirken. Dabei sollte der Fokus viel eher auf die Präsentismus-Häufigkeit gelenkt werden als auf die verkürzte Sicht der Krankenstände. Will man über das gesundheitliche Wohlbefinden im Betrieb etwas wissen, so sollte man mehr auf die Gesundheit der Anwesenden achten.

34 Prozent der Beschäftigten in Österreich gehen krank zur Arbeit – meist aus Pflichtgefühl gegenüber dem Team (58 Prozent), weil es keine Vertretung gibt (35 Prozent) oder aus Angst vor Konsequenzen (18 Prozent), wie Kündigung, wenn sie nicht zur Arbeit kommen, so das Ergebnis des Arbeitsgesundheitsmonitors aus dem Jahr 2016.

Bei der Analyse der Inzidenz von Krankenständen fällt deutlich auf, dass die Krankenstände sehr ungleich verteilt sind und von einer kleinen Gruppe von Personen, die lange Krankenstandsepisoden haben und demnach chronisch oder schwer krank sind, verursacht werden. 39 Prozent der Versicherten waren 2016 in Oberösterreich keinen einzigen Tag im Krankenstand (OÖGKK 2016). Die Hälfte der Krankenstandstage entfällt derzeit auf 7,3 Prozent – auf Personen, die schwer bzw. chronisch krank sind. Das Gebot der Stunde ist, diese langen Ausfälle bestmöglich zu verhindern und in den Ausbau von präventiven Maßnahmen zu investieren. Weniger krankheitsbedingte Fehltage im Betrieb bedeuten noch lange keine gesunde Belegschaft. Betriebliche Anreize – wie Prämien, Boni oder Gutscheine – würden ArbeitnehmerInnen dann dazu bringen, auch krank in die Arbeit zu gehen. Das Vergleichen von Krankenstandsquoten sagt daher wenig über den tatsächlichen Gesundheitszustand der Belegschaft aus.

Krankenstandsursachen: Verteilung der Krankenstände nach Krankheitsgruppen

Der Krankenstand wird gegenwärtig vor allem durch Muskel-Skelett-Erkrankungen und jenen des Atemsystems geprägt. Insgesamt verursachen diese Erkrankungen etwa 50 Prozent der Krankenstandsfälle und 42 Prozent der Krankenstandstage. Das Ausmaß der Verletzungen an den Krankenstandsdiagnosen ist in den vergangenen Jahrzehnten deutlich gesunken. Von 23 Prozent im Jahr 1994 auf 16 Prozent 2016. Weiters gesunken ist auch die Zahl der Arbeitsunfälle. 2016 lag die Unfallquote bei 2.148,3 je 100.000 Versicherte und erreichte seit 1975 mit 5.945,5 je 100.000 Versicherte einen deutlichen Rückgang. Erstmals seit zehn Jahren kam es zu keinem weiteren Anstieg der Zahl von psychischen Erkrankungen, wenngleich der Anstieg seit Beginn der Jahrtausendwende bis 2015 ein deutlicher war. In diesem Zeitraum haben sich diese Krankenstände mehr als verdoppelt. Die drastische Zunahme der Krankenstände aufgrund psychischer Erkrankungen ist die bei weitem markanteste Entwicklung im Krankenstandsgeschehen dieser Jahre. Erstmals macht diese Krankheitsgruppe österreichweit beinahe zehn Prozent aller Krankenstandstage aus.

Auszug aus der Krankheitsgruppenstatistik 2016

 KrankenstandsfälleKrankenstandstageDauer der Fälle
Neubildungen0,9 %3,5 %38,5
KrankheitsgruppenAnteile in Prozent
Anteile in ProzentØ Anzahl in
Tagen
Krankheiten des Muskel-Skelett-Systems und des Bindegewebes13,2 %21,4 %15,8
Krankheiten des Atmungssystems37 %20,6 %5,4
Verletzungen und Vergiftungen8,2 %16,4 %19,4
psychische Störungen und Verhaltensstörungen2,4 %9,2 %37,2
Quelle: Fehlzeitenreport 2017

 

Ein durchschnittlicher Krankenstand aufgrund einer psychischen Erkrankung dauerte im Jahr 2016 37,2 Tage. Im Vergleich dazu dauert ein durchschnittlicher Krankenstand bei einem grippalen Infekt 5,4 Tage.

Emotionen raus – zurück zu den Fakten!

Das Konstruieren von Krankenstandsmissbrauchsdebatten und die Kriminalisierung kranker ArbeitnehmerInnen ist nicht zielführend. Eine objektivere, faktenorientierte Auseinandersetzung und letztlich eine entemotionalisiertere Debatte wäre wünschenswert! Wichtiger wäre es, krankmachende Faktoren, wie Termin- und Zeitdruck, mangelnde Unterstützung der MitarbeiterInnen, unzureichendes Führungsverhalten etc. zu analysieren und daraus im Rahmen der Evaluierung psychischer Belastungen gezielt Maßnahmen zu entwickeln und diese schrittweise in den Betrieben zu implementieren. In Betrieben mit hohen Krankenständen herrschen meist schlechte Arbeitsbedingungen vor. Kranke MitarbeiterInnen sollten sich in Ruhe im Krankenstand auskurieren können und nicht um ihren Job bangen müssen. Krank werden ist eine große Belastung. Noch schlimmer ist es, wenn während der Krankheit auch noch das Kündigungsschreiben nach Hause geschickt wird. Gehört man nicht zu einem besonders geschützten Personenkreis – Schwangere, Lehrlinge, begünstigte Behinderte – kann man jederzeit auch im Krankenstand gekündigt werden. Können sich Betriebe einfach aus der Verantwortung stehlen und kündigen, ist der Anreiz gering, eine Präventionskultur zu etablieren. Hierfür braucht es einen Kündigungsschutz im Krankenstand!

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