Markttransparenz, Herrschaftswissen und das Netz – ein Praxistest mit Zeitarbeitsfirmen

„Mit Hilfe des Webs werden Märkte besser informiert, intelligenter und fordernder hinsichtlich der Charaktereigenschaften, die den meisten Organisationen noch fehlen.“ Dieses Intro zum Cluetrain Manifesto – formuliert vor fast 20 Jahren – hat bis heute nichts an Aktualität eingebüßt: Unternehmen müssen vor den Augen einer kritischen Öffentlichkeit wenigstens minimalen ethischen Standards genügen. Tun sie das nicht, so ist mit einer gnadenlosen Offenlegung der Praktiken im Internet zu rechnen. So wie bei Nestlé. Das größte Industrieunternehmen der Schweiz wurde wegen der Zerstörung des indonesischen Urwalds an den Pranger gestellt:  1,5 Millionen Klicks verzeichnete das Greenpeace-Video „Give rainforests a break“, begleitet von einem Shitstorm auf der Nestlé-Facebookseite.

Cluetrain Manifesto

In 95 Thesen kleidet das Cluetrain Manifesto die Unterwanderung der Unternehmensmacht durch Social Media. Ausgewählte Aussagen eklektizistisch zusammengefügt, ergibt sich folgende Kompilation: „Die Menschen in den vernetzten Märkten haben herausgefunden, dass sie voneinander wesentlich bessere Informationen und mehr Unterstützung erhalten, als von den Händlern und Verkäufern. Unternehmen, die nicht realisieren, dass ihre Märkte jetzt von Mensch zu Mensch vernetzt sind, deshalb immer intelligenter werden und sich in einem permanenten Gespräch befinden, verpassen ihre wichtigste Chance. Als Märkte und Arbeitnehmer fragen wir uns, warum ihr uns nicht zuhört. Ihr scheint eine andere Sprache zu sprechen. Wir kennen ein paar Leute aus eurem Laden. Die sind ziemlich in Ordnung, wenn wir sie im Internet treffen. Versteckt ihr davon noch mehr? Können sie nicht rauskommen und mit uns spielen? Wir existieren sowohl innerhalb der Unternehmen, als auch außerhalb von ihnen. Wir wachen auf und verbinden uns miteinander.“

Whistleblowing

Klingt überzeugend, hat aber einen Haken: Die Verschwiegenheitspflicht der ArbeitnehmerInnen. Informationen, die rechts- und sittenwidrige Handlungen betreffen und der Kreditwürdigkeit oder dem Ruf des Arbeitgebers schaden können, dürfen erst dann preisgegeben werden, wenn unternehmensinterne Schritte erfolglos geblieben sind. Ein schmaler Grat, wie das deutsche Netzwerk der Whistleblower  feststellt. Gefordert wird effektiver gesetzlicher Schutz, denn erst Whistleblower würden dafür sorgen, dass zu wichtigen gesellschaftlichen Fragen überhaupt ein demokratischer Diskurs stattfinden kann. Natürlich ist Whistleblowing auf das Engste mit der Offenlegung von Herrschaftswissen verbunden. Als knappes Gut ist es per definitionem nur den Machthabern vorbehalten. Nur sie dürfen wissen, nach welchen Regeln wirklich gespielt wird. Julian P. Assange und Edward J. Snowden sind beredte Beispiele dafür, welch fundamentalen Diskurs das Durchbrechen von Tabu- und Verschwiegenheitskonventionen auslösen kann. Heroen oder Verräter?

Markttransparenz

„Wir existieren sowohl innerhalb der Unternehmen, als auch außerhalb“ heißt es im Cluetrain-Manifest. Herkömmlicherweise gibt es einerseits Insider-InformantInnen und andererseits politische AkteurInnen (meist NGOs), die auf der Grundlage dieser Information kampagnisieren. Was hochkocht und was aufgegriffen wird, bleibt dabei nur allzu oft dem Zufall überlassen. Man ist noch weit von eine systematischen und umfassenden Transparenz entfernt, die für VerbraucherInnen und politische AkteurInnen handlungsleitend werden kann. Allerdings zeigt die Beurteilung von Unternehmen auf Plattformen wie Arbeitgebercheck oder Kununu, dass die Kommunikation zwischen Insidern und Outsidern an Dynamik gewinnt. Am Beispiel der Personalbereitstellungsfirma Manpower GmbH und dem Personaldienstleister Powerserv sollen die Eckpunkte einer  Social-Media-Kommunikation über Zeitarbeitsfirmen aufgezeigt werden. Die Manpower GmbH ist eine Marke der ManpowerGroup mit Niederlassungen in mehr als 80 Ländern. Das Unternehmen versteht sich als einer der versiertesten Personalberater Österreichs mit 20 Büros hierzulande und ca. 200 internen MitarbeiterInnen. Powerserv sieht sich selbst als führender österreichischer Personaldienstleister, komplett unabhängig von internationalen Investoren. Österreichweit verfügt Powerserv über 33 Filialen mit ca. 150 Beschäftigten.

Arbeitgeber-Bewertung von Zeitarbeitsunternehmen

Sowohl Manpower als auch Powerserv werden laufend auf Kununu bewertet: 41 Manpower-MitarbeiterInnen und 27 Powerserv-Beschäftigte  haben bisher ihre Wertung abgegeben. Grundlage der Bewertung  sind 13 verschiedene Dimensionen, vom Vorgesetztenverhalten über Gehalt & Benefits bis zum Umwelt- und Sozialbewusstsein. Nach dem Hotel-Klassifikationsmodell erhält Powerserv 2,6 von maximal fünf erreichbaren Sternen und Manpower 3,4 Sterne. Manpower wird also von den MitarbeiterInnen besser klassifiziert als Powerserv, was durch die Werte in den Unterdimensionen bestätigt wird.  Eine 2013 von der GEDIFO-CoP „Zeitarbeit“ durchgeführte Online-Umfrage bei BetriebsrätInnen von Beschäftigerbetrieben bestätigt dieses Resultat. Insgesamt haben 48 BetriebsrätInnen an dieser Erhebung teilgenommen und 133 Arbeitskräfteüberlasserfirmen nach dem Schulnotenprinzip klassifiziert. Nimmt man den Mittelwert aus den Scores in den sechs abgefragten Bewertungsdimensionen, so ergibt sich für die fünf meistgenannten Unternehmen das nachfolgend dargestellte Bild.

Leiharbeitsfirma

Insgesamt fällt auf, dass sich die Bewertungen in einer relativ engen Bandbreite zwischen “gut” und “befriedigend” bewegen. Eine Gliederung nach den konkreten Dimensionen zeigt folgendes Stärke-Schwäche-Profil für Manpower:

Bestwerte erzielt Manpower

  • bei der Information ihrer Leiharbeitskräfte über ihren Arbeitseinsatz,
  • bei der korrekten Abrechnung,
  • bei der Betreuung der Leiharbeitskräfte und
  • bei der Behandlung von zurückgestellten Arbeitskräften.

 Verbesserungspotenzial gibt es

  • bei der kollektivvertraglichen Einstufung der Leiharbeitskräfte und
  • beim Zugang zu den Sozialleistungen

Freiheit und die Grenzen der Transparenz

Sind derartige Ratings überhaupt zulässig? Ja, meint der Mediengesetzexperte Thomas Höhne, solange das Publikum nicht irregeführt und durch die Darstellung der Ergebnisse manipuliert wird. Die Bewertung muss nachvollziehbar sein und die Ergebnisse müssen der Wahrheit entsprechen. Jedenfalls dürfen im Fall einer gekürzten Darstellung die Ergebnisse der Bewertung nicht verfälscht werden. Markttransparenz braucht Insider-Informationen. Natürlich mit entsprechenden gesetzlichen Rahmenbedingungen. Auch zum Schutz der Whistleblower. Dem deutschen Whistleblower-Netzwerks zufolge wird dies mittlerweile von allen Oppositionsfraktionen im deutschen Bundestag gefordert. Nur die Regierungsparteien sehen keinen Handlungsbedarf. Und in Österreich…?