Die Wirtschaft schwächelt, deshalb braucht es höhere Löhne

Bleiben die Löhne hinter den Gewinnen und Vermögenseinkommen zurück, dann bremst das das die Wirtschaftsentwicklung und zerstört Arbeitsplätze. Die Frage der funktionellen Einkommensverteilung, also wie sich das Einkommen einer Volkswirtschaft auf Löhne und Gewinne verteilt, ist eine der fundamentalsten der Ökonomie. Bereits der klassische britische Ökonom David Ricardo hat sie Anfang des 19. Jahrhunderts als „principal problem in Political Economy“ bezeichnet.

Die Rolle der funktionellen Einkommensverteilung

In der vom ökonomischen Mainstream gerne zitierten neoklassischen Produktionstheorie werden Löhne vor allem als Kostenkomponente betrachtet, die den Preis eines Produkts nach oben treibt und somit die Nachfrage nach Produkten und nach Arbeit senkt. Ausgeblendet wird dabei jedoch, dass eben jene Nachfrage nach Gütern und Dienstleistungen in hohem Maß gerade durch Lohneinkommen generiert wird. Bereits Karl Marx stellte im 19. Jahrhundert fest, dass eine unzureichende Lohnentwicklung zu einer sog. Unterkonsumptionskrise führen kann. Auch während des 20. Jahrhunderts wurde von vielen ÖkonomInnen (vgl. Amit Bhaduri – On the Dynamics of Profit- and Wage-led Growth S. 16) klargestellt, dass die neoklassische Sichtweise das Verhältnis von Produktion, Nachfrage und funktioneller Verteilung nur unzureichend erklärt.

Löhne sind nicht nur Kosten für die Unternehmen und tragen damit zur Bestimmung der Wettbewerbsfähigkeit bei, sondern auch Einkommen für die ArbeitnehmerInnen und haben damit erheblichen Einfluss auf die Konsumnachfrage. Lohneinkommen weisen eine merklich höhere Konsumquote auf als Kapitaleinkommen. Das heißt, dass der Anteil der Konsumausgaben in Relation zum Gesamteinkommen bei den Löhnen höher liegt, wodurch sie zu einem essentiellen Faktor für die gesamtwirtschaftliche Nachfrage werden.

Während der letzten Jahre kam es in den führenden internationalen wirtschaftspolitischen Institutionen OECD und Internationaler Weltwährungsfonds (IWF) zu einem Grundlegenden Umdenken in puncto Verteilung, was durch die Wirtschafts- und Finanzkrise zusätzlich verstärkt wurde:

Laut OECD nahm die personelle Einkommensungleichheit, also die unterschiedliche Verteilung von Einkommen zwischen individuellen Personen, in den Jahren vor der Krise beträchtlich zu Empirische Studien zerstreuen laut OECD den Mythos, dass steigende Spitzeneinkommen über trickle-down-Effekte die Gesamtwohlfahrt steigern („The evidence from this work also dispelled the myth that as the rich get richer, the benefits trickle down and boost jobs and wealth for everyone.“)

Der IWF beurteilt die Entwicklung der Löhne vorrangig nach ihrer Wirkung auf das Wirtschaftswachstum und die Beschäftigung. Insofern wird zwar festgehalten, dass die Höhe der Lohnabschlüsse nicht über dem Produktivitätswachstum liegen soll, um die Wettbewerbsfähigkeit nicht zu schwächen, gleichzeitig wird aber betont, dass Mindestlöhne und Gewerkschaften wichtige Institutionen zur Wahrung des Verhandlungsgleichgewichts zwischen Unternehmen und ArbeitnehmerInnen darstellen:„minimum wages and collective bargaining institutions are necessary to help level the playing field in terms of bargaining between firms and workers.“

Gewinne sagen nichts über das Investitionspotenzial aus

Häufig wird argumentiert, hohe Gewinne seien unentbehrlich, um „Investitionen tätigen zu können“. Investitionen hängen aber weniger von den bereits realisierten Gewinnen, sondern vielmehr von den Absatzerwartungen und damit den Erwartungen in Bezug auf zukünftige Gewinne ab. Würden Investitionen bloß aus realisierten Gewinnen finanziert, gäbe es etwa keinerlei Finanzierung durch Fremdkapital.

Investitionen schmälern zudem nicht den Gewinn, sondern führen gewinnneutral zu einer Bilanzverlängerung. Einfluss auf den Gewinn haben Investitionen nur in Form der jährlichen Abschreibungen. In anderen Worten: Investitionen verringern keine Gewinne, -schmälernd wirkt nur ihre jährliche Wertminderung. Der oben beschriebene Anteil der Abschreibungen an der Wertschöpfung ist also ein Indikator für die Kapitalintensität.

Innovationsdruck erhöht den „Wohlstand der Nationen“

Hohe Arbeitslöhne motivieren Unternehmen dazu, langfristig menschliche Arbeit durch Maschinen zu ersetzen. Es entsteht ein technologischer Innovationsdruck der langfristig die Technologieintensität und damit die Produktivität erhöht. Höhere Produktivität bedeutet, dass pro eingesetzter Arbeitsleistung eine höhere Wertschöpfung erzielt wird. Bereits Adam Smith, der als Begründer der klassischen Nationalökonomie gilt, stellte 1776 richtigerweise fest, dass eine höhere Arbeitsproduktivität die Grundlage des „Wohlstands der Nationen“ ist. Tatsächlich sind technologische, organisatorische und soziale Innovationen und der damit einhergehende Anstieg der Produktivität, speziell im Landwirtschafts- und Produktionsbereich, dafür verantwortlich, dass sich die breite Masse der arbeitenden Bevölkerung in den Industrienationen heute mit weniger Arbeitsstunden einen höheren Lebensstandard leisten kann als beispielsweise vor fünfzig Jahren. In Ländern ohne starke institutionalisierte ArbeitnehmerInnenvertretungen, beispielswiese im südasiatischen Raum, liegt das Produktivitätsniveau (gemessen am BIP pro Kopf) bei etwa 1/30 von jenem Österreichs.

Auch die Agenda Austria, die den Bedarf nach hohen Löhnen grundsätzlich für einen „Mythos“ hält, erkennt deren gesamtwirtschaftliche Funktion im Handbuch zur intellektuellen Selbstverteidigung: „Höhere Löhne verteuern die Arbeit relativ zu den Maschinen. Also werden Firmen versuchen, die höheren Lohnkosten durch Automatisierung, Rationalisierung und einen verstärkten Kapitaleinsatz zu kompensieren. In weiterer Folge ersetzen Maschinen die Menschen.“

Wertschöpfung verteilt sich auf Sachkapital, ArbeitnehmerInnen und EigentümerInnen

Die durch steigende Produktivität gestiegene Wertschöpfung verteilt sich auf drei wesentliche Wertschöpfungskomponenten. Zunächst muss sie verwendet werden, um den Wertverlust am Maschinenbestand zu kompensieren, was als Abschreibung des Sachkapitals bezeichnet wird. Im Produktionsbereich betrug der Anteil der Abschreibungen an der gesamten Wertschöpfung im Jahr 2012 12 %. Die restlichen 88 % der Wertschöpfung verteilen sich auf Löhne und Nettobetriebsüberschüsse.

Im Sachgüterproduktionsbereich lag der Anteil der Löhne an der Brutto-Wertschöpfung 2012 bei 62 %, jener der Nettobetriebsüberschüsse bei 26 %. Gleichzeitig sind im Produktionsbereich 97 % der Beschäftigten unselbständig beschäftigt, während 3 % selbständig beschäftigt sind. Sofern unselbständig Beschäftigte keine Anteile (Aktien oder sonstige Beteiligungen) an Unternehmen halten, ergibt sich folgende Relation: 62 % der Wertschöpfung kommen den 97 % unselbständig Beschäftigten zugute, auf die 3 % Selbständigen und weitere KapitaleignerInnen entfallen 26 % der Wertschöpfung, die Abschreibungen auf das Sachkapital betragen 12 % der Wertschöpfung. Diese Ungleichverteilung zwischen unselbständig Beschäftigten und EigentümerInnen wird häufig damit gerechtfertigt, dass hohe Gewinne notwendig wären um Investitionen zu gewährleisten, was sich bei genauerer Betrachtung als unrichtig herausstellt.

Alle Wertschöpfungskomponenten sind Kostenkomponenten

Gewinne sind kein Indikator für Investitionen in Sachkapital sondern für das Einkommen der AnteilseignerInnen und Selbständigen auf Personenebene – genauso wie Löhne die Entlohnung der ArbeitnehmerInnern widerspiegeln. Beide Entlohnungsformen können aus ProduzentInnenperspektive als Wertschöpfungskomponenten betrachtet werden – aus NachfragerInnenperspektive handelt es sich bei beiden Faktoren um Kostenkomponenten, die gleichermaßen den Preis erhöhen.

Heruntergebrochen auf den Preis eines einzelnen Stücks kann man gleichermaßen eine Dekomposition in Lohnstückkosten und Gewinnstückkosten vornehmen. In der Diskussion über preisliche Wettbewerbsfähigkeit vergegenwärtigt diese Betrachtungsweise sehr deutlich, dass sowohl die Lohnhöhe als auch die Profithöhe die preisliche Wettbewerbsfähigkeit negativ beeinflussen.

Sinkende Lohnanteile zugunsten höherer Profite

Auf Mainstream-ökonomischer Seite wird häufig argumentiert, dass eine sinkende Lohnquote (in diesem Fall der Anteil der gesamten ArbeitnehmerInnenentgelte am BIP) eine naturgegebene Konsequenz des technologischen Fortschritts sei. Engelbert Stockhammer von der Kingston University zeigte durch empirische Untersuchungen im Jahr 2009, dass der Rückgang der Lohnquote vielmehr von zunehmender Globalisierung und einer Schwächung der Gewerkschaften ausgeht – also nicht durch höhere Kapitalintensität sondern durch höhere Profitraten bedingt ist.

Fazit

Die Bedeutung der Löhne für eine dynamische und stabile Volkswirtschaft resultiert aus mehreren Faktoren. Zum einen bewirkt der größere Konsumanteil von Lohneinkommen im Verhältnis zu Kapitaleinkommen eine Stimulierung der Nachfrage nach Unternehmensprodukten. Zum anderen befördern hohe Arbeitslöhne bei Unternehmen technologischen Innovationsdruck zur Steigerung der Produktivität. Entgegen allgemeiner Behauptungen führen hohe Unternehmensgewinne und Vermögenseinkommen nicht zwingend zu vermehrten Investitionen, da letztere nicht von der theoretisch zur Verfügung stehenden Geldsumme, sondern primär von den Absatzerwartungen der Unternehmen abhängen. Aus preislicher Perspektive sind Gewinne, ebenso wie Löhne, Komponenten der Wertschöpfung und beeinflussen als solche die Höhe der Produktpreise. ArbeitnehmerInnenfreundliche Lohnpolitik ist daher nicht nur eine soziale Frage, sondern auch essentiell für das Funktionieren der Gesamtwirtschaft.

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