Das Geschlecht macht den Unterschied am Arbeitsmarkt

Immer wieder wird versucht, den Gender Gap klein zu rechnen. Zwei neue Studien zeigen jedoch, dass noch viel Raum bis zur tatsächlichen Gleichstellung von Frauen und Männern am Arbeitsmarkt vorhanden ist.

Der vom Wirtschaftsforschungsinstitut (Wifo) im Auftrag des AMS erstmals berechnete „Gleichstellungsindex Arbeitsmarkt“ weist auf Datenbasis 2013 einen Frauenwert von 71% aus. Gleichstellung wäre bei 100% erreicht.

Eine weitere Studie von Synthesis Forschung „Das Geschlecht macht den Unterschied am Arbeitsmarkt“ zeigt darüber hinaus auf, wie sich die Ungleichstellung im Laufe der Erwerbsbiographie entwickelt.

Was zeigt der Gleichstellungsindex Arbeitsmarkt?

Vier Bereiche werden beim Index betrachtet: Arbeit, Einkommen, Bildung und Familie. Aus diesen werden insgesamt 30 Variablen erhoben, die zu Teilindizes und einen Gesamtindex hochgerechnet werden. Diese ermöglichen einen raschen Überblick und die Beobachtung von Veränderungen der Gleichstellung am Arbeitsmarkt. Die ausgewählten Indikatoren bilden verschiedenste Lebensphasen von Frauen und Männern ab und nehmen auch die Arbeitsmarkt-Schnittstellen bzw. die Übergänge von Ausbildung in Beschäftigung und von Familie und Beschäftigung in den Blick.

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Alle Indikatoren werden als Frauenwert in Prozent des Männerwerts dargestellt. Der Gesamt-Indexwert liegt bei 71%. Frauen sind bei 7 von 30 Indikatoren etwas besser gestellt als Männer. Der women disadvantage index – der “Nachteilsindex” für Frauen – zeigt im Vergleich zum men disadvantage index aber deutlich, dass die Ungleichstellung in hohem Ausmaß einseitig zu Lasten der Frauen geht.

Bildung allein führt nicht zu mehr Chancengleichheit

Frauen haben ihre „Hausaufgaben“ gemacht und in der Bildung aufgeholt. Speziell bei den jungen Frauen ist der Anteil der MaturantInnen und UniabsolventInnen über jenem der Männer. Frauen investieren auch deutlich mehr in ihre Weiterbildung. Insofern sind die bildungsspezifischen Indikatoren die einzigen, in denen Frauen mehrheitlich die Ergebnisse der Männer übertreffen.

Gleichzeitig zeigt sich aber auch eine gegenläufige Tendenz im unteren Bildungssegment, in dem eine etwas höhere Anzahl an jungen Frauen weder in Ausbildung noch in Arbeit sind.

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Die Synthesis-Studie „Das Geschlecht macht einen Unterschied am Arbeitsmarkt zeigt, dass Frauen und Männer den Berufseinstieg relativ gleich gut schaffen. Allerdings starten die jungen Frauen bei gleichen Voraussetzungen (nach Ausbildung, Branche, Beruf, Stadt/Land und Migrationshintergrund) bereits mit einem Einkommensnachteil von 12%. Dieser Pay Gap erhöht sich im Laufe von 15 Jahren auf 43%.

Interessant in der Synthesisstudie ist, dass einerseits statistische Paare untersucht werden, die unter gleichen Ausgangsbedingungen ins Berufsleben starten und diese mit allen BerufseinsteigerInnen eines Jahres verglichen werden. Bei letzteren liegt der Einkommensgap zwischen Frauen und Männern am Anfang des Berufslebens bereits bei 26%. Da davon auszugehen ist, dass die Arbeitszeit am Beginn der Karriere bei den statistischen Paaren annähernd gleich verteilt ist, bedeutet das, dass die unterschiedliche Ausbildungswahl einen Effekt von 14% ausmacht – und damit nicht als die hauptsächliche Erklärung für die unterschiedliche Positionierung am Arbeitsmarkt herhalten kann.

Frauen haben sich auf dem Arbeitsmarkt positioniert

Frauen beteiligen sich in hohem Ausmaß am Arbeitsmarkt und schneiden im Teilbereich Arbeitslosigkeit etwas besser ab als Männer. Das Ausmaß der Ungleichstellung der Frauen im Bereich Arbeit wird damit aber kaum gemildert. Dies liegt einerseits an der unterschiedlichen Arbeitszeit, vor allem aber an den unterschiedlichen Aufstiegschancen.

Dies schlägt sich auch im Einkommen deutlich nieder, neben dem generell hohen Anteil von Frauen im Niedriglohnbereichen und den branchenspezifischen Unterschieden.

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Im Blick der Gleichstellung: die Aufteilung der Familienarbeit

Kinder haben Väter und Mütter. Während sich das Vorhandensein von Kindern im Haushalt kaum auf den Erwerbsverlauf von Männern auswirkt, unterbrechen Frauen durchschnittlich ihre Berufstätigkeit für mehrere Jahre, übernehmen den Großteil der unbezahlten Betreuungsarbeit und kehren im Anschluss auf Teilzeitbasis zurück.

Familiäre Verpflichtungen prägen also das Erwerbsverhalten der Frauen und tragen in hohem Ausmaß zur Ungleichstellung auf dem Arbeitsmarkt bei.

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Die Indexzahl Familie bezieht sich nur auf Frauen und Männer mit Kindern. Männer gehen nicht nur seltener und kürzer in Karenz, sie müssen auch – im Unterschied zu den Frauen – im Anschluss kaum Einkommenseinbußen hinnehmen.

Laut Studie von Synthesis führt eine einseitige Unterbrechung der Frau des statistischen Vergleichspaares zu einem Pay Gap von 60%. Aber auch bei Paaren, bei denen keiner der beiden  unterbrochen hat, steigt der Einkommensgap im Erwerbsverlauf auf 20% zu Lasten der Frau!

Gleichstellung im Bundesländervergleich

Neu am Gleichstellungsindex des Wifo ist auch, dass ein durchgehender Vergleich aller Indikatoren auf Bundesländerebene ermöglicht wird. Dabei zeigt sich durchgehend das Bild, dass alle Bundesländer relativ nahe beisammen liegen und Wien jeweils eine Sonderstellung einnimmt. Dabei spielt die städtische Region mit einem hohen Anteil an öffentlich Bediensteten und dem flächendeckenden Angebot ganztägiger Kinderbetreuung eine besondere Rolle. Innerhalb der Bundesländer sind – auch in Wien – deutliche Disparitäten zu erkennen.

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Generell gilt jedenfalls, dass neben der Überwindung traditioneller Geschlechterrollen und Berufsbilder eine Erhöhung der Väterbeteiligung bei der Kindererziehung und im Haushalt ebenso einen wesentlichen Beitrag zur Reduktion geschlechtsspezifischer Ungleichheiten leisten könnte, wie eine umfassende Bereitstellung qualitativ hochwertiger Betreuungsinfrastruktur .

2016 wird die Studie Gleichstellungsindex Arbeitsmarkt fortgesetzt.

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