Ländervergleich: ÖsterreicherInnen arbeiten schon jetzt länger als andere

Die Regierung dehnt gerade die Höchstarbeitszeiten und zulässigen Überstunden massiv aus. Die Frage ist: Wozu soll das notwendig sein? Der Ländervergleich zeigt: ArbeitnehmerInnen in Österreich arbeiten jetzt schon länger als andere.

Künftig sollen je Woche 20 Überstunden möglich sein und damit Wochenarbeitszeiten von 60 Stunden ermöglicht werden. Derart lange Arbeitszeiten waren bislang im Einzelfall zur Verhinderung unverhältnismäßiger wirtschaftlicher Nachteile möglich. Sie mussten jeweils mit der Vertretung der ArbeitnehmerInnen, dem Betriebsrat, in Betriebsvereinbarungen vereinbart werden. Die Neuregelung bedarf keiner Betriebsvereinbarung mehr. ArbeitgeberInnen können künftig einfach den 12-Stunden-Tag anordnen, ohne Zustimmung des Betriebsrates und de facto auch ohne Zustimmung der ArbeitnehmerInnen. Es wird bei Beschluss des Initiativantrags der Regierung möglich sein, legal bis zu 13 Wochen am Stück 60 Stunden lang zu arbeiten.

Die Frage ist: Wozu soll das notwendig sein?

Die Industriellenvereinigung zeichnet ein völlig falsches Bild, wonach die Arbeitszeiten in Österreich extrem restriktiv geregelt sind. In ihrem Forderungsprogramm „Österreich kann Mehr!“ vom letzten Jahr behauptet die IV, dass Österreich „im europäischen Vergleich ein nicht mehr zeitgemäßes und zu restriktives Arbeitszeitrecht“ habe. Und weiter: „Es braucht mehr Freiheit für gemeinsame, sachorientierte Lösungen auf Betriebsebene. Schweden, Norwegen oder Dänemark zeigen es vor, z. B. mit mehr Spielraum bei der Tagesarbeitszeit.“ Die IV verweist auch darauf, dass man in Norwegen und Schweden bis zu 13 Stunden täglich arbeiten darf. Anscheinend sind auch die zwölf Stunden nicht genug. Die WKO hat dieses Wording übrigens übernommen.

Aber was ist zu diesem Vergleich zu sagen?

In Österreich besteht wirklich nicht das Problem, dass die Menschen zu wenige Überstunden machen oder gar zu kurz arbeiten würden. Gerade der Vergleich mit den Ländern, die die IV anführt, ist äußerst aufschlussreich. Dort sind sowohl die vereinbarten als auch die tatsächlich geleisteten Arbeitszeiten weitaus kürzer als in Österreich.

Die vereinbarten Arbeitszeiten liegen in Österreich pro Jahr – unter Berücksichtigung von Feiertagen und Urlauben – sogar 43 bis 103 Stunden über denen von Finnland, Dänemark und Schweden. Bei uns müssen Vollzeitbeschäftigte also im Ausmaß von ein- bis zweieinhalb Wochenarbeitszeiten länger arbeiten, um ihre vereinbarte Arbeitszeit zu erfüllen. In den skandinavischen Ländern sind kürzere Arbeitszeiten in den Kollektivverträgen vereinbart. Man sieht: Arbeitszeitverkürzung funktioniert und ist gerade in den wettbewerbsfähigen Staaten Nordeuropas Praxis.

Aber auch ein Blick auf die üblicherweise geleisteten Arbeitszeiten zeigt, dass dort kürzer gearbeitet wird. In Österreich ist die effektive Arbeitszeit der Vollzeitbeschäftigten weitaus höher als die vereinbarte Normalarbeitszeit. Grund sind eine Vielzahl von Überstunden und Mehrarbeit. Wir haben die drittlängsten Arbeitszeiten in der EU und liegen mit 41,4 Stunden um 3,6 Stunden pro Woche weit über Dänemark!

 Vereinbarte Jahresarbeitszeit, Stand: 2016 (KV)Differenz zu ÖsterreichEffektive Arbeitszeiten der Vollzeitbeschäftigten 2016Vereinbarte Wochenarbeitszeit
Österreich1.738,20-41,438,8
Finnland1.695,0043,239,137,5
Schweden1.664,3073,939,937,2
Dänemark1.635,40102,837,837,0
Quelle: Vereinbarte Jahreszeit: Tarifarbeitszeit von Arbeitnehmern 2016, WKO Übersicht auf Basis von „Working time developments – 2016“ der European Foundation for the Improvement of Living and Working Conditions. Geleistete Arbeitszeiten: Eurostat

Es ist vollkommen absurd: Die Industriellenvereinigung argumentiert längere zulässige Arbeitszeiten genau mit dem Hinweis auf jene Länder, die real zu der Ländergruppe mit den kürzesten Arbeitszeiten in Europa zählen.

Ein weiteres Plus der skandinavischen Länder besteht darin, dass diese an der Spitze der Länder stehen, in denen ArbeitnehmerInnen die Arbeitszeit selbst bestimmen können und viele Wahlmöglichkeiten haben. Im Regierungsantrag zu den Arbeitszeitänderungen sind hingegen keinerlei Wahl- und Gestaltungsrechte für ArbeitnehmerInnen vorgesehen.

Was wäre wirklich notwendig?

Wenn man also die Arbeitszeitregelungen jener Länder als Vorbild heranzieht, auf die die IV verweist, dann müsste man in Österreich die Arbeitszeiten verkürzen und den ArbeitnehmerInnen mehr Rechte geben, die Arbeitszeiten selbst zu gestalten.

In Österreich ist das Arbeitsvolumen sehr ungleich verteilt. Einerseits haben wir sehr lange Arbeitszeiten bei den Vollzeitbeschäftigten, andererseits die zweithöchste Teilzeitquote.

80 % der Teilzeitarbeitsplätze fallen auf Frauen und 65 % der Vollzeitarbeitsplätze auf Männer. Wenn jetzt der 12-Stunden-Tag generell zulässig wird, wird das die ungleiche Verteilung der bezahlten und unbezahlte Arbeit zwischen Männern und Frauen noch mehr verschärfen. Denn nur wer von Betreuungspflichten freigespielt ist, kann zwölf Stunden arbeiten. Diese Veränderung ist daher rückschrittlich und es ist in hohem Ausmaß zynisch und weltfremd, wenn die Industriellenvereinigung dies als Beitrag zur besseren Vereinbarkeit von Beruf und Familie darstellt.

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