Wir meinen Millionäre: aber wer ist das?

Junge Familien mit Einfamilienhaus in der Idylle, kleine Familienbetriebe, in denen der Chef (und seltener die Chefin) jedeN beim Vornamen anspricht und zu Weihnachten ein persönliches Geschenk überreicht. Beschleicht Sie der Verdacht, dass hier sehr wohlhabende Haushalte beschrieben werden? Stellen Sie sich so den idealtypischen Millionärshaushalt vor, also ein Haushalt, der nach Abzug sämtlicher Schulden zumindest 1 Mio. Euro besitzt? Die Interessensvertretungen von Kapital- und VermögensbesitzerInnen möchten uns das auf großen Plakatwänden einreden. Doch die Daten zeigen: Dieses Bild trifft nicht die Realität, denn Millionärshaushalte sehen ganz anders aus.

Die Nationalbank-Daten des HFCS (Household Finance and Consumption Survey) 2010 belegen, dass es zwar nicht viele Millionärshaushalte in Österreich gibt, diese aber über einen sehr großen Anteil des Gesamtvermögens verfügen. Sie repräsentieren etwa 170.000 von rund 3,77 Mio. Haushalten in Österreich, was grob gerundet ein Zwanzigstel aller Haushalte entspricht. Sie können knapp die Hälfte des gesamten Nettovermögens ihr Eigen nennen. Da superreiche Haushalte in Vermögenserhebungen erfahrungsgemäß unterrepräsentiert sind, kann diese Untererfassung am oberen Verteilungsrand mittels fundierter Statistik korrigiert werden. Dann besitzen die reichsten 5% etwa 58% des Vermögens. Im Umkehrschluss bedeutet das: 95% aller Haushalte besitzen weniger als 1 Mio. Euro Nettovermögen.

Sozioökonomische Charakteristika der Millionärshaushalte

Unterscheiden sich Millionärshaushalte nun von den restlichen 95% in Bezug auf Bildung, Alter, Haushaltsgröße und ähnliche Aspekte im Vergleich zur gesamten Bevölkerung?

Bevor auf das Inhaltliche eingegangen werden kann, muss an dieser Stelle noch auf Methodisches hingewiesen werden: Während Vermögen im HFCS einem Haushalt zugeordnet wird, hat ein Haushalt an sich keinen Bildungsgrad, sondern nur die einzelnen Haushaltsmitglieder. Somit muss eine Auswahl getroffen werden, welche Person mit ihren sozioökonomischen Charakteristika den gesamten Haushalt repräsentiert. Alle Berechnungen wurden mit unterschiedlichen Konzepten für diese Wahl durchgeführt: die Person mit dem höchsten Einkommen, dem höchsten Bildungsabschluss, dem höchsten Alter und die Person, mit der die HFCS-Erhebung durchgeführt wurde. Unabhängig von dieser Auswahl bleiben die Ergebnisse allerdings qualitativ unverändert.

Wer sind nun die Millionärshaushalte? Auch wenn innerhalb der reichsten 5% eine Heterogenität herrscht, gibt es einige Charakteristika, die diese Gruppe vom Durchschnitt der Bevölkerung abheben (abgesehen vom Vermögen natürlich). Millionärshaushalte sind vor allem in selbstständigen Berufen tätig und machen hier einen Anteil von etwa 42% aus (zum Vergleich: der Anteil der Gesamtbevölkerung in der Selbstständigkeit beläuft sich auf 9%). Spiegelverkehrt verhält es sich mit unselbstständig Beschäftigten: während der Anteil in der Gesamtbevölkerung bei etwa 46% liegt, beträgt er unter den Millionärshaushalten nur rund 20%. Die selbstständigen MillionärInnen sind vor allem in akademischen und technischen Berufen tätig, interessanterweise aber auch besonders oft in der Landwirtschaft (etwa 10mal häufiger im Vergleich zur Gesamtbevölkerung). Auch bezüglich der Bildungsniveaus gibt es ein klares Bild: Der Anteil von AkademikerInnen unter den Millionärshaushalten ist fünfmal so groß wie in der Gesamtbevölkerung.

Quellen des Reichtums oder: Liebe vergeht, Hektar besteht

Doch die eigentlichen Alleinstellungsmerkmale der obersten 5% sind eindeutig Erbschaften und Unternehmensbeteiligungen. Während in der unteren Hälfte der Haushalte – wenn überhaupt – fast ausschließlich (relativ wenig) Geld vererbt wird, spielen geerbte Hauptwohnsitze (aber auch Finanzvermögen) in der oberen Hälfte eine immer größer werdende Rolle für das Gesamtvermögen. Erst sehr weit oben in der Verteilung werden sowohl der Hauptwohnsitz als auch nennenswerte weitere Vermögenswerte gemeinsam geerbt. Etwa drei Viertel der Millionärshaushalte haben bereits ein Erbe erhalten, das neben Geldvermögen auch Immobilien und weiteres Vermögen (Unternehmen, Wertpapiere, Kunst, etc.) beinhaltet. Die reichsten 5% der Haushalte haben nach heutigem Wert im Durchschnitt ein Vermögen von ungefähr 800.000 Euro geerbt. Erst vor kurzem bestätigte eine Studie: Die ungleiche Verteilung von Erbschaften ist der größte Treiber der gesamten Vermögensungleichheit.

Unternehmensbeteiligungen spielen in den reichsten 5% mit zunehmendem Ausmaß eine gewichtige Rolle, auch für die laufenden Einkommen. In der folgenden Abbildung ist der Anteil der Haushalte mit Unternehmensbeteiligungen nach den drei Wirtschaftssektoren abgebildet. Ab dem 90. Perzentil steigt der Anteil der Haushalte mit Unternehmensbesitz deutlich an, vor allem in der Landwirtschaft (primärer Wirtschaftssektor). Unter den Millionärshaushalten sind somit 11mal häufiger Haushalte mit landwirtschaftlichem Betriebsvermögen zu finden als in der Gesamtbevölkerung.

Betriebsvermoegen

Fazit

Die Auswertungen zu den sozioökonomischen Charakteristika der Vermögensverteilung zeigen, dass die Kampagnen mit jungen Familien und kleinen Tischlereibetrieben nicht das wahre Gesicht von Millionärshaushalten zeichnen, sondern die tatsächlichen Zustände verschleiern. Mit nur einem (abbezahlten) Einfamilienhaus kommt kaum jemand unter die Millionärshaushalte. Vielmehr sind es große Unternehmensbeteiligungen oder erkleckliche Erbschaften, die diese Gruppe charakterisieren. Eine Besteuerung der Vermögen von sehr reichen Haushalten mit mehr als einer Million Euro Nettovermögen betrifft also lediglich 5% der Bevölkerung – und damit keinesfalls die Mittelschicht (die es bei Vermögen aber ohnehin nicht wirklich gibt).

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