Interview: Thomas Wagner über die Gefahren der Technologiereligion

Thomas Wagner spricht im Interview über die demokratiefeindlichen Folgen einer neuen Technologiereligion, die von Leuten im Umfeld mächtiger Internetkonzernen voran getrieben wird. Die durch das Zusammenspiel massiver staatlicher Förderung und kapitalistischer Konkurrenz in Gang gesetzte Dynamik der Produktivkraftentwicklung,  würden dem Gedanken Plausibilität verleihen, dass sich buchstäblich für alle Probleme letztlich technische Lösungen finden ließen. Dass Unterschiede zwischen arm und reich, oben und unten, krank und gesund überwiegend soziale Ursachen haben, würden dabei ausgeblendet. Und das habe gefährliche Folgen.

 

Sie beschäftigen sich in Ihrem Buch mit der Theorie der Singularität? Was steckt hinter diesem Begriff?

Ich befasse mich in meinem Buch „Robokratie“ mit einflussreichen Leuten aus dem Umfeld mächtiger Internetkonzerne, die verkünden, dass wir auf eine sogenannte Intelligenzexplosion zulaufen, aus der denkende, mit Bewusstsein und eigenem Willen ausgestattete Maschinen hervorgehen, die dem Menschen in jeder Hinsicht überlegen sind und ihn als in wenigen Jahrzehnten als dominierende Spezies ablösen sollen.

Grundlage für dieses Szenario sind die die rasanten Entwicklungen, die auf vielen Gebieten der Wissenschaft, der Datenverarbeitung, Kommunikation und Produktion mit Hilfe der stetig wachsenden Leistungsfähigkeit von Computern zu beobachten sind. Diese Entwicklungen, so nimmt man an, verstärkten sich gegenseitig, leiteten die physische Verschmelzung von Mensch und Maschine ein und führten schließlich zur Geburt einer nichtbiologischen „Superintelligenz“, die zugleich den Beginn einer neuen Stufe der Evolution markiere..

Weil das Schicksal der Gattung zu diesem Zeitpunkt nicht mehr in ihrer Hand liege und Prognosen über die weitere Entwicklung des Menschen nicht mehr möglich seien, sprechen die Anhänger dieser Zukunftsvision von der sogenannten Technologischen Singularität.

Der Erfinder Ray Kurzweil, heute Chefingenieur bei Google, hat diese Idee in mehreren Büchern, die in den USA Bestseller wurden, populär gemacht. Sie hat, wie der Software-Pionier und Autor Jaron Lanier 2014 in seiner Dankesrede zur Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels, sagte, unter den Leitern und Mitarbeitern von US-Technologieunternehmen wie Google und Facebook besonders viele Anhänger. Das dem tatsächlich so ist, hat mir der Vize-Chef des deutschen Springerkonzerns, Christoph Keese, vor einige Zeit in einem Gespräch bestätigt. Er hatte sich während eines längeren Aufenthalts im Silicon Valley mit vielen dieser Leute unterhalten.

Der Philosophie-Professor Nick Bostrom spricht statt von „Technologischer Singularität“ lieber von „Superintelligenz“. Er leitet an der Oxford-University das Future of Humanity Institute, tritt als Technologie-Experte im EU-Parlament und im britischen House of Lords in Erscheinung.

Kurzweil wiederum hat das US-Militär im Hinblick auf künftige Forschungsinvestitionen beraten.

Er und der Raumfahrtunternehmer Peter H. Diamdis haben 2009 mit Unterstützung der US-Raumfahrtbehörde NASA, Googles und weiterer High-Tech-Konzerne im kalifornischen Silicon Valley die Singularity University gegründet. Darin werden sogenannte Eliten aus Wirtschaft, Wissenschaft und Politik mit tatsächlichen oder vermeintlichen Zukunftsentwicklungen vertraut gemacht sowie Start-ups gefördert. Zum Beispiel indem man sie an Risikokapitalgeber vermittelt. Bostrom ist Mitbegründer der weltumspannenden transhumanistischen Organisation Humanity+, welche die Ideologie der Singularität verbreitet.

Sie warnen vor Gefahren für unsere Demokratie. Diese geht aber nicht von Maschinen aus, die intelligenter sind, als wir, sondern von den Menschen, die das Potential solcher intelligenter Maschinen überschätzen. Was ist das Gefährliche an der Ideologie aus dem Silicon Valley?

Zunächst halte ich die Auffassung, dass alle wissenschaftlichen Anstrengungen darauf gerichtet sein sollten, den Menschen aus Fleisch und Blut so schnell wie möglich durch ein künstliches Wesen zu ersetzen, das als unsterblicher Weltraumpionier das Universum zunächst erobern und dann intelligent machen soll, für eine Schreckensvision, welche die Gehirnwäsche der Scientology-Sekte und die barbarischen Visionen des sogenannten Islamischen Staates weit hinter sich lässt. Auch wenn Ray Kurzweil und viele seiner Mitstreiter auf den ersten Blick wie menschenfreundliche Zeitgenossen wirken. Harmlos ist ihr Tun nicht.

Der „Islamische Staat“ will alle in seinen Augen Ungläubigen töten oder versklaven. Die Anhänger der Singularitätsidee sind bestrebt, Technologien zu entwickeln, die die Menschheit als Gattungswesen noch in diesem Jahrhundert überwinden sollen. Man muss sich vor Augen führen, was das bedeutet: die Vernichtung der gesamten Menschheit, wie wir sie kennen. Der menschliche Geist soll dann in der Computer-Cloud ein ewiges Leben führen. Kurzweil sagt: „Gott ist nicht, Gott wird.“ Die radikalen Islamisten wollen ihrem Gott nur gehorchen, Leute wie Kurzweil glauben, dass sie selbst einen künstlichen Gott erschaffen. Sie sind die modernen Viktor Frankensteins, allerdings nicht als fiktive Figuren, sondern als ganz reale Menschen mit direktem Zugang zu den Mächtigen dieser Welt.

Dass sich demokratisch gewählte Regierungen von Leuten wie ihm beraten lassen und mächtige Unternehmer und Investoren wie Bill Gates, der PayPal-Gründer Peter Thiel, der Tesla- und SpaceX-Gründer Elon Musk und die Google-Gründer Brin und Page zu den Unterstützern und Verkündern dieser Technoreligion gehören, gibt Anlass zur Besorgnis.

Kurzweil und Co. bringen ein Argument in Stellung, mit dem sie jede Kritik aus dem Feld schlagen zu können glauben. Es lautet: wer im Hinblick auf die Entwicklung riskanter Technologen warnt und auf die Bremse tritt, verhindert, dass noch die gegenwärtig auf der Erde wandelnden Generationen in den Genuss einer diesseitigen Unsterblichkeit gelangt.

Wer und was treibt diese Ideen voran?

Die durch das Zusammenspiel massiver staatlicher Förderung und kapitalistischer Konkurrenz in Gang gesetzte Dynamik der Produktivkraftentwicklung, man denke an die Entwicklungen in der Mikroelektronik und das Internet, verleihen dem Gedanken Plausibilität, dass sich buchstäblich für alle Probleme letztlich technische Lösungen finden ließen. Das geht bis zur Überwindung des Todes durch den medizinischen Fortschritt. Der blitzgescheite Intenetkritiker Evgeny Morozov hat für diese Sichtweise den Begriff „Solutionsmus“ geprägt.

Durch die in der Internetwirtschaft zu beobachtenden Phänomene exponentiellen Wachstums, wird diese Ideologie scheinbar bestätigt. Dass der Unterschied zwischen arm und reich, oben und unten, krank und gesund überwiegend soziale Ursachen hat, blendet der Solutionismus aus. Er kombiniert technokratische Allmachtsphantasien mit dem Glauben an die segensreiche Wirkung radikal entfesselter kapitalistischer Konkurrenz, an deren Ende die Herrschaft weltbeherrschender Monopolunternehmen stehen soll, wie es der Milliardär und Singularitätsanhänger Peter Thiel in seinem Buch „Zero to one“ fordert. Zwar sind die Ideen von der künftigen Roboterherrschaft nicht neu. Neu ist, dass ihre Vertreter heute als Experten für Künstliche Intelligenz, Robotik und Nanotechnologien hoch gehandelt werden, öffentliche Forschungsgelder erhalten, vor allem aber vom international agierenden Internetkapital massiv unterstützt werden.

Das hat damit zu tun, dass das Silicon Valley vernarrt ist in die Idee des exponentiellen Wachstums. Risikokapitalgeber investieren am liebten in Unternehmen, die ganze Märkte zerstören und das Leben von Milliarden Menschen mit einem Schlag verändern wollen. Man nennt das „Disruption“. Deswegen haben Ideen, die zunächst größenwahnsinnig erscheinen, eine bessere Förderungschance als solche, die sich im Rahmen des Üblichen bewegen. Die Investorenstrategien in der Technologiebranche bilden daher einen guten Nährboden für verrückte Ideen. Hinzu kommt das Kalkül, das auch bei ehrgeizigen Projekten, die am Ende scheitern, Erkenntnisse erlangt werden, die sich zu Geld machen lassen bzw. die Forschung vorantreiben. Das Militär hat ein besonderes Interesse an der Entwicklung autonom agierender Waffensysteme. In wenigen Jahrzehnten sollen Kampfjets ohne Piloten fliegen und Gefechte selbstständig führen können.

Diese Ideen sind bei uns noch nicht besonders weit verbreitet. Oder ist das eine Täuschung?

Jedenfalls werden sie nicht ernst genug genommen und bestenfalls als Science Fiction betrachtet. Zu wenig ist beispielsweise erkannt, dass die Frage, ob die Europäische Union sich mit bewaffneten Drohnen ausrüstet, von zentraler Bedeutung ist. Wollen wir eine neue Rüstungsspirale in Gang setzten, in deren Verlauf immer autonomer agierende Waffensysteme hervorgebracht werden? Diese Entwicklung muss hier und heute durch entsprechende internationale Rüstungskontrollvereinbarungen gestoppt werden.

Zwar ist der Begriff Technologische Singularität in Europa noch nicht sehr bekannt, doch die apokalyptische Idee der Roboterherrschaft ist Bestandteil populärwissenschaftlicher Doku-Filme, die vom Discovery Channel über den Globus verbreitet werden. Oft werden sie moderiert von dem Physiker Michiu Kaku, der zudem Bestsellerautor ein ist, dessen Bücher auch in deutscher Sprache erscheinen. Der renommierte Suhrkamp Verlag verlegt Nick Bostroms „Superintelligenz“ und führt 2015 mehrere Titel im Programm, die das Für und Wider von Unsterblichkeit diskutieren. Auch in die vermeintliche seriöse Geschichtsschreibung hat die Idee der künftigen Roboterherrschaft längst Einzug gehalten. Die in den vergangenen fünf Jahren erschienenen populären Weltgeschichten von Ian Morris („Wer regiert die Welt?“, „Krieg. Wozu er gut ist“) und Yuval Noah Harari („Eine kurze Geschichte der Menschheit“) münden jeweils in einem Ausblick auf die kommenden Jahrzehnte, in der die Menschheit durch intelligente Maschinenwesen abgelöst werden soll. In der akademischen Linken werden posthumanistische Ideen unter dem Stichwort „Akzelarationismus“ geführt. Seit einigen Jahren mehren sich zudem auch in Europa wirtschaftsnahe Tagungen, die um das Thema „Technologische Singularität“ kreisen. Am 6. September 2015 beispielsweise die Berliner TedX-Konferenz. 2014 veranstaltete die Singularity University aus Kalifornien eine Konferenz in Amsterdam. Solche Veranstaltungen richten sich an elitäre Kreise. Tagungssprache ist Englisch.

Beeinflusst vom Solutionismus ist meines Erachtens zudem die von der Piratenpartei verbreitete Vorstellung, dass die Demokratie, um demokratischer zu werden, ein „neues Betriebssystem brauche“, also vor allem technisch aufgerüstet werden müsse. Die damit einhergehende Abwertung der Interessenvertretung durch Parteien und Organisation hat meines Erachtens einen tendentiell antidemokratischen Effekt.

Welchen Einfluss können diese Ideen auf unser tägliches Leben haben?

Für gefährlich halte ich die Vorstellung, dass wir auf die technologische Entwicklung keinen Einfluss nehmen können. Die Konzerne versuchen uns ihre Idee von Fortschritt aufzuzwingen, dabei gibt es immer wieder verschiedene Wege, die eingeschlagen werden können. Wer annimmt, dass der menschliche Geist künftig mit Maschinen buchstäblich verschmilzt, für den ist die Idee der Privatsphäre beispielsweise ein Anachronismus. In jüngster Zeit melden sich immer wieder Journalisten und Experten zu Wort, die behaupten, dass sich künftige Generationen für die Privatsphäre nicht mehr interessieren würden. Das ist nicht auszuschließen. Doch wem an Demokratie gelegen ist, muss sich mit aller Kraft dagegen stemmen.

Was die Technologische Singularität angeht, so glaube ich, dass diese Idee in dem Masse präsenter sein wird, in dem die Start-up-Kultur in Europa Einzug hält. Es gibt Bestrebungen, aus Berlin das europäische Silicon Valley zu machen. Wenn das gelingt, entsteht dort auch eine Trägerschicht für entsprechendes Gedankengut. Überall in Europa werden in diesen Monaten transhumanistische Parteien gegründet. In Deutschland am 27. September 2015. Vorbild ist die im vergangenen Jahr gegründete Partei des US-Präsidentschaftskandidaten Zoltan Istvan. In Großbritannien und in Italien sind Transhumanisten bereits zu Wahlen angetreten. Dahinter scheint die internationale Organisation Humanity+ zu stehen. Jedenfalls ähneln sich die Internetseiten dieser Parteien und Parteien in Gründung. Sollte sich mit den entsprechenden Investitionen in die Start-up-Szene auch in Europa eine Spielart der Kalifornische Ideologie entwickeln, würden sich die Agitationschancen dieser Parteien jedenfalls vergrößern.

Das Interview führte Sylvia Kuba

Thomas Wagner ist am 1. Oktober 2015 um 19.00 Uhr zu Gast bei den Wiener Stadtgesprächen. Die Anmeldung ist hier möglich.