Österreichs BIP pro Kopf in der EU-Spitzengruppe

(ein sehr ähnlicher aktuellerer Artikel ist hier zu finden)

Österreichs Wirtschaftsleistung je EinwohnerIn lag auch 2015 in der Spitzengruppe der EU-Länder. Mit 36.400 Euro übertraf sie den EU-Durchschnitt um 27%, damit stärker als zu Beginn der Finanzkrise (2007: 23%). Die harten Fakten stehen einmal mehr in krassem Widerspruch zum verbreiteten, aber sachlich nicht fundierten Lamento über die fehlende Wettbewerbsfähigkeit des Standorts.

Österreich an vierter Stelle der EU-28

Das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf zu Kaufkraftstandards bildet in internationalen Statistiken den gebräuchlichsten Indikator für die Wirtschaftsleistung eines Landes. Mit einem Wert von 36.400 Euro für 2015 steht Österreich weiterhin an vierter Stelle in der EU, nach Luxemburg, Irland und den Niederlanden, unmittelbar nach uns folgen Deutschland, Dänemark und Schweden.

BIP pro Kopf
Quelle: Eurostat.

Luxemburg und Irland: Steuerdumping schadet

Gerade der Vergleich mit manchen Ländern, die eine höhere Wirtschaftsleistung pro Kopf aufweisen, relativiert den Indikator: Bei Luxemburg (77.800 Euro) handelt es sich um eine Stadt mit Umland, also etwa so als würde man Wien und den Speckgürtel international vergleichen, zudem hat Luxemburg Leaks aufgezeigt, dass ein erheblicher Teil der Wirtschaftsleistung auf problematische Weise erbracht wird.

Ähnliches kann über die irischen Steuerpraktiken gesagt werden. Am Beispiel Irlands zeigt sich aber auch, dass der Indikator nur eingeschränkt als Maß für den materiellen Wohlstand geeignet ist: Denn ein erheblicher Teil der Wirtschaftsleistung fließt an die durch ein Dumping-Steuersystem angelockten amerikanischen und britischen Multis und erhöht damit nicht direkt die Einkommen der irischen Bevölkerung (die Diskrepanz zwischen Bruttoinlandsprodukt und Bruttonationaleinkommen beträgt mehr als 20%, in Österreich macht sie weniger als 1% aus).

Stetiger Abstieg der Niederlande und Italiens

Bei den Niederlanden überrascht wiederum wie kontinuierlich der Vorsprung gegenüber dem EU-Durchschnitt über Jahre hinweg schrumpft: Einst war das niederländische Poldermodell hochgepriesen, es verknüpfte gute sozialstaatliche Absicherung mit funktionierender Sozialpartnerschaft und flexiblen Arbeitsmärkten; doch die Politik hat die bewährten Institutionen mit dem neoliberalen Argument der Verbesserung der Wettbewerbsfähigkeit zerschlagen und damit fehlt nun ein volkswirtschaftlich brauchbares Konzept.

BIP pro Kopf
Quelle: Eurostat, eigene Berechnung.

Auch Italien befindet sich in einem kontinuierlichen Schrumpfgang, das BIP pro Kopf ist mittlerweile sogar unter den EU-Durchschnitt gefallen. Umso erfreulicher, dass Österreichs wichtigster Handelspartner Deutschland sich kontinuierlich verbessert: Während Deutschland in den 2000er Jahren überwiegend wegen fehlender Konsumnachfrage und schwacher Bauinvestitionen auf der Kriechspur war, legte es in den letzten Jahren gerade in diesem beiden Bereichen zu.

Österreich 2015: Starke Exportindustrie, schwache Konsumnachfrage

Die Entwicklung im Jahr 2015 zeigt die Stärken und Schwächen der heimischen Wirtschaft neuerlich deutlich: Das Bruttoinlandsprodukt stieg real um 1%, etwas schwächer als in Deutschland und der Eurozone. Relativ kräftig expandierte jener Sektor, der im internationalen Wettbewerb steht: Der Export konnte real um 3,6% ausgeweitet werden, die Wertschöpfung in der Industrie um 1,8% (Herstellung von Waren) und die Investitionen in Maschinen um 4,8%. Hingegen stagnierte die inländische Nachfrage: Konsumnachfrage der privaten Haushalte real 0%, Wohnbau +0,9%.

Für das heurige Jahr zeichnet sich dank Steuerreform und Wohnbauinitiative gerade in den letztgenannten Bereichen eine Verbesserung ab, deshalb dürfte das BIP nun im Gleichklang mit Deutschland und der Eurozone real um 1,5% bis 2% zulegen.

Alternative Wohlstandsindikatoren müssen an Bedeutung gewinnen

Die Beobachtung der Konjunktur und die internationalen Vergleiche der Wirtschaftsleistung pro Kopf dürfen allerdings nicht darüber hinwegtäuschen, dass das BIP in nur recht eingeschränktem Maß als Wohlstandsindikator brauchbar ist: Es ist zu sehr auf die Messung von Produktion zu den auf den Märkten erzielten Preisen ausgerichtet und berücksichtigt die tatsächlichen Konsummöglichkeiten zu wenig (dafür ist das real verfügbare Haushaltseinkommen pro Kopf besser geeignet); es negiert die zunehmend wichtigen Bestandsgrößen wie Vermögen, Ressourcen, Wissen; es berücksichtigt nicht wie viel Arbeitszeit für die Produktion von Gütern aufgewendet werden muss; es erfasst Qualitätsänderungen sowie soziale Dienstleistungen zu wenig und berücksichtigt den mit der Produktion verbundenen Material- und Ressourcenverbrauch nicht; vor allem spiegelt es die Verteilung der Einkommen und Vermögen nicht, was die Verwendung als Wohlstandsmaß drastisch einschränkt.

Deshalb ist es dringend notwendig, alternative Indikatoren über die Messung des Wohlstandes nicht nur zu entwickeln, wie dies Statistik Austria in vielversprechender Weise seit einigen Jahren tut, sondern auch, diesen in der Praxis der Wirtschaftspolitik den geeigneten Stellenwert einzuräumen.