Wenn sich Arme reich machen – Österreichs eigenwilliges Verhältnis zur Mitte und die Statistik der Haushaltseinkommen

Als im letzten Dezember die neuen Daten zu den Haushaltseinkommen in Österreich veröffentlicht wurden, konnte man einen nicht unbeträchtlichen Anstieg der Armutsgefährdungsquote feststellen – von 12,6 % im Jahr 2011 auf 14,4 % der Bevölkerung 2012. Was war geschehen? Weist die Statistik „endlich“ die Folgen der Wirtschaftskrise aus? Oder gar das anekdotisch von vielen wahrgenommene Auseinanderklaffen von arm und reich? Weder noch! Es wurde bei der Erstellung der Statistik schlicht dazu übergegangen von der Erfragung der Einkommensverhältnisse auf „harte“ Verwaltungsdaten zu wechseln. Das Ergebnis ist ein besserer Blick auf die wahren Einkommensverhältnisse.

Eine Umstellung mit Folgen

Die jährlich von Statistik Austria durchgeführte Befragung EU-SILC (European Union – Statistics on Income and Living Conditiones) ermöglicht als einzige einen Einblick in die Einkommen ganzer Haushalte und nicht nur von nicht miteinander in Verbindung stehender Individuen. Dabei werden alle Einkommen berücksichtigt, nicht nur jene mit Erwerbsbezug. Unter anderem sind auch Arbeitslosen-, und Altersleistungen, Familienbeihilfen und Stipendien sowie Wohnbeihilfen inkludiert. Auf diese Weise können die tatsächlichen Lebensbedingungen von Familien erfasst werden.

Bis 2011 wurden alle diese Einkommen mit Hilfe einer Befragung erhoben. Dabei kam es allerdings – verständlicherweise – nicht selten dazu, dass Einkommen nicht angeführt wurden (kurze Bezugszeiträume, die daher schon wieder vergessen waren; nicht mitberücksichtigte Sonderzahlungen oder Prämien,…). Für eine zusätzliche Unschärfe sorgte die Verzerrung der Ergebnisse durch sozial erwünschte Antworten, besonders hohe Einkommen kleiner zu reden oder zu verschweigen, oder kleine Einkommen „aufzurunden“. Mit der Befragung 2012 wurden die Einkommensverhältnisse, wie oben beschrieben, soweit als möglich, nicht mehr durch Befragung, sondern durch Nutzung bereits vorhandener Verwaltungsdaten zu Erwerbseinkommen und Sozialleistungen ersetzt. Im Schnitt konnten etwa 85 % der benötigten Daten auf diesem Weg erfasst werden, was die Datenqualität erheblich verbessert hat.

Alle gehören zur Mittelschicht…

Die Ergebnisse sind bemerkenswert. Vergleicht man die Armutsgefährdung für 2011 (das einzige Jahr, das einen uneingeschränkten Vergleich zulässt), so ergibt die neue Berechnungsmethode im Vergleich zur alten einen Anstieg der Betroffenen um beinahe 156.000 Personen. Anders ausgedrückt: Viele Menschen mit niedrigen Einkommen haben ihre Einkommenssituation in der Befragung besser dargestellt, als es die Verwaltungsdaten belegen und damit ein Einkommen über der Armutsgrenze „erreicht“, das nicht der Realität entspricht!

Genau das Gegenteil zeigt sich bei den Personen mit hohem Einkommen. Sie haben ihre Einkommen in der Befragung kleiner gemacht, als den Verwaltungsdaten zu entnehmen ist. In Zahlen ausgedrückt hat die Umstellung dazu geführt, dass die Summe der einkommensstärksten 20 % der Haushalte nicht mehr das 3,8-fache der 20 % einkommensschwächsten Haushalte zur Verfügung hat, sondern das 4,1-fache.

… bei Einkommen wie bei Vermögen

Ganz ähnliche Ergebnisse zeigte die in diesem Blog bereits mehrfach behandelte Vermögenserhebung. Zusätzlich zur schon oft beschriebenen Untererfassung großer Vermögen ist auch dort das Credo zur Mittelschicht gehören zu wollen, unübersehbar. Verglichen mit der vergleichsweise geringen Ungleichverteilung der (Haushalts-)Einkommen ist es bei den Vermögen jedoch noch um vieles realitätsferner.

Fazit: die Ungleichheit ist höher als bisher angenommen

Zusammenfassend zeigen uns die neuen Daten zu EU-SILC daher dreierlei: Erstens, dass die Verteilung der (Netto-)Haushaltseinkommen ungleicher ist als bisher angenommen, und zwar in einem nicht unerheblichen Ausmaß. Zweitens, dass der allgemeine Wunsch zur Mittelschicht zu gehören nicht viel mit der messbaren Realität zu tun hat. Und drittens, dass für den Beleg des Auseinandertriftens von arm und reich auch weiterhin besser auf andere Daten zurückgegriffen werden sollte, beispielsweise auf die Entwicklung der BezieherInnen der Bedarfsorientierten Mindestsicherung.

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