Einwanderungsland Österreich

Die Anwerbung ausländischer Arbeitskräfte, Flüchtlingsströme und die Politik der Europäischen Union haben seit den 1960er Jahren dazu geführt, dass die kulturelle Zusammensetzung der Gruppe der MigrantInnen einem ständigen Wandel unterzogen war. Ebenso hat sich die Ausbildungsstruktur dieser Gruppe relativ zur Mehrheitsbevölkerung verändert, wobei hier positive Entwicklungen festzustellen sind. Die Arbeitsmarktsituation von MigrantInnen in Österreich ist allerdings strukturell schlechter als jene der MehrheitsösterreicherInnen und stellt damit eine große Herausforderung an die Integrationspolitik dar.

 

Demografische Entwicklung

Seit der Anwerbung ausländischer Arbeitskräfte in den 1960er Jahren hat sich Österreich schrittweise zu einem Einwanderungsland entwickelt. Verlief diese Entwicklung bis zum Ende der 1980er Jahre noch relativ mäßig, kam es mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion und einer verstärkten internationalen wirtschaftlichen Vernetzung vermehrt zu Wanderungsbewegungen. Der Anteil der Migrationsbevölkerung an der österreichischen Gesamtbevölkerung ist bis heute kontinuierlich gestiegen. Diese Entwicklung lässt sich in allen Bundesländern feststellen, wobei die Anteile der nicht-österreichischen Bevölkerung unterschiedlich verteilt sind. Zu Jahresbeginn 2014 lebten etwa 1,07 Million Menschen mit nicht-österreichischer Staatsbürgerschaft in Österreich. Das entspricht einem Anteil von 12,5% an der Gesamtbevölkerung. In Wien ist der Anteil an nicht-österreichischen StaatsbürgerInnen mit 24,2% am größten, im Burgenland mit 6,8% am geringsten.

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 Statistik Austria, Jahresdurchschnittswerte

Im europäischen Vergleich liegt Österreich über dem europäischen Durchschnitt. Das gilt sowohl für den Anteil der Bevölkerung mit Migrationshintergrund als auch für die Menschen mit fremder Staatsbürgerschaft. Die Ursachen hierfür sind vielfältig. Neben einer bewussten Anwerbestrategie und temporären Flüchtlingsbewegungen wie etwa während des Jugoslawienkrieges macht seine aktuelle ökonomische und politische Stabilität Österreich zu einem attraktiven Migrationsziel.

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Die Gruppe der MigrantInnen ohne österreichischer Staatsbürgerschaft setzt sich aus unterschiedlichen Untergruppen zusammen. Eine Analyse der Staatsbürgerschaften zeigt, dass die Anteile der türkischen Bevölkerung und der Menschen aus den Gebieten des ehemaligen Jugoslawiens an der österreichischen Gesamtbevölkerung seit Mitte der 1990er Jahre leicht zurückgegangen sind (Abbildung 3). Dagegen steigt der Anteil von Menschen aus anderen Gebieten seit der Jahrtausendwende stark an. Das bedeutet, dass die wachsende Migrationsbevölkerung in Österreich immer weniger von als typisch geltenden Einwanderungsgruppen dominiert wird.

Wird die Gruppe der aus dem ehemaligen Jugoslawien stammenden MigrantInnen in die einzelnen Bevölkerungsgruppen der Region unterteilt, so zeigt sich, dass die in Österreich lebenden Deutschen derzeit den größten Anteil an der nicht-österreichischen Bevölkerung darstellen, wobei jener sich seit 2010 nicht mehr maßgeblich verändert hat.

Die am schnellsten wachsenden ausländischen Bevölkerungsgruppen stammen aus den Ländern, die 2004 und 2007 der Europäischen Union beigetreten sind. Das Anteilswachstum setzte jeweils in Folge der Beitritte ein und erklärt sich durch die schrittweise wachsende Freizügigkeit, die mit der Aufnahme in die EU einhergeht.

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Bildungsstand

Seit der Volkszählung 1971 zeigt der Trend sowohl bei der inländischen als auch bei der Migrationsbevölkerung eine Verschiebung der Bildungsstruktur von der Pflichtschule als höchster abgeschlossenen Ausbildungsstufe zu höheren Ausbildungsstufen (vgl. Abbildungen 4 und 5[1]). Seit 1971 ist in beiden Gruppen der Anteil jener, die höchstens eine Pflichtschulausbildung absolviert haben, kontinuierlich gesunken. Demgegenüber stiegen die Anteile der Personen, welche eine Lehre, eine berufsbildende mittlere Schule, höhere Schule und tertiäre Ausbildungsprogramme absolvierten, wobei es im Vergleich zur Bevölkerung mit österreichischer Staatsbürgerschaft seit 1991 zu einem verstärkten Wachstum des Anteils von MigrantInnen kam, die höchstens einen Lehr- bzw. BMS-Abschluss besitzen. Allgemein ist noch hervorzuheben, dass die Verteilung der Ausbildungsniveaus innerhalb der beiden Gruppen seit 1971 immer ähnlicher geworden ist, wobei Personen, die höchstens einen Pflichtschulabschluss besitzen und AkademikerInnen unter MigrantInnen einen höheren Anteil stellen als in der Gruppe der Mehrheitsbevölkerung.

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[1]           Das Booklet „Migration und Integration 2014“ der Statistik Austria kommt zu ähnlichen Zahlen für das Jahr 2013. Die Abweichungen zu meinen eigenen Berechnungen sind minimal und scheinen von der Berechnungsart im Jahr 2012 abzuweichen.

Arbeitsmarkt

Die Anteile der Erwerbstätigen an der Summe der Erwerbs- und Nichterwerbspersonen sind bei den Gruppen der Menschen mit und ohne Migrationshintergrund praktisch gleich (57,7% und 58,7%). Das deutet darauf hin, dass beide Gruppen mit derselben Intensität am Arbeitsmarkt teilnehmen. Ein signifikanter Unterschied ergibt sich jedoch bei den Arbeitslosenquoten der jeweiligen Gruppen gemessen als Anteil der als arbeitslos gemeldeten Personen an der Menge der Erwerbspersonen. Sie beträgt für Menschen ohne Migrationshintergrund 3.7% und für Menschen mit Migrationshintergrund 9.8%.[1] Diese Differenz findet sich bei allen Bildungsniveaus und Altersgruppen, wobei die Arbeitslosenquote unter MigrantInnen zum Teil dreimal so hoch ist wie jene der MehrheitsösterreicherInnen.

Abbildung 6 zeigt die Entwicklung der Arbeitslosenquote der Bevölkerung mit und ohne österreichischer Staatsbürgerschaft seit 1974. Die Arbeitslosenquote der MehrheitsösterreicherInnen verläuft seit Mitte der 1980er relativ konstant, wohingegen sie unter den MigrantInnen eine wesentlich höhere Volatilität aufweist und stärker auf Veränderungen des gesamtwirtschaftlichen Umfeldes reagiert.

Deutlich wird in der Abbildung auch die immer größer werdende Differenz zwischen den Arbeitslosenquoten. Diese betrug Anfang der 1980er noch weniger als einen Prozentpunkt und ist seitdem auf über 5 Prozentpunkte gestiegen. Die größte Differenz bestand im Jahr 2004 mit 7,4 Prozentpunkten.

[1]           Eigene Berechnungen. Quelle: Statistik Austria, Mikrozensus-Arbeitskräfteerhebung 2013, Jahresdurchschnitt über alle Wochen.

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Das analysierte Datenmaterial macht deutlich, dass Menschen mit Migrationshintergrund bzw. nicht-österreichischer Staatsbürgerschaft, unabhängig von ihrem Bildungsniveau und Alter, am österreichischen Arbeitsmarkt benachteiligt werden. Wenn Integration bedeutet, dass es in gesellschaftlichen Teilsystemen wie etwa dem Arbeitsmarkt keine systematischen Unterschiede zwischen MigrantInnen und der Mehrheitsbevölkerung gibt, dann gelingt dies in Österreich zunehmend schlechter. Die Gründe dafür sind vielschichtig und können im Rahmen dieses Beitrages nicht erschöpfend diskutiert werden. Ein ökonomischer Ansatz wäre folgender: Wenn Zuwanderungsströme nicht vom Arbeitsmarkt aufgenommen werden können, führt das automatisch zu einer höheren Arbeitslosenquote unter den MigrantInnen. Da die bestehenden Dienstverhältnisse der Bevölkerung zunächst nicht von Migrationsbewegungen beeinflusst werden, bleibt die Arbeitslosenquote der MehrheitsösterreicherInnen konstant.

Bei gleicher Verteilung der Ausbildungsniveaus und anderer allgemeiner Persönlichkeitsmerkmale wie etwa Sprachkenntnisse oder Teamfähigkeit müssten sich die Arbeitslosenquoten der beiden Gruppen einander strukturell annähern. Das ist in den letzten 30 Jahren jedoch nicht geschehen. Weder ist die Arbeitslosenquote unter MigrantInnen gesunken, noch ist jene unter den MehrheitsösterreicherInnen gestiegen. Das deutet zwar auf eine effektive Sicherung der Arbeitsplätze von österreichischen StaatsbürgerInnen hin, aber genauso auf massive Probleme der

Integration von MigrantInnen in den österreichischen Arbeitsmarkt abseits ihrer fachlichen Qualifikation. Das legt den Schluss nahe, dass MigrantInnen am österreichischen Arbeitsmarkt aufgrund ihrer kulturellen Herkunft bei Einstellungsprozessen benachteiligt werden, sei es bewusst oder unbewusst.

Ein anderer Grund für die deutliche Differenz der Arbeitslosenquoten könnte darin bestehen, dass MigrantInnen vermehrt in konjunkturabhängigen Branchen arbeiten bzw. befristete Beschäftigungsverhältnisse aufweisen, die ein höheres Arbeitslosigkeitsrisiko verursachen.[1]

Erfolgreiche Integrationspolitik bestünde damit nicht mehr nur in einem Maßnahmenkatalog, der ausschließlich auf MigrantInnen abzielt. Angesichts eines immer offeneren europäischen Arbeitsmarktes, eines wachsenden Anteils der ausländischen Bevölkerung in Österreich (Abbildung 1) und dem damit einhergehenden Wachstum an kultureller Vielfalt (Abbildung 3) sollte über Konzepte nachgedacht werden, die es Betrieben und MigrantInnen erleichtern, kulturelle Unterschiede bei Einstellungsgesprächen bewusst wahrzunehmen und entweder zu tolerieren oder – was wünschenswerter wäre – als wertvollen Beitrag zur Unternehmenskultur zu verstehen.