Chancen der Digitalisierung für eine nachhaltige Mobilitätswende

Ist Digitalisierung ein taugliches Werkzeug für die Mobilitätswende oder nur ein einträgliches Geschäftsmodell für Konzerne aus dem Silicon Valley mit katastrophalen Folgen für die Arbeitsbedingungen in der Branche? In der gleichnamigen Veranstaltung von AK und Ökobüro wurden am 28. Oktober 2020 die Chancen der Digitalisierung für eine nachhaltige Mobilitätswende näher beleuchtet und in Bezug zur Erreichung der UN-Nachhaltigkeitsziele (Sustainable Development Goals) gesetzt.

Digitalisierung muss gestaltet werden

So wurde schon anfangs klargemacht, dass beim „Tanz mit der Digitalisierung“ Politik und Gesellschaft die Führung übernehmen müssen. Neue Technologien dürfen nicht zum Selbstzweck und zur Spielwiese der Internetkonzerne werden; denn dafür sind die Schattenseiten – z.B. Stromverbrauch und Datenschutz – zu groß. Sie müssen vielmehr gesellschaftlich nützlich sein. So lassen sich beispielsweise Barrieren, die Menschen von Mobilität ausschließen, abbauen. Generell kann man diese in drei große Gruppen einteilen: (1) „nicht können“, (2) „nicht wissen und (3) „nicht wollen“. In all diesen Fällen kann Digitalisierung durch „Assistenz“ (also Unterstützung), aber auch durch „Service“ – indem beispielsweise Aufgaben wie die Buchung übernommen werden – unterstützen.

Daneben müssen neue Technologien gerade auch im Mobilitätsbereich einen Beitrag zur Bekämpfung der Klimakrise leisten: Einerseits können neue Fahrzeuge, zum Beispiel Elektroautos, elektrische Leihräder oder E-Roller, die Abhängigkeit von fossilen Treibstoffen reduzieren. Andererseits ermöglichen neue Dienste, die auf „Big Data“ beruhen – also Plattformen wie Lieferando, Uber, Lime – womöglich eine effizientere Gestaltung von Wegstrecken und eine bessere Auslastung der Fahrzeuge. Lieferdienste mit FahrradbotInnen setzen die autofreie Essenszustellung als neuen Standard durch, Sharing-Dienste versprechen Ressourcen zu schonen, weil der private PKW-Besitz zurückgeht. Wer früher mit dem eigenen Auto in die Stadt gependelt ist, könnte die sogenannte „letzte Meile“ mit einem „geteilten“ Auto, E-Bike oder E-Roller umweltschonender bis zum nächsten Bahnhof fahren.

Herausforderung Plattformkapitalismus

Derzeit werden diese neuen Technologien aber hauptsächlich von privaten Anbietern auf den Markt gebracht, wobei kleinere MitbewerberInnen schnell verdrängt werden. Was dahintersteckt: Plattformkapitalismus. Die neuen digitalen Mobilitätslösungen basieren dementsprechend auf Plattformarbeit: FahrradbotInnen, Uber-LenkerInnen oder „JuicerInnen“ (also jene, die die E-Scooter einsammeln und aufladen) sind mehrheitlich scheinselbstständig und haben deutlich schlechtere Arbeitsbedingungen als Angestellte. Die Sharing-Unternehmen haben oft keinen Sitz in Österreich und sind deshalb schwer zu regulieren. Das könnte im neuen „Digital Services Act“ (früher E-Commerce Richtlinie) auf EU-Ebene verbessert werden. Gerade auf EU-Ebene lobbyieren Plattformbetreiber derzeit aber stark, um die Regeln möglichst locker zu halten. Ihre Strategie ist dabei nicht auf kurzfristige Gewinne ausgerichtet, sondern langfristig. Sie wollen die Monopolstellung auf ganzen Märkten gewinnen, zum Beispiel auf dem Mobilitätsmarkt. Der aggressive Wettbewerb um diese Machtstellung wird – neben dem hohen Kapitaleinsatz – auf dem Rücken der Beschäftigten und der Umwelt ausgetragen. Nachhaltig ist das nicht.

Praxisbeispiele wecken Hoffnung auf sinnvolle Lösungen

Dass es aber auch zahlreiche positive und nützliche Beispiele und Start-Ups in diesem Bereich gibt, wurde in der Veranstaltung ebenfalls klar. Beispielhaft sollen hier die vorgestellten Apps kurz erwähnt werden. Carployee ist eine App, mit der Unternehmen auf effiziente Art ihre MitarbeiterInnen zwecks Bildung von Fahrgemeinschaften vernetzen können. Das soll – durch die Einsparung von Wegstrecken – nicht nur die Umwelt schützen, sondern auch die die Kommunikation unter KollegInnen fördern. Die Beschäftigten profitieren dabei nicht nur von der Kostenersparnis, die Unternehmen können auch maßgeschneiderte Anreizsysteme einrichten, mit denen die Teilnahme belohnt wird.

Einen anderen Weg geht FluidWay. Mit einem digitalen Mobilitätsguthaben können die NutzerInnen multimodale Mobilität einfach in Anspruch nehmen – vom ÖPNV bis zum E- Taxi. Die nächstgelegenen Haltestellen, Leihautos oder E-Scooter werden mit allen notwendigen Informationen direkt in der App dargestellt. Je nach persönlichen Präferenzen werden die besten Routen und anfallende Kosten berechnet. Die Teilnehmenden sollen so auf einfache Art Alternativen zur Fahrt mit dem eigenen PKW kennenlernen, Unternehmen können ihren MitarbeiterInnen oder KundInnen Budgets zur Verfügung stellen und damit Anreize zur Nutzung von alternativen Mobilitätsformen schaffen.

FAIRTIQ ist schließlich eine App, mit der der ÖV stets zum besten verfügbaren Tarif in Anspruch genommen werden kann. Beim Besteigen eines öffentlichen Verkehrsmittels wird die Fahrt in der App aktiviert, an der Endhaltestelle gestoppt. Ohne die Eingabe von Start, Umsteige- und Zielstationen wird daraus automatisch der Tarif berechnet. Mittlerweile nehmen zahlreiche Städte und Verkehrsverbünde im deutschen Sprachraum daran teil, in Österreich bisher der Verkehrsverbund Vorarlberg und die Stadt Linz.

Die Politik ist gefordert – in unterschiedlichen Zusammenhängen

Bei allen Präsentationen wurde es klar, dass die öffentliche Hand gefordert ist, regulierend einzugreifen. Insbesondere Städte, Verkehrsverbünde und die Bundesregierung sind gefordert, die neue Mobilität jetzt schon ganzheitlich zu denken, und proaktiv digitale Lösungen dort zu fördern, wo sie gebraucht werden. Das bestätigten in der Podiumsdiskussion auch VertreterInnen des Österreichischen Gemeindebundes, des BMK sowie von AK und VCÖ. Wichtige Fragen wie die Zugänglichkeit zu Mobilität, die Vermeidung von Rebound-Effekten und die Rolle öffentlicher Finanzierung – auch im Interesse guter Arbeitsbedingungen – müssen dabei unbedingt geklärt werden.

Rationierung von Mobilität als Zukunftsmodell?

In welche Richtung dies gehen kann, zeigt auch ein aktuelles Forschungsprojekt des AIT (Austrian Institute of Technology): Unter dem Motto „So viel wie notwendig – so wenig wie möglich“ werden die notwendigen Reduktionsziele für die CO2-Bilanz über persönliche Mobilitätskonten abgewickelt. Unter Berücksichtigung von räumlicher und sozialer Lage wird jeder/m EinwohnerIn ein individuelles Mobilitätskontingent zugeteilt, das sich über die Jahre entlang eines vorgegebenen Reduktionspfades orientiert. Solch ein hochkomplexes Modell kann nur mittels weitgehender Digitalisierung verwirklicht werden. Über die „Rationierung“ von Mobilität lässt sich natürlich leicht die Nase rümpfen. Sie ist aber zumindest ein hilfreiches Gedankenexperiment, um die Voraussetzungen einer demokratischen und gerechten Mobilitätswende zur Erreichung der Klimaziele auszuloten.

Ein Video der gesamten Online-Konferenz sowie sämtliche Präsentationen sind auf der AK-Homepage verfügbar.

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