„Babylonisches“ Sprachengewirr auf Wiener Baustellen: Steigt damit das Risiko, gibt es deswegen mehr Unfälle? Eine empirische Untersuchung zu einem plurilingualen System mit diglossischer Sprachideologie

Das Hauptergebnis der AK Studie „Kommunikation und Sicherheit auf der mehrsprachigen Baustelle“ ist: Partieführer, Vizepoliere und Poliere mit Migrationshintergrund sorgen durch ihre Mehrsprachigkeit für mehr Sicherheit und reibungslosere Abläufe auf Großbaustellen. Diese Arbeit als Gratis-Übersetzer wird von den Firmen aber nicht bezahlt. Die mehrsprachigen Vorarbeiter und Poliere überbrücken die Kluft zwischen der Baustellensprache Deutsch und den anderen Sprachen der Bauarbeiter.

 

Die Mehrsprachigkeit hat vor allem damit zu tun, dass Generalunternehmen Subfirmen beauftragen, die wiederum Subfirmen beauftragen – und auf Grund der EU-Regeln können Firmen aus allen EU-Ländern mitsamt ihren Beschäftigten zu Leistungen auf den Baustellen beauftragt werden. Auf der Hauptbahnhof-Baustelle in Wien beispielsweise wird neben Deutsch u.a. auch Slowakisch, Polnisch, Türkisch, Ungarisch, Albanisch und Portugiesisch gesprochen.

Zur Durchführung der Baustellen-Studie hat sich im Jahre 2011 ein transdisziplinär arbeitendes Projektteam (Leitung: Prof. Karl Ille, Institut für Romanistik der Universität Wien) zusammengefunden, eine der Aufgaben war die Interpretation von Unfalldaten von Bauarbeitern ohne deutsche Muttersprache. Politisch geht es hierbei um den brisanten Themenkreis „Alle in Österreich müssen Deutsch sprechen“ und um den Stellenwert von Mehrsprachigkeit im gesellschaftlichen Diskurs.

Alloglottes Baustellenpersonal und Unfallstatistiken

Der Hauptverband der österreichischen Sozialversicherungsträger verzeichnet für das Jahr 2010 im Baubereich (ÖNACE F) insgesamt 44.133 Beschäftigte in Wien. Davon haben 16.144 Beschäftigte eine andere als die österreichische Staatsbürgerschaft. Damit ergibt sich im Baubereich in Wien ein Ausländeranteil von rund 37%.

Ein Vergleich mit den Daten der Arbeitsunfallstatistik des Hauptverbandes für den Bereich Bauwesen zeigt auf den ersten Blick, dass Beschäftigte ohne österreichische Staatsbürgerschaft tendenziell seltener verunfallen als ihre österreichischen KollegInnen. So ereigneten sich im Jahr 2010 am Bau in Wien 2.060 Arbeitsunfälle, dabei wurden in 1.619 Fällen ÖsterreicherInnen verletzt. Bei den restlichen 441 Fällen handelte es sich um Angehörige anderer Staaten. Demnach ist der Anteil der Verunfallten ohne österreichische Staatbürgerschaft laut Statistik des Hauptverbandes mit 21% deutlich geringer als der Beschäftigungsanteil, der bei rund 37% liegt. Im Zuge der Projektrecherchen stellte sich jedoch heraus, dass die Arbeitsunfallstatistik des Hauptverbandes in Bezug auf die Erfassung der Staatsbürgerschaft ungenau ist.

In der AUVA-Stichprobe der Arbeitsunfälle im Wiener Baubereich 2010 befinden sich 200 Fälle, davon besitzen 65% der Personen die österreichische und 35% eine andere Staatsbürgerschaft. Mit Hilfe dieser Daten und des Standardfehlers (Standardfehler = [0,35 * 0,65] / 200 = 0,0337) kann das Konfidenzintervall des Anteils der verunfallten Ausländer berechnet werden. Dieses Konfidenzintervall beschreibt den Bereich, in dem in 95% aller (hypothetisch) gezogenen Stichproben der wahre (meistens unbekannte) Wert des Untersuchungsmerkmals liegt. Das für das Merkmal „Staatsbürgerschaft“ und diese Stichprobe (n=200) berechnete 95%-Konfidenzintervall des Anteils der im Baubereich beschäftigten und verunfallten AusländerInnen erstreckt sich von 28,4% bis 41,6%. Damit enthält es nicht den aus der Unfallstatistik des Hauptverbandes ermittelten Wert von 21% ausländischer Verunfallter. Da die Stichprobe der AUVA genauere Daten zur Staatsangehörigkeit der Verunfallten enthält, kann angenommen werden, dass der tatsächliche Anteil der im Baubereich Verunfallten ohne österreichische Staatsbürgerschaft höher ist als der offizielle Prozentwert von 21.

Die Statistik des Hauptverbandes umfasst nur meldepflichtige Unfälle, d.h. Unfälle, die eine mehr als dreitägige Abwesenheit nach sich ziehen oder tödlich enden. Kürzere Krankenständ von Beschäftigten ohne österreichische Staatsbürgerschaft sind daraus nicht ersichtlich.

Die Datenlage der Statistik Austria, der Wirtschaftsklassenstatistik des Hauptverbandes der österreichischen Sozialversicherungsträger und der AUVA erlauben es nicht, die Mehrsprachigkeit des Personals auf den Baustellen abzubilden, da ausschließlich deren Staatsangehörigkeit erfasst ist, von der auf die Muttersprache nur in Wahrscheinlichkeits-, nie aber in Sicherheitswerten geschlossen werden kann. Gleichzeitig muss in der Gruppe der auf Baustellen Arbeitenden mit österreichischer Staatsangehörigkeit von einem relevanten Anteil von Personen mit Migrationshintergrund ausgegangen werden. Rückfragen bei Polieren bei den Baustellenbegehungen des Projektteams haben eine auf ihrem Erfahrungswissen beruhende Einschätzung von einem Anteil österreichischer Arbeiter mit Migrationshintergrund von bis zu einem Drittel an der Gesamtgruppe der österreichischen Staatsbürger auf der Baustelle ergeben. Damit wäre die Gruppe jener Arbeitenden, die mit einer eingeschränkten Deutschkompetenz auf Baustellen verunfallen, als wesentlich umfangreicher anzunehmen.

In der Stichprobe der AUVA scheinen zahlreiche Personen mit österreichischer Staatsbürgerschaft und Geburtsort im Ausland auf, was als starkes Indiz für einen Migrationshintergrund gewertet werden kann. Es liegen auch hier keine weiteren Informationen zu den Sprachkompetenzen oder zum Land, in dem die Pflichtschule absolviert wurde, vor.

Die dem Projektteam von der ARGE Hauptbahnhof Wien zur Verfügung gestellten Unfalldaten wiesen zwar eine Mehrheit von verunfallten ausländischen Arbeitern in einzelnen Teilbereichen aus, deren vermutete generelle Überrepräsentiertheit an den meldepflichtigen Unfällen war allerdings wiederum nicht belegbar, weil der exakte Prozentanteil der ausländischen Arbeiter an der stark fluktuierenden Gesamtgruppe aller Arbeiter nicht rekonstruierbar war. Dennoch gewähren auch die lückenhaften Personal- und Unfalldaten der Großbaustelle Hauptbahnhof Wien Einblicke in die hohe Anzahl der Herkunftsländer der Arbeitenden und die daraus resultierende Vielfalt möglicher Mutter- und Erstsprachen, die nicht nur die erwarteten slawischen, romanischen, finno-ugrischen und germanische Idiome umfassen, sondern sich sogar auch auf Sprachen des afrikanischen Kontinents erstrecken könnten. So verweisen in der Personal-Gesamtliste von 1924 Arbeitenden der Jahre 2010-11 von den 811 ausgewiesenen Staatsbürgerschaften exakt 539 auf einen anderen Staat als Österreich, dem nur noch eine Minderheit von 272 Arbeitenden zugewiesen wird. Neben der Republik Österreich werden weitere 23 Staaten angegeben. Die Hauptkontingente der ausländischen Arbeiter stammten aus  Bosnien, Mazedonien, Türkei, Serbien, Kosovo und Ungarn, wurden jedoch etwa auch durch Staatsbürger Finnlands, Tunesiens oder Angolas ergänzt. Die Hauptgruppen der 277 Personen umfassenden Leiharbeiterliste werden in dieser Datei zu 25,6 % von Serben, zu 12,6 % von Bosniern und zu 10,1 % von Kosovaren konstituiert. Die Unfallstatistik der Großbaustelle Hauptbahnhof Wien weist nun für die Zeit von März 2010 bis Dezember 2011 insgesamt 79 meldepflichtige Arbeitsunfälle aus. Davon entfielen auf die genannte Leiharbeitergruppe mit einem Ausländeranteil von über 65 % exakt 18 Unfälle und damit ein Anteil von 22,8 % an der Gesamtzahl der sich ereigneten Unfälle. Diesem steht jedoch ein deutlich niedrigerer Personalgruppenanteil von 14,6 % in der Datei des Gesamtpersonals gegenüber.

Da mangels einer entsprechenden statistischen Sprachenerfassung weder das generelle Sprachenprofil auf Wiener Baustellen oder auch nur einer einzigen besichtigten Baustelle rekonstruiert werden konnte, kann zum jetzigen Zeitpunkt kein verlässlicher wissenschaftlicher Nachweis dafür erbracht werden, dass ein direkter Zusammenhang zwischen den nicht oder nur eingeschränkt vorhandenen Deutschkenntnissen von Bauarbeitern und einem höheren Risiko, einen Arbeitsunfall zu erleiden, besteht.

Die (Groß)Baustelle mit ihren hohen Anforderungen an Kommunikation und Logistik verdient als komplexes (sozio)linguistisches System weitere vertiefende Untersuchungen. Um sich der Anfangsfrage nach Risiko und Unfallhäufigkeit wissenschaftlich nähern zu können, bedarf es zunächst einer valideren Datengrundlage, das bedeutet konkret: Erfassung der Sprachkompetenzen – also Erstsprache, Zweitsprache(n), Umgangssprache und Kenntnis von Fremdsprachen – der Bauarbeiter in den Statistiken von Hauptverband und AUVA.

Ein klares Ergebnis der AK Studie ist jedenfalls: Entgegen den mehrsprachigen Realitäten der Wiener Baustellen etabliert sich auf diesen meist ein monolingual ausgerichtetes Sprachenregime, welches der deutschen Sprache zur dominanten Baustellensprache mit oftmaligem Schriftlichkeitsmonopol verhilft und alle weiteren Sprachen der Arbeiter weitgehend unberücksichtigt lässt oder sie sogar als Kommunikationshindernisse konzipiert. Deutschkenntnisse der Arbeitsmigranten werden „als selbstverständliche Bringschuld“ eingefordert. Die empirischen Befunde belegen die Manifestation einer diglossischen Sprachideologie, die von einer dominanten deutschen Sprache und dominierten „ausländischen Sprachen“ ausgeht , und damit – in soziologischer Diktion – die Herrschaftsverhältnisse zwischen Anweisungsbefugten und Ausführenden durch eine Hierarchisierung ihrer Sprachen im Sinne symbolischer Machtverteilung noch einmal verstärkt.

Die Studie findet sich zum Download auf http://wien.arbeiterkammer.at/bilder/d186/AK_Studie_Mehrsprachigkeit_2013.pdf

Eine Komplettausgabe inkl. der Experteninterviews folgt in Kürze und wird auch in der AK Bibliothek zur Verfügung stehen (ISBN978-3-7063-0454-2)